Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Kurznachrichten
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Foto der Woche
EssBar
LesBar

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Reisen
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Was kochsch du?
Gabi Zapf (Roman)
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Politik
 
Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen: Ausstellungseröffnung im Nürtinger Rathaus - 21.12.2013
Weitab von lokalen Bezügen: Skurrile Stoßrichtung des OB

 

(mw) Bei der Eröffnung der Ausstellung "Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen" im Bürgersaal des Rathauses hielten Oberbürgermeister Otmar Heirich und die Leiterin des Fritz-Erler-Forums Baden-Württemberg, Frau Dr. Sabine Fandrych, ihre Ansprachen. Die Rede und das Verhalten des Oberbürgermeisters wie auch die offizielle Presseinformation der Stadt liefert Ansätze zu Kritik.

Jüngst kursierten in Nürtingen zwei rechtsextreme Flugblätter gegen die Asylbewerber in den Containern in der Kanalstraße 4 und gegen die Villa am Galgenberg. In dem Flugblatt gegen die Villa am Galgenberg war Oberbürgermeister Otmar Heirich zitiert worden. Als Urheber nannte die Polizei die „Freien Nationalisten Esslingen“. Laut Nürtinger Zeitung empfahl die Polizei, diese Flugblätter kommentarlos in den Papierkorb zu werfen.

An diese "Empfehlung" hielten sich manche Bürger allerdings nicht. So wollte auch Frau Dr. Christine Arbogast, die Leiterin des Amtes für Bildung, Soziales und Familie, die Sache nicht auf sich beruhen lassen und brachte daraufhin zusammen mit dem Bürgertreff die Ausstellung "Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen" ins Nürtinger Rathaus. Die Wanderausstellung stammt vom Fritz-Erler-Forum und von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ganz allgemein zeigt sie die Gefahren auf, die vom Rechtsextremismus für Demokratie und Menschenwürde ausgehen. Sie stellt die Grundlagen für rechtsextremes Verhalten und Einstellungen dar und zeigt, welche Formen rechtsextreme Weltbilder und Argumentationsweisen annehmen können. Eine Standtafel nennt einige von Rechtsextremisten begangene Morde und rechtsradikale Organisationen in Baden-Württemberg. Einige Besucher gaben bei Standtafel 11 die Anregung, bei der Auflistung der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen doch unbedingt auch den Antiziganismus (PDF 1,6 MB) zu nennen, da er in dramatischer Breite in der Bevölkerung verankert ist und die Rechten gerne daran anknüpfen.

Die Ausstellungseröffnung im Rathaus war mäßig besucht, auch waren auffallend wenig Mitglieder des Gemeinderats zugegen, dessen schütter vertretenes Spektrum hatte eine offensichtliche und drastische Schlagseite in Richtung SPD und Nürtinger Liste/Grüne.

Oberbürgermeister Otmar Heirich begrüßte in seiner Ansprache, dass diese Ausstellung erarbeitet wurde und gezeigt wird. Er lobte die Flexibilität, mit der diese Ausstellung recht zügig nach Nürtingen gebracht werden konnte. Auch in unserem Land gebe es Rechtsextremismus, dieser sei kein Randthema, stellte Otmar Heirich fest. Kommunen dürften nicht zulassen, dass sich rechtsextreme Organisationen in der Gesellschaft breit machen. Er legte dar, dass es bei den jungen Leuten einen Symbolcode gebe und erwähnte kurz die beiden Flugblätter gegen „eine alternative Wohngemeinschaft“ und die Asylbewerber in den Containern der Kanalstraße, ohne näher darauf einzugehen.

Sabine Fandrych führte in die Ausstellung ein. Sie bestätigte, dass Rechtsextremismus kein politisches Randthema sei, denn er sei in der Mitte der Gesellschaft und in allen Schichen zu finden. Allein in Baden-Württemberg zählten Behörden 2.700 Personen zu Rechtsextremen. Vor allem junge Menschen seien gefährdet, so Sabine Fandrych, rechtsradikale Ansichten cool zu finden. Rechtsextreme Organisationen richten ihre Stoßrichtung auch ganz bewusst und adaptiert an die jungen Menschen, ja bereits an Zwölf- bis Dreizehnjährige. Gelungene Gegenstrategien sieht Sabine Fandrych in der Entwicklung lokalen Engagements, das von einer breiten Basis getragen werden müsse. Ein solches Beispiel sei das Bündnis gegen Rechts.
Auch sei frühzeitige Aufklärung junger Menschen wesentlich. Darum sei die Ausstellung auch für junge Menschen ab vierzehn Jahren konzipiert und thematisiere vor allem die alltäglichen Formen des Rassismus, der Ausländerfeindlichkeit und der Diskriminierung oder kläre zum Beispiel über Verschlüsselungs-Codes der Rechtsextremen auf. Sabine Fandrych erwähnte aber auch die behördlicherseits registrierten Gewalttaten, von denen jede eine zuviel sei.

