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  Politik
 
In Nürtingen ist die Welt noch in Ordnung - 30.5.2017
Aus Sicht des Leiters Internationaler Extremismus und Terrorismus beim Landesverfassungsschutz

  (th) Ende Mai freute sich Thaddäus Kunzmann als Vorsitzender der Nürtinger CDU über einen gefüllten Saal im Martin-Luther-Hof, in dem auch islamische Mitbürger vertreten waren und vor dem Herbert Müller vom Landesamt für Verfassungsschutz über Islam und Islamismus sprechen sollte. Für Thaddäus Kunzmann reicht das Thema von Moscheen der Grauen Wölfe und von Milli Görüs in Nürtingen über Auseinandersetzungen mit AKP-Ablegern, Fetullah-Gülen-Anhänger und Kurden in Deutschland wie in Nürtingen, Islamisten als Terrorhelfer in Deutschland bis zu den Schwierigkeiten mit der Türkei, deren Politiker türkischstämmige Einwohner Deutschlands gegen deutschstämmige Einwohner aufhetzten.

Herbert Müller, Leiter der Abteilung für Internationalen Extremismus und Terrorismus beim Landesamt für Verfassungsschutz, studierter Historiker und Islamwissenschaftler freute sich über die Einladung nach Nürtingen, da man dieses ernste und wichtige Thema nicht den Falschen überlassen dürfte, die gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Er betonte, dass Islamismus in Deutschland kein Ausländer-, sondern ein Inländerproblem sei, da die meisten Anhänger islamistischer Ideologien bei uns deutsche Staatsbürger seien, weshalb der Vorschlag „Islamisten raus“ nicht weiterhelfe – welcher Staat sollte uns unsere problematischen Mitbürger abnehmen?

Der Referent beschrieb kurz den Islam anhand wichtiger Merkmale: es ist eine entschieden monotheistische Religion, die zum Beispiel mit der christlichen Vorstellung der Dreieinigkeit nichts anfangen könne – „Allah zeugt nicht“ stehe im Koran; der Islam betrachtet den Koran als unverfälschtes Wort Gottes im Gegensatz zur Bibel oder zum Talmud; daher ist Muhammad/Mohammed der letzte Prophet, dessen Leben auf Grund der ihm zugeschriebenen Unfehlbarkeit Vorbildcharakter für das Leben der Muslime hat; der Islam hat eine eigene Zeitrechnung, die mit dem Jahr des Auszugs Mohammeds aus Mekka nach Medina beginnt; Herbert Müller erläuterte das Ideal der Umma als Gemeinschaft aller Muslime, verwies auf die Prophetentradition, die Bedeutung der Rechtsgelehrsamkeit für die Herleitung von aktuellen islamkonformen Lebensregeln und die verschiedenen Strömungen innerhalb des Islam.

In der Geschichte des Islam gab es einerseits das goldene Zeitalter, in dem die Muslime von den vier „rechtgeleiteten Kalifen“ geführt wurden und auf das sich Islamisten als Referenz beziehen. Der Islam hatte eine hohe Bedeutung für die Kulturvermittlung zum Beispiel im Bereich der Mathematik, der Optik, der Astronomie und vielem mehr. Die Landung Napoleons in Ägypten war ein Wendepunkt in der Wahrnehmung der Europäer, die bis dahin als rückständig betrachtet wurden und nun zeigten, dass sie in Bereichen wie Schiffbau, Militär und Verwaltung den muslimischen Arabern inzwischen überlegen waren. Daraus ergab sich ein neues Interesse an den Europäern und Impulse für die islamische Lehre.

