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Gedanken zum Amoklauf in Winnenden und Wendlingen (16.03.2009 22:38)
Ich war früher mehrmals Patient der psychiatrischen Klinik in Winnenden und bin in diesen Zeiten auch viel durch die Stadt gewandert. Es hat mich tief betroffen gemacht, dass praktisch direkt gegenüber sich so eine Katastrophe abgespielt hat. Wirklich überrascht haben mich diese Ereignisse aber nicht. Ich hatte schon seit längerer Zeit mit so einem Amoklauf an einer Schule in unserer Region gerechnet. Dass es letztendlich Winnenden und Wendlingen getroffen hat ist purer Zufall.

Die Welt dort ist vermeintlich heil. Sie ist aber irgendwie verhältnismäßig konservativ, gut bürgerlich. Eigentlich behütet, aber das scheint nur so. Während jugendliche Kiffer von den älteren Bürgern als Hip-Hop-Gangster bezeichnet werden, die kriminell sind, saufen die sich selber auf dem nächsten Fest den Kopf weg.
“Geh zur Schule, mach ne Ausbildung und verhalte dich so wie die anderen!“ Für Individualität ist da nicht so viel Platz. Hast du Probleme mit der Psyche sagst du das am besten niemanden. Kein Wunder, dass in so einem Klima solche Phantasien gedeihen können.

Auch ich litt an Depressionen, Ärzte diagnostizierten eine bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung). Ich besuchte auch ein großes Schulzentrum und für Schüler mit psychischen Problemen ist so ein Umfeld pures Gift. In der Schule war ich auch ein Außenseiter, Mobbingopfer und verkroch mich am liebsten in der hintersten Reihe, damit mich ja die anderen in Ruhe lassen, mich nicht ansprechen können und mich so nicht verletzten und kränken können, wie es mir in meiner Schullaufbahn leider so oft passiert ist.
Gerne hätte ich auch viele Freunde gehabt, wäre zu Partys gegangen und hätte mich betrunken aber ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Durch die jahrelange Ausgrenzung hatte ich überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr besessen. Hätte ich andere angesprochen, ich hätte nur stammeln und stottern können, wäre ausgelacht worden. Das wollte ich mir ersparen. Die Situation war schon schlimm genug. Jahrelang musste ich das ertragen und aushalten. Oft hatte ich Angst in die Schule zu gehen. Wegen denen vielen Fehlzeiten waren meine Noten überhaupt nicht gut. Ich war ein Schulversager!

