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  Nürtingen global
 
„Ein Leben mehr“ - 13.11.2006
Eine Überlebende des Genozids in Ruanda berichtete aus ihrem Leben

  (mw)

In der Kreuzkirche stellte Esther Mujawayo, geboren 1958 in Ruanda und seit sieben Jahren in Deutschland, auf Initiative des AK Asyl im Rahmen der Eine-Welt-Tage und Friedenswochen Nürtingen ihre Autobiographie vor. In dem Buch mit dem Titel „Ein Leben mehr“ hat sie aufgearbeitet, was sie in der Tragödie des Völkermords in Ruanda erlebt und was sie als Witwe danach erfahren hat.

Als von April bis Juni 1994 ca. 800 000 Tutsi und oppositionelle Hutu von Milizionären und Mörderbanden auf oft bestialische Weise umgebracht wurden, verlor sie ihren Mann, ihren Vater, ihre Mutter, Schwestern und andere Verwandte und Freunde. Mit drei Töchtern überlebte Esther Mujawayo in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, unter anderem im Hotel „Milles Collines“, das aus dem Film „Hotel Ruanda“ bekannt ist.
Esther Mujawayo  hatte als Soziologin bei der englischen Hilfsorganisation Oxfam gearbeitet.
Heute lebt sie in Düsseldorf und hat eine Halbtagesstelle im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf. Meistens arbeitet sie mit Flüchtlingen aus Afrika. Sie ist mit einem evangelischen Theologen verheiratet. Zusammen mit anderen Witwen hat sie nach dem Genozid einen Verein gegründet, Avega, der den überlebenden Opfern des Genozids helfen soll. Für diesen Verein sammelt sie Geld, etwa damit jede Witwe eine Kuh bekommt und sie dadurch wieder eine Basis hat.

„Der Wille der Täter war eine Vernichtung, dass nichts bleibt“, resümiert Esther Mujawayo. „Und wenn du überlebt hast, musst du darüber berichten ... Ich will reden darüber, damit nie jemand sagen kann, er hätte nichts gewusst“. So ist von ihrem Vater und ihrer Mutter und denen, die sich zu ihm - der immer geholfen hat - geflüchtet hatten, nichts geblieben als ein Massengrab mit 47 Leichen.

Eine Freundin las Passagen aus ihrem Buch vor. Zwischen den einzelnen Szenen legte Esther Mujawayo ihre Gründe dar, die sie bewogen hatten, ihr Buch zu schreiben. „Ich möchte nicht, dass das letzte Bild die Grausamkeit ist, in Stücke gehackt wie Claire“. Claire war die Tochter einer Leidensgenossin, die von einem mordenden Milizionär mit der Machete „zurechtgestutzt“ worden war, damit sie in die Latrine passte, in die die Leichen geworfen wurden.

Schicksale und Erfahrungen der Witwen wie diese kommen in dem Buch zum Ausdruck. Sie berichtet darüber, wie es ist, weiterzuleben, wenn fast alle tot sind, wenn man Nachbarn begegnet, die zu den Mördern gehörten. Das Buch ist weniger Analyse als vielmehr gespürter Alltag: Wie kann man mit diesem grausamen Erinnerungen umgehen, wie weiterleben? Denn „wir möchten lebendig sein und nicht nur Überlebende.“.

Ein Anliegen von Esther Mujawayo ist die Unterstützung von Frauen, die während des Genozids durch Vergewaltigungen mit HIV infiziert worden sind. Wenn man das Überleben dieser Frauen um einige Jahre verlängern kann, dann ist dies ein Gewinn an Zeit, die sie mit ihren Kindern und Adoptivkindern verbringen können. Bewegend schilderte sie, wie der Internationale Strafgerichtshof den Mördern und Vergewaltigern, die AIDS-krank sind, eine Therapie zahlt, damit sie vor Gericht verurteilt werden können. Aber dass man so eine Therapie auch den Opfern zukommen lässt, damit sie aussagen können, das passiere nicht.
Bewegend auch, wie Esther Mujawayo von den Witwen aus Mischehen erzählt, die Hutu sind, die ihren Tutsi-Mann und ihre Kinder verloren haben, weil die ethnische Zugehörigkeit der Kinder patriarchalisch vom Mann her gesehen wird. Oft sei der eigene Bruder unter den Mördern gewesen. Soll man ihm jetzt Essen ins Gefängnis bringen?

Trotz aller Tragik enthält das Buch und der Vortrag auch Hoffnungszeichen. Nicht alle Hutu seien Mörder gewesen, manche Hutu haben geholfen. „Für diesen Funken Menschlichkeit werde ich schreiben“, nahm sie sich vor, „damit er in dir weiterlebt.“ In den Ruinen des Hauses ihrer ermordeten Schwester Stephanie entdeckte Esther Mujawayo eine kleine Pflanze. Ihre Schwester hatte sie gepflanzt: „Es gibt immer Hoffnung, auch in der schlimmsten Situation. Es bleibt etwas, lass uns noch einmal leben.“

· Esther Mujawayo / Souâd Belhaddad: Ein Leben mehr. Peter Hammer Verlag 2005, 338 Seiten, 19.90 Euro, ISBN 3-7795-0029-9


 


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