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  Politik
 
Der Nazis neue Kleider - 22.3.2008

 

(Spongo) Kleider machen Leute, dieses Sprichwort gilt auch für Neonazis. Denn neben dem Musikgeschäft ist der Handel mit neonazistischer Kleidung, sei es über das Internet oder über einen festen Standort, eine weitere große Einnahmequelle. War es früher noch der florierende Handel mit Bomberjacken und Springerstiefeln, ist dies heute der Handel mit "Windbreakern", Turnschuhen und Kapuzenpullis.

Vor allem für Menschen, die sehr viel mit Jugendlichen zu tun haben, stellt sich die Frage, mit welchen Attributen sich heute Neonazis "schmücken". Früher ahmten die Nazis den klassischen "Skinhead-Look" nach, der aus Bomberjacke, Springerstiefeln (mit oftmals weißen Schnürsenkeln) und Glatze bestand. Dieses Klischeebild ist heute noch in den Medien sehr weit verbreitet, doch die Zeiten haben sich geändert und das Outfit der Nazis auch, weshalb eine Differenzierung zwingend notwendig geworden ist. Doch gibt es heutzutage überhaupt noch einen eindeutig rechtsextremen Kleidungsstil und wenn ja, wie sieht dieser aus? Welche Tricks wenden die Neonazis dabei an, das Verbot von verfassungsfeindlichen Kennzeichen zu umgehen? Der folgende Text ist ein Versuch, Menschen, die sich nicht besonders gut in der Neonaziszene auskennen, einen tieferen Einblick über Kleidungsstil, Symbole, Sprachcodes und Parolen von Neonazis zu geben.

Nicht erst seit heute weichen Rechtsextreme von dem Bild ab, welches man jahrelang von ihnen hatte. Die rechtsextreme Szene macht sei einiger Zeit einen Wandel durch. Vor allem in der NPD ist man bemüht, "salonfähig" zu werden und sich von dem Image des "gewalttätigen Skinheads" zu lösen. Statt einer Bomberjacke hängt eine Sportjacke und ein schwarzer Kapuzenpulli im Kleiderschrank, statt den Springersteifeln tragen sie neumodische Turnschuhe und statt der Glatze pflegen sie Kurzhaarschnitte. Was sich jedoch noch immer großer Beliebtheit erfreut, sind Kleidungsstücke von "Lonsdale" und "Fred Perry", welche sich jedoch gegen ihre unerwünschte Kundschaft gewehrt haben und sogar antirassistische Initiativen unterstützen. Das Logo von "Fred Perry", ein Lorbeerkranz, dient als Zeichen eines Siegers und ist damit ein begehrtes Symbol der Neonazis. "Problem" der Nazis ist nur, dass der Markengründer, Fred Perry, nicht nur ein Tennisass, sondern auch jüdischen Glaubens war.
Oft wird dieser Lorbeerkranz mit bestimmten Zahlencodes kombiniert, wie "88". "88" steht für die beiden Buchstaben an der 8. Stelle des Alphabetes, folglich für das "H" und steht somit für "HH=Heil Hitler". Neben diesem Zahlencode gibt es noch weitere, um ein Verbot verfassungsfeindlicher Kennzeichen zu umgehen. So steht "18" für "Adolf Hitler", "28" für das verbotene neonazistische Netzwerk "Bood & Honour" und "C18" für "Combat 18", ein ebenso verbotenes Terrornetzwerk der Neonazis.

