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  Nürtingen global
 
Nach der Revolution muss Bildung her - 28.11.2012
IG Metall und Metabo engagieren sich in Ägypten

 

Ob in Ägypten Muslimbrüder oder alte Eliten die Macht übernehmen, wird weltweit beobachtet. Im Land selbst treibt das vor allem viele Menschen in Nordägypten mit Kairo und seinen Industriezentren um. In Upper Egypt, also im Süden, jedoch interessiert die Menschen vor allem: Wie komme ich in der nächsten Zeit über die Runden? Der Tourismus ist zusammengebrochen, es fehlt an Arbeit. Und an Ausbildung. Die IG Metall Esslingen baut nun gemeinsam mit Firmen wie Metabo in Nürtingen und Index in Esslingen im oberägyptischen Luxor eine Ausbildungswerkstatt auf.

In dieser Ausbildungswerkstatt sollen junge Männer einen qualifizierten Berufsabschluss in den Baunebengewerken Installation und Elektrik erwerben können. Für den Esslinger IG-Metall-Chef Sieghard Bender ist das Projekt eine Herzensangelegenheit: „Natürlich habe ich mit großer Begeisterung im vorigen Jahr die ägyptische Revolution verfolgt. Aber Sympathie allein reicht nicht. Man muss auch was tun.“

Seit Jahren reist Bender nach Ägypten, ist begeistert von der jahrtausende Jahre alten Kultur und der Magie des Nils. Seitdem Mubarak im Februar 2011 gestürzt wurde und der Militärrat regiert, herrscht Unsicherheit im Land. Luxor ist mit dem Tal der Könige, Hatschepsuth-, Karnak-Tempel und vielen weiteren uralten Anlagen ein Muss für jeden Kulturinteressierten - und von eben jenen haben viele Ägypter lange gut gelebt. Doch die Touristen bleiben aus, nun lungern junge Männer, die bisher Papyrusbilder an Touristen vertickten oder Kutschfahrten anboten, auf der Straße herum. Dabei wäre viel zu tun: Die Müllabfuhr funktioniert nicht, aus Hauswänden hängen Stromkabel, in den Häusern tropft das Wasser aus kaputten Hähnen. Auf den Märkten wird außer einheimischen Gemüse und Obst vor allem Billigware aus China verkauft, Eigenproduktionen sind kaum zu finden. Bender treibt das um: „Als größtes arabisches Land ist Ägypten das Schlüsselland in der Region. Wenn Ägypten wirtschaftlich nicht auf die Füße kommt, hat das Auswirkungen auf die gesamte arabische Welt. Und damit auch auf uns.“ 85 Millionen Einwohner zählt das Land, mehr als ein Drittel ist unter 15 Jahre alt, pro Jahr wächst die Bevölkerung um etwa zwei Prozent. Schon jetzt muss Ägypten Nahrungsmittel einführen, um seine Menschen ernähren zu können. Seit der Machtübernahme durch den Militärrat haben 1700 Betriebe dicht gemacht, die Devisen schmelzen, das Land steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

Berufliche Perspektiven entwickeln

„Es ist fast unmöglich, hier einen guten Handwerker zu finden“, erzählt Ingrid Wecker, eine Deutsche, die seit einigen Jahren in Luxor lebt, dort ehrenamtlich „Die kleine Pyramide“, ein Hilfszentrum für Familien mit behinderten Kindern leitet. Mit diesem Satz, der von vielen Ortsansässigen bestätigt wurde, war die Idee für das Ausbildungsprojekt geboren. Eine systematische berufliche Ausbildung ist in Ägypten nahezu unbekannt. Zwar gibt es technische Schulen, doch Praxis wird dort kaum vermittelt. Bender warb in den vergangenen Monaten für seine Idee bei Betriebsräten und Geschäftsführern von Maschinenbau-Firmen im Landkreis Esslingen. Mit Erfolg. Geschäftsführer sagten zu, mit Geld, Geräten und der Ausbildung von ägyptischen Lehrern die Ausbildungswerkstatt zu unterstützen. Warum, erklärt Metabo-Chef Horst Garbrecht: „Metabo hat sich schon immer für die handwerkliche Ausbildung stark gemacht und diverse Ausbildungs-Einrichtungen im In- und Ausland mit Maschinenspenden unterstützt, so zum Beispiel Berufsschulen in Deutschland oder SOS-Kinderdörfer in Afrika. Wir bewundern Herrn Bender dafür, dass er sich in seiner Freizeit für die Jugendlichen in Ägypten einsetzt und freuen uns, wenn wir ihn in seinem Engagement unterstützen können.“