Im Nürtinger Rathaus ist die Ausstellung vom 16. Dezember 2013 bis zum 3. Januar 2014 zu sehen. Das Rathaus ist Mo - Do von 8 - 17 Uhr und Fr von 8 - 12 Uhr geöffnet. Vom 24.12. bis zum 31.12.2013 ist das Rathaus geschlossen. Nach der Zeit im Rathaus wird die Ausstellung vom 7. Januar bis zum 23. Januar 2014 in der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in der Kanalstraße 29 in Nürtingen gezeigt.

Man kann im Internet eine Broschüre zur Ausstellung anschauen (PDF) und bekommt viele Infos, um einen aktiven Besuch mit Schülern oder einer Jugendgruppe vorzubereiten.

Kommentar - "Nicht nur knapp daneben"
Die Initiative der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Bürgertreffs ist sehr zu loben. Einen ganz anderen Eindruck kann man gewinnen, belichtet man lokale Begleitphänomene vom Kopfe her. Bereits der erste Satz in der Presseinformation des Nürtinger Rathauses ließ im Vorfeld aufhorchen: „Frankreich, Finnland, Österreich, Ungarn oder die Niederlande: In zahlreichen europäischen Ländern ist ein Rechtsruck bemerkbar.“ Genauso war auch die Tendenz bei der Ansprache des Oberbürgermeisters. Eifrig ins Ferne zielen, sich bei Allgemeinplätzen aufhalten, weder hiesige Rösser noch Reiter nennen, sie nicht als Ärgernis präzisieren. Konsequent benannte der OB auch nicht eine der in Nürtingen agierenden rechtsextremen Organisationen, die in Nürtingen ins so genannte „bürgerliche“ Lager hinein wirken, und das nicht bei noch wenig gefestigten Jugendlichen. Lieber wies er ganz allgemein auf die Zahlencodes und verschlüsselten Symbole bei Jugendlichen hin, thematisierte jedoch nicht, dass sich hier in Nürtingen der Rechtsextremismus oft bei Anzugträgern ohne verschlüsselte Codes zeigt. Unerwähnt blieb, dass Nürtingen in den Landtagswahlen vom 28. April 1968 auffiel, da 12,65 % der Wähler für die NPD votiert hatten und dadurch "in die Weltpresse einging", wie die Nürtinger Zeitung seinerzeit titelte. Unerwähnt blieb, dass Nürtingen nicht nur landesweit Furore machte, als der Nürtinger "Verein zur Pflege nationaler Politik" am 15. September 2010 schlappe 150.225,57 Euro an die NPD überwies. Unerwähnt blieb so vieles. Das riecht nach der Devise: lokale Bezüge vermeiden! Mit ein paar Mausklicks in Wikipedia oder der STATTzeitung hätte sich Otmar Heirich spätestens bei der Vorbereitung seiner Ansprache über die gerade in Nürtingen und Umgebung nicht wenigen lokalen Organisationen sehr umfassend informieren können. Hierzu schien der Wille oder der Mut zu fehlen, denn es gehört heutzutage kein Schneid dazu, in einem gegen Rechtsextremismus gesinnten Auditorium ganz allgemein und wachsweich gegen Rechtsextremismus zu sein, wie auch heutzutage kein Mut dazu gehört, sich für ein atomwaffenfreies Deutschland auszusprechen. Aber wie ließ der OB sich doch gleich vorsorglich in der Presseinformation zitieren? „Es geht nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen..." Otmar Heirich sollte es allerdings zu denken geben, dass er in dem rechtsradikalen Flugblatt gegen die Villa am Galgenberg zitiert werden konnte, und das nicht als Gegenposition. Gegen die dortigen Bewohner hatte er auch keine solche Zurückhaltung an den Tag gelegt. Dort hatte er es sich zur Chefsache gemacht, medienmächtig mit dem Finger auf sie zu zeigen, sie gar als "Ärgernis präzisiert". Das alles ist nicht nur knapp daneben.

Manuel Werner


 


Anzeigen




Impressum
© 2004-2017 Nürtinger STATTzeitung