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  Politik
 
Einmal Nazi und zurück - 9.3.2006

 

(Spongo) Ein HöGy-Schüler spricht über seine zweifelhafte Karriere

Wir sitzen uns an einem Tisch gegenüber, der eigentlich viel zu groß ist für zwei Leute.  Hinter mir eine Fensterfront. Draußen Herbstbäume und Oktoberlicht. Im Raum verbreitet sich angenehme Helle, die weiße Tischplatte spiegelt matt den hellblauen Himmel. Er kennt mich, ich kenne ihn, die Atmosphäre ist locker, trotzt allem. Ich hatte eine Viertelstunde auf ihn gewartet, hatte am Diktiergerät rumgefummelt, war aufgestanden und umhergelaufen, war eine Weile am Fenster stehen geblieben und hatte die Arme verschränkt. Vögel landeten in den bunten Bäumen. Autos fuhren durch die Landschaft. Alles wie immer. Idylle am Högy. 

Nun sitzt er vor mir. Das Tonband liegt zwischen uns und dreht surrend seine Runden. Eigentlich kennen wir uns gut. So wie man sich in der Schule eben "gut" kennt. Er ist einverstanden dass ich über seine Geschichte schreibe, unter der Vorraussetzung das er anonym bleibt. Dort wo er wohnte, beginnt er zu erzählen, gab es eine Straße, die Bahnhofstraße. Wenn er abends mit seinen Kumpels auf dem Weg ins Kino war, hätte es dort immer Ärger gegeben, mit "Kanaken". Er bringt dieses Wort ohne ein Stocken über die Lippen. Wahrscheinlich hat er nicht einmal darüber nachgedacht ob er das Wort benutzen soll oder nicht.  Dann senkt sich sein Blick, murmelnd wiederholt er meine Frage: "Wie ich zum Nazi geworden bin? ...Zum einen eben weil es immer diesen Ärger gab, und zum anderen…Ich hab' dir ja schon mal erzählt, dass sich damals meine Eltern trennten. Ich wollte irgendwie protestieren." Er kommt ins schwärmen. "Der Zusammenhalt den ich in der Gruppe gefunden habe war halt einfach genial. Es macht sehr viel aus, wenn man eine Clique hat, in der man sich auf jeden absolut verlassen kann." Außerdem, fügt er hinzu, hätte jeder Angst vor ihm gehabt, als er  mit Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze durch die Stadt lief. "Versuch das einmal mit Jeans und Pulli!"

Die Gruppe in die er geriet, sei nicht organisiert gewesen, circa 50 Leute, vor allem Schüler und Auszubildende. Sie hatten viele Schlägereien damals. Wegen seines Aussehens oder seiner Herkunft sei aber niemand attackiert worden. Auch gepöbelt wurde nicht, meint er: "Nein, ich habe das nie gemacht, vielleicht meine Kumpels ab und an." Und an rechten Demonstrationen hätten sie auch nie teilgenommen. Im Internet, da waren sie immer mal wieder: "Blood an Honour, sagt dir vielleicht etwas. Ein riesiges Portal. Wir haben da ab und zu reingeschaut." Ihr Ort sei eher das Stadion, leitet er über. "Da kommen Leute hin, die über die Woche Zeitungen austragen oder beim Daimler am Band stehen. Die dann von ein paar Indern mit Green-Card ihre Arbeit geklaut kriegen." Auf Nachfrage stellt er klar: "Heute sehe ich das mit dem Arbeitsplatz-Klau anders. Welcher Deutsche will denn bei der Müllabfuhr arbeiten? Das machen alles die Ausländer."

Ja, über Politik hätten sie viel diskutiert damals. Über "das System" und über das Gedenken an das Dritte Reich. Natürlich müsse man Aufklärungsarbeit leisten, aber dass ständig irgendwo Denkmäler für die Juden eröffnet werden, das ärgere ihn noch heute. Auch das Firmen wie Thyssen Krupp "nach fast 100 Jahren" immer noch zahlen müssen, findet er falsch. "Die Engländer und Amerikaner interessieren sich doch heute auch nicht mehr für ihre Kolonien", empört er sich. 