Damals schon war ich in psychologischer Behandlung. Meinen Klassenkameraden und Lehrern erzählte ich nichts davon. Ich glaube auch nicht, dass sie es verstanden hätten.
Über psychische Probleme wurde und wird in unserer Gesellschaft viel zu wenig gesprochen. Es wird versteckt und verheimlicht, man hat Angst vor den Blicken der anderen. Man möchte nicht als „verrückt“ abgestempelt werden. Aufklärung über psychische Krankheiten gibt es in unseren Schulen leider so gut wie keine. Dafür lernen wir alles mögliche über Drogenmissbrauch, die Risiken von Cannabis und Zigaretten und Heroin. Schauen Sie doch mal nach, wie viele Menschen später heroinabhängig werden, und wie ungleich viel mehr später psychische Probleme bekommen. Aufklärung, Entstigmatisierung könnte zu einer neuen Kultur der Kommunikation führen, zu einer neuen Art und Weise, über Probleme zu sprechen. Schauen Sie doch mal in Internetforen, wie viele junge Menschen verzweifelt sind und nicht mehr weiter wissen.
Der Amokläufer war wütend. Sehr wütend. Er erlitt jahrelange Kränkungen und irgendwann konnte er nicht mehr. Es platze aus ihm raus, er wollte sich rächen. Das ist für mich eine allzu verständliche Emotion. Ich dachte nicht an Rache sondern ich wollte den anderen zeigen, wie schlecht es mir geht, was sie mir angetan haben durch ihre Ignoranz und Missachtung. Nur weil ich etwas anders bin als sie, haben sie doch kein Recht mich so fies zu behandeln. Das geht über Jahre und staut sich auf. Ich wollte mich umbringen, vor der ganzen Klasse, damit es alle sehen, damit sie endlich endlich mitbekommen wie verdammt dreckig es mir geht. Wenigstens einmal. Damit sie es einmal sehen und mit den Konsequenzen ihres Verhaltens endlich konfrontiert werden!
Mobbing ist eine brutalte Folter für sensible Seelen und dabei sieht es auf den ersten Blick so harmlos aus, für Lehrer praktisch unmöglich zu bemerken. Man muss nachfragen, wenn man einen Verdacht hat, wenn man sieht, dass ein Schüler nicht mehr richtig mitkommt, dasss er traurig, müde und abgeschlagen ist.
Mobbing beginnt langsam und schleichend. Wenn man sich einer Gruppe nähert verstummt diese plötzlich. Türen werden einem nicht offen gehalten oder wenn man das Klassenzimmer wieder betritt liegen plötzlich die Schulsachen auf dem Boden, fehlen vielleicht sogar ganz. Der Lehrer fragt: Wo sind die Hausaufgaben? Der Schüler lügt. Die Scham die Wahrheit zu sagen ist viel zu groß. Der Schüler empfindet nur Hass und Wut. Stellen Sie sich vor so was passiert über Jahre. Irgendwann entwickelt sich eine Eigendynamik. Alle machen mit weil sie selber nicht das Opfer sein möchten. Das kann bis zum Entkleiden vor der Klasse führen und noch weiter. Die Mädchen kichern frech. Noch mehr Scham, noch mehr Wut. Irgendwann reicht es!

Viele fragen sich nun: Hätte man es verhindern können? Vielleicht. Kategorisch ausschließen kann man so etwas nie. Hätte er nicht so einfachen Zugang zu der Waffe seines Vaters gehabt, hätte er möglicherweise bis zu seinem 18. Lebensjahr gewartet und dann selber einen Waffenschein erworben. So etwas vergisst man nicht. Das brennt sich tief ein, die Narben bestehen ein Leben lang.
Ich hatte Glück, bekam die richtige professionelle Behandlung. Bin heute ein junger Mann mit vielen Perspektiven und Möglichkeiten. Er hatte dieses Glück nicht. Wäre seine Behandlung besser abgelaufen, wäre damit offener umgegangen worden, dann hätte man es vielleicht verhindern können. Jetzt ist die Empörung wieder groß. Das Waffenrecht will man wieder verschärfen, „Killerspiele“ verbieten. Ich habe sie auch gespielt und irgendwann das Interesse verloren. Populistische Diskussionen bringen uns nicht weiter.

Wer nun sagt, er hatte Depressionen und deswegen hat er diese Tat begangen, der macht es sich viel zu einfach. Die Ursachen sind multifaktoriell. Es muss vieles zusammen kommen, damit ein Mensch, der ja ein soziales Wesen ist und auf andere angewiesen ist, so gegen seine innere Biologie handelt. Es ist am Ende ein bisschen Persönlichkeit, die Umstände, die Möglichkeit, die Kränkungen, der Schrei nach Aufmerksamkeit, Geltungsbedürfnis und noch vieles mehr. Millionen von Menschen in Deutschland haben Depressionen und wie viele laufen davon Amok? Nicht mal ein Promille.
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Beitrag Autor Datum
Gedanken zum Amoklauf in Winnenden und Wendlingen
Christian Hoffmann 16.03.2009 22:38
Re: Gedanken zum Amoklauf in Winnenden und Wendlingen
Manuel 17.03.2009 00:58
Re: Gedanken zum Amoklauf in Winnenden und Wendlingen
Dorothee Schmid 19.03.2009 21:36
Re: Gedanken zum Amoklauf in Winnenden und Wendlingen
Marion 23.03.2009 06:47
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