Beim Gouverneur des Distrikts Luxor Ezzat Saad traf der 57-jährige Gewerkschafter auf offene Ohren. Im Gegensatz zu vielen anderen Gouverneuren, die aus dem Militär kommen, hat Saad eine diplomatische Karriere hinter sich, war in Polen und Moskau im Einsatz, hat in Straßburg studiert. Ein weltoffener Mann, der mit Muslimbruderschaften wenig anfangen kann. „Unsere jungen Leute brauchen eine berufliche Perspektive. Die haben sie nur mit einer ordentlichen Ausbildung. Die Ausbildungswerkstatt wäre also hilfreich“, sagt er. Angesiedelt werden soll die Werkstatt an der technischen Schule in Toth, eine Stadt nahe Luxor. Hier ist alles vorhanden: Werkstätten, Lehrer, 1400 Schüler zwischen 15 und 17 Jahren – aber kein Material und fast keine Maschinen, an denen gearbeitet werden könnte.

Unterstützt wird das Projekt auch durch Peter Senft , der seit dem 1. Januar 2012 Sozialattaché in der Deutschen Botschaft in Kairo ist. Den Posten hat der DGB durchgesetzt, um von deutscher Seite den sozialen Aufbau im nachrevolutionären Ägypten zu befördern. Senft hat die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit eingeschaltet, die zugesagt hat, der Ausbildungswerkstatt mit Erfahrung und Geld zu helfen.

Kooperationsvertrag für Ausbildungswerkstatt

Im Mai wurden nun die ersten Nägel mit Köpfen gemacht. Anlässlich eines Besuchs der deutsch-ägyptischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestags wurde in Luxor der Kooperationsvertrag zwischen dem Luxor-Gouvernat und der IG Metall Esslingen für die Ausbildungswerkstatt unterzeichnet. In der technischen Schule von Thot übergab Bender Gastgeschenke von Metabo: Bohrmaschinen und T-Shirts. Die Lehrer waren begeistert und interessiert. Seitdem geht es Schritt für Schritt voran: In in Thot wurden die ersten vier Lehrer ausgesucht werden, die ab Herbst diesen Jahres für jeweils vier Wochen in den Ausbildungswerkstätten von Metabo in Nürtingen und Index in Esslingen das deutsche Ausbildungssystem kennen lernen sollen. Zuvor absolvierten sie an der Deutschen Schule in Luxor einen Intensivsprachkurs.

Auch deutsche Ausbilder werden die Schule in Thot besuchen und ihren dortigen Kollegen anfangs helfen. Möglichst bald soll dann die zweijährige – kostenlose – Ausbildung der Schüler beginnen. Bender: „Ich bin mir sicher: Wenn die ersten Jungs zeigen können, wie viel besser sie ihren Beruf beherrschen als andere, wird sich das rum sprechen und Schule machen. Das dauert, aber das wird funktionieren.“ Gewerkschafter Bender will mit dem Projekt auch seine IG-Metall-Jugend für andere Welten begeistern. Neben der technischen Schule in Thot steht eine große, moderne Jugendherberge - da bietet es sich an, dass hiesige Azubis dort hinfahren und das Leben der ägyptischen Altersgenossen kennenlernen. "So etwas öffnet Herz und Kopf", sagt Bender. "Und es macht Spaß."

(Gesa von Leesen in Trott-war 10/2012)


 


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