Sie seien eigentlich eine ganz normale Clique gewesen. Im Sommer gab es Wiesenfeste, im Winter Blaumeisen. Einer aus der Gruppe hatte ein altes Haus, das sie sich einrichteten. Im Obergeschoss war ihr Aufenthaltsraum. In der Ecke stand eine Playstation, an den Wänden hingen Bilder von Wehrmachtssoldaten. Auch "Mein Kampf" lag aus. Er hatte es gelesen und war fasziniert, wir er heute sagt. Er fängt an zu philosophieren: "Die Diktatur kann einfach besser auf Missstände reagieren. Heute reden viel zu viele mit. " Dass Hitler jedoch selbst Familienmitglieder untereinander bespitzeln ließ, erschrecke ihn heute noch. Der Völkermord an den Juden sei in seiner Gruppe "eher weniger" ein Thema gewesen. Sie sahen die Juden sowieso als "Untermenschen". Mitleid gab es nicht. Heute sieht er das anders, meint er: "Die Welt schmilzt doch immer mehr zusammen. Ich habe Griechen, Türken, Italiener als Freunde. Das von damals passt nicht in die globalisierte Welt." Aber dass es überhaupt passiert ist, findet er eigentlich gut. Denn Deutschland sei heute wieder fest etabliert. Und er könne nicht sagen, was passiert wäre, wenn zu dieser Zeit die Kommunisten und nicht die Nazis regiert hätten.

Als er zum Nazi wurde, war er gerade mal in der 8. Klasse. Er hatte Freunde aus der Oberstufe. Sie wendeten sich von ihm ab, als die Haare nur noch drei Millimeter lang waren. Hinter seinem Rücken tuschelte man. Auch die Lehrer verhielten sich anders. Einmal, in Geschichte, da sei er sogar aufgestanden und gegangen, sagt er fast ein bisschen stolz. Der Lehrer hatte seine Großeltern als schuldig bezeichnet, das wollte er sich nicht gefallen lassen. Er referiert: "Mein Opa war ein Sozi, der hat auf Hitler g'schumpfen." Sein schwäbischer Dialekt verbiegt die Worte, verändert den Satzbau, bestimmt die Satzmelodie. Es seien ja nicht alle Mitschuldig gewesen, stellt er fest.

Er erzählt eine zweite kleine Geschichte, die er damals auf seiner alten Schule, damals als er noch Nazi war, erlebte: "Gegenüber von unserer Schule war eine Bäckerei. Wir losten immer aus wer das Vesper holen musste. An diesem Tag war ich dran", setzt er an. Mit den Fingern zeichnet er einen Plan auf den Tisch, das Diktiergerät stellt die Schule dar, der Zeigefinger seiner rechten Hand markiert den Bäckerladen. " Als ich vollbepackt zurück zur Schule wollte, standen da vier Punks. Ich fragte noch was sie denn von mir wollen, aber die Keilerei ging schon los. Die Punks greifen immer an, wenn man wehrlos ist."

Einige Sätze später zählt er auf, was einen echten Nazi ausmache. Da seien, die richtigen Schuhe, die richtige Hose, die richtige Jacke. Er zählt Markennamen auf. Ich höre zu, weil ich mir vorgenommen hatte zuzuhören. Ich empöre mich im Stillen, meine Mimik verändert sich dabei nicht. Er merkt mir nichts an. Seine Lippen bewegen sich weiter, seine Sprache dringt in mein Ohr. Mich beschäftigt die Frage, ob ich wirklich darüber schreiben soll, ob es Einblicke in die wirre Gedankenwelt eines Nazis gibt, in die Komplexe und verletzen Gefühle, oder ob es danach aussehen könnte: "Hey, seht her! Die Nazis sind gar nicht so schlimm!". Denn das ist falsch: Neo-Nazis sind schlimm. Man könnte etliche Statistiken anführen die beweisen, welche Gefahr von ihnen ausgeht. Sie sind enttäuscht, meistens dumm, fast immer gewalt- aber fast nie gesprächsbereit. Seine Lippen bewegen sich weiter. Ich halte ihn eigentlich nicht für gewaltbereit, und nicht für dumm. Er ist Gymnasiast, ein durchschnittlicher Schüler, genau wie ich. "Bevor ich ans Högy kam", fährt er fort, "kamen mir Zweifel an meiner Einstellung. Ich merkte, dass ich mich eigentlich mit fast jedem gut verstehe. Aber immer wieder wurde ich ausgeschlossen, wegen meines Ausehens, wegen meiner Kleidung." Nach kurzem Stocken fügt er an: "Mittlerweile habe ich mich stark von meiner Zeit damals distanziert." Draussen in den Gängen wird es laut. Kinder rennen umher, Stimmen-Wirrwarr verbreitet sich. Es ist Mittagspause.

Aus dem Spongo Nr. 34, Schülerzeitung des Hölderlingymnasiums 

Felix Dachsel (18 Jahre)


 


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