Vielen Deutschen sind diese Aspekte nicht bekannt und auch moderne Strömungen des Islam werden hier nicht wahrgenommen. Stattdessen prägt die Bedrohung durch islamistische Lehren die Auseinandersetzung mit dem Islam. Je nach Strömung und individueller Lebensweise kann der Islam säkular, modern, spirituell oder orthodox/konservativ sein. Von Islamismus spricht man hingegen, wenn der Islam als verbindliche Grundlage des Alltagslebens ebenso wie des Staates und des Rechts betrachtet wird. Der politisch-legalistischem Islamismus organisiert sich z.B. in Vereinen, in denen und mit denen islamistische Ziele verfolgt werden. Dazu gehören die Muslim-Brüder ebenso wie die in Nürtingen aktiven Grauen Wölfe und Milli Görüs. Der missionarische Islamismus zielt insbesondere auf die innere Mission bei den Muslimen, die ein nach den Zielen der Islamisten gottgefälligeres Leben führen sollen. Dazu gehört auch die Koranverteilung, die an sich nicht problematisch war, die aber auch als Kontaktbörse für dschihadistische Aktivitäten dienten, weshalb sie verboten wurden. Dschihad wird oft als „Einsatz“ oder „Anstrengung“ übersetzt. Der große Dschihad zielt auf die Selbstvervollkommnung des Muslims, während der kleine Dschihad der Verteidigung des Islam dient. Indem die Existenz anderer Glaubens- oder Lebensweisen als Bedrohung des Islam bezeichnet wird, rechtfertigt der dschihadistische Islamismus Gewalt gegen Andersgläubige, was sich auch gegen Muslime richtet.

Im letzten Teil seines Vortrags ging Herbert Müller auf den Salafismus als in Deutschland besonders präsente islamistische Strömung ein. Der Salafismus vertritt eine sehr orthodoxe Islamische Lehre, die sich ausschließlich an den Überlieferungen aus der Zeit des Propheten Mohammed und der ersten drei muslimischen Generationen orientiert. Zum Salafismus gehört auch die Forderung nach der vollständigen Umsetzung der Scharia, die sich aus den Regeln und Bestimmungen ergibt, die im Koran und der Prophetenüberlieferung niedergelegt sind. Letztlich soll ein islamischer Staat errichtet werden, in dem wesentliche in Deutschland garantierten Grundrechte und Verfassungspositionen keine Geltung hätten. Die Vorstellung, dass diese Lehre nur für bildungsferne Menschen attraktiv ist, entspricht nicht der Realität. Neben religiösen oder politischen Motiven spielen auch das Erlebnis von alltäglicher oder vermeintlicher Diskriminierung sowie jugendspezifische Aspekte wie Abgrenzung oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit eine Rolle.

In der anschließenden Diskussion verwies die Pfarrerin der Martin-Luther-Kirche Barbara Brückner-Walter auf den laufenden Dialog zwischen den christlichen Kirchen, Vertretern der Mevlana-Moschee von Milli Görüs und der Stadt, in dem ein Papier zum friedlichen Zusammenleben verfasst werden soll und in dem sich die Vertreter der Mevlana-Moschee deutlich gegen Gewalt und islamistischen Terror abgrenzen. Ragini Wahl, frühere Beauftragte für Asyl im evangelischen Kirchenbezirk Nürtingen teilt diesen positiven Eindruck von Milli Görüs nicht, die auf ihrer Facebook-Seite ganz andere Ansichten verträten. Herbert Müller beruhigte die Anwesenden, dass in Nürtingen die Welt aus der Sicht des Verfassungsschutzes noch in Ordnung sei. Dialoge mit Organisationen, die nicht verboten sind, auch wenn sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden, wie Milli Görüs oder die Grauen Wölfe, sind für ihn in Ordnung, wenn es sich um ernste Gespräche, Diskussionen über unterschiedliche Positionen und wenn nötig Streit handelt, mit denen man auch deutlich macht, dass man den Gegenüber ernst nimmt. Einen Dialog um seiner selbst und des guten Gefühls willen hält er hingegen nicht für sinnvoll.
Einer Besucherin, die sich wünschte, dass Muslime in Deutschland den deutschen Gepflogenheiten folgen sollten, wie die Deutschen in muslimischen Ländern muslimischen Regeln folgen würden, hielt Herbert Müller entgegen, dass man keine gleichartige Rechtslage erwarten könne. Er würde nur erwarten, dass Muslime in Deutschland deutsche Gesetze und Grundrechte befolgen würden, die nicht nur für einen selbst, sondern immer auch für andere gelten und zu denen neben der Religionsfreiheit zum Beispiel auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau gehörten.


 


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