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  Nürtingen global
 
Wohin steuert Europa? - 29.3.2018
Vortrag von Gerald Häfner zur Frage nach einer freien und gerechten Gesellschaft als gemeinsame europäische Aufgabe

  (mw)

Am 1. März 2018 hielt Gerald Häfner einen ausgezeichneten Vortrag im Großen Saal der Rudolf Steiner Schule Nürtingen zur nötigen Entwicklung Europas hin zu einer freien und gerechten Gesellschaft.

Schon von Beginn an beeindruckte der Redner durch eine besonders anschauliche und verständliche Sprache, bei der jedes Wort überlegt zur Geltung kam. Sein Einstieg verdeutlichte die Erdkugel mit ihren Kontinenten. Dort erkenne man Europa als besonders filigran und vielseitig gegliedert.

Die einzelnen Staaten dort seien stets auf Beziehungen zueinander angewiesen gewesen.

Im kalten Krieg habe es dort zwei Machtblöcke gegeben. Nach dem Fall der Mauer wurde versäumt, eine wirkliche Einheit zu schaffen, bei der man das Beste aus beiden Hälften hätte in eine neue Verfassung integrieren können, sodass die Vereinigung Deutschlands eine radikale Schlagseite hatte. Bestrebungen, diese zu verhindern, habe es gegeben, er selber habe daran mitgearbeitet. Doch mehrheitlich wurde für die Schlagseite gestimmt, bei der das althergebrachte Modell übergestülpt wurde, das aber von den Begründern des Grundgesetzes bewusst als vorläufig konzipiert war – bis es zu einer Vereinigung komme.

Schnell habe man den Euro eingeführt, doch versäumt, hierzu weitere wichtige Bedingungen zu schaffen. Gerald Häfner verglich dies mit einer Urlaubsfahrt auf einem der vielen Kanäle Frankreichs. Dort seien viele Schleusen notwendig, damit das Wasser nicht auf eine Seite abfließe. Beim Euro sei versäumt worden, solche Schleusen einzubauen, und so fließe er auch einseitig in eine Richtung hin ab.

Das Motto von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – dies sei nötig! Es sei bei weitem nicht erfüllt und stünde bei weitem nicht ganz oben – wichtiger sei anscheinend, wohin die Geldströme fließen. Diese Forderung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit seien große politische Anregungen – in unserem jetzigen System hätten sie zu wenig Bedeutung.

Europa stecke in einer tiefen Krise – geistig, wirtschaftlich, politisch, sozial. Der doch so aufeinander bezogene Kontinent lebe sich auseinander, Großbritannien verlasse die EU. Überall in Europa wachsen Skepsis und Ablehnung. Der scheinbar feste Boden, auf dem das gemeinsame „Europa“ der EU stand, wird zunehmend unsicher. Doch dieser Boden war von Anfang an trügerisch und instabil gewesen – es tue Not, diese Aufgabe wirklich anzugehen.

Der Politikverdrossenheit müsse man ehrlich entgegen wirken. Die Bürger fühlen sich Entscheidungen unterworfen, deren Ziele sie oft nicht kennen und auf die sie leider nur höchst indirekt Einfluss nehmen können. Dazu sei mehr Demokratie nötig wie auch mehr Transparenz und mehr Durchschaubarkeit von Vorgängen und Abläufen. Diese müssten in Richtung einer menschlicheren Gesellschaft gehen, in der in der Jugend gefasste Ideale tatsächlich verwirklicht werden können, anstatt dass im Erwachsenenalter auf der einen Seite bei den Satten und Handlungsträgern das Gefühl der Selbstzufriedenheit und auf der anderen Seite Gefühle der Machtlosigkeit und Resignation aufkommen.

In den oberen Etagen herrsche oft Unkenntnis und wenig Fachkompetenz, die man aber an der Basis mit Leichtigkeit finde. Abhilfe könne darin bestehen, sich für europaweite politische Entscheidungen mehr Zeit zu lassen. Vorschläge sollten an die Basis zurück und dort lange diskutiert werden, mit Meinungsbildungsprozessen. Erst nach ausreichender Zeit sollten dann die Beschlüsse gefasst werden.

Ein Beispiel: Als die BSE (Bovine spongiforme Enzephalopathie) den Diskurs bestimmte, habe man in den oberen Etagen bestimmt, dass alles vom Rind verbrannt werden müsse, auch Horn und Hufe. Dass diese im Biolandbau zum Düngen verwendet werden, habe man dort gar nicht gewusst, die Proteste dagegen auch nicht voraus sehen können. Dies sei keine böse Absicht gewesen, zeuge aber von der Unkenntnis dort. Mit dem Vorschlag, sich Zeit zu lassen und geplante Maßnahmen an die Basis zurückzugeben, bevor sie beschlossen werden, käme es nicht zu Abgehobenheit, die wiederum Frust erzeuge.

Man müsse sich die Grundfrage stellen: Was ist die Idee, das Ziel, was ist die Aufgabe des heutigen Europa? 

Denn Europa ist noch nicht, Europa wird erst! 

Seine Zukunft ist in unsere Hände gelegt!

*

Seit dem Jahr 2009 ist der Referent Mitglied im Europäischen Parlament. Dort ist er unter anderem verfassungspolitischer Sprecher der Grünen Europafraktion, Mitglied im Rechts-, Verfassungs- und Petitionsausschuss und Vorsitzender des Ethikausschusses.

Dass er im Jahr 2001 mit dem Silbernen Mikrofon als bester Redner des Deutschen Bundestages ausgezeichnet wurde, überrascht den Berichterstatter nach diesem hochwertigen Vortrag nicht.


Foto
Gerald Häfner, auch im Vorschaubild Urheber: Foto-AG Gymnasium Melle, es ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

 

 


 


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