Bei den Turnschuhen ist vor allem eine Marke sehr begehrt: "New Balance". Das Markensymbol ist ein aufgenähtes "N", das von Rechtsextremen oftmals mit "Nationalist" ausgelegt wird. Jedoch distanziert sich auch New Balance, wie die Marken zuvor, von diesem Kundenkreis. Noch eine weitere Marke, "Alpha Industries", ist in der Neonaziszene sehr populär. Das Logo von "Alpha Industries" ähnelt dem verbotenen Zivilzeichen der SA. "Alpha Industires" ist Ausstatter des Militärs und hat keinerlei Verbindungen zu irgendwelchen rechtsextremen Kreisen.
Um sich an kälteren Tagen warm zu halten, ziehen Neonazis gerne eine "Helly Hansen" Jacke an. Die hält nicht nur schön mollig warm, sondern enthält das Symbol "HH", welches man wie die "88" für "Heil Hitler" verwenden kann.
Mancher wird nur mit dem Kopf schütteln, jedoch ist es für die Rechtsextremen wichtig, dass sie sich untereinander erkennen und dies geschieht mit "versteckten Zeichen und Codes".
Die Gemeinsamkeit all dieser aufgezählten Marken besteht darin, das sie das Geschäft mit Neonazis ablehnen, bzw. keine rechtsextremen Marken sind, sondern lediglich in rechtsextremen Kreisen beliebt sind und von Neonazis gerne gekauft werden.
Kultmarken der Rechtsextremen sind hingegen "Pit Bull Germany", "Doberman" und "Troublemaker" (Krawallmacher). Nicht selten entdeckt man ein "Pit Bull Germany" Kleidungsstück, das mit einer ,,88" versehen ist. Diese aufgelisteten Marken werden alle dem Rocker- und Hooliganspektrum zugeordnet und signalisieren eine gewisse asoziale Härte und aggressive Angriffslust. Des Weiteren sind sie über die meisten neonazistischen Mailorder (Versandhandel) erhältlich.
Um aber auch die eigenen Kassen zu füllen, wurden seit Mitte der 90er, immer mehr so genannte "Nationale Marken" ins Leben gerufen, sprich Kleidung "von Nazis für Nazis". Sie präsentieren sich oftmals im Box-Sport- typischen Design und heißen zum Beispiel "Walhalla" (Heldenplatz für in einer Schlacht gefallene tapfere germanische Kämpfer), "Masterrace" und "Hate Core" (brutalere Gattung des "Hardcores", wurde Ende der 90er Jahre von der rechtsextremen Szene aufgegriffen). So gibt es auch Kleidungsstücke, die einfach nur mit neonazistischen Symbolen, wie der "schwarzen Sonne", dem "Keltenkreuz" oder der "White Power-Faust" versehen sind. Sie werden über neonazistische Mailorder verkauft und erfreuen sich stetig großer Beliebtheit. Automatisch und absichtlich wird mit Kleidungsstücken dieser Art die eigene Position demonstriert.
Die Popularität von "Lonsdale" geht auf die enthaltenen Buchstaben "NSDA" zurück, die bei geöffneter Jacke oftmals einzig erkennbarer Namensbestandteil sind. Daraufhin wurde die Marke "Consdaple", jedoch unabhängig von "Lonsdale" gegründet. In diesem Wort ist die vollständige Buchstabenkombination "NSDAP" (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) absichtlich enthalten.
"Hatecrime", ein weiterer Aufdruck auf Kleidung Rechtsextremer, ist ein Synonym für "rassistische und neonazistische Gewalttaten". In den USA sind "Hatecrimes" gesetzlich verboten. Die Neonazis möchten mit einem solchen Aufdruck ihre Ablehnung gegenüber diesem Gesetz zum Ausdruck bringen und provozieren.
Nun zur umstrittensten Neonazimarke "Thor Steinar". Die Marke aus "Königs Wusterhausen" nahe Berlin ist die prosperierendste in der Neonaziszene. Ihr Vorteil besteht darin, dass ihre Produkte neumodisch geschnitten sind und die Neonazis trotzdem nicht auf völkische Symbolik verzichten müssen, weswegen " Thor Steinar" schon öfters mit der Justiz im Zusammenhang des Paragraphen 86a (Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) in Konflikt geraten ist. So können sich Neonazis chic kleiden und mit Karl Lagerfeld und anderen Modegrößen mithalten. Diese Symbolik ist jedoch so codiert, dass sie fast ausschließlich nur von Anhängern der eigenen Szene entschlüsselt werden kann. Das Problem besteht darin, dass "Thor Steinar" nicht nur von einschlägigen Nazimailordern wie dem "Aufruhr- oder Wikingerversand" vertrieben wird, sondern auch unwissentlich von manchen Sportgeschäften wie dem American Store in Stuttgart, welcher schon des Öfteren aus diesen genannten Gründen in der Kritik stand.
Der FDP-Landtagsabgeordnete Sebastian Ratjen aus Mecklenburg-Vorpommern schlug vor, dass "Farbige, Ausländer, Schwule, Lesben und auch viele andere" Kleidungsstücke der Marke "Thor Steinar" tragen sollen, um sie zu "entmystifizieren". Ihm ist es vor allem wichtig, dass die Neonazis nicht "mal wieder ein Stück Symbolik" erobern. Dass man die Neonazis damit finanziell unterstützt ist ihm nicht so wichtig, ihm geht es viel mehr um die "Zerschlagung der Ideologie". Das alte Thor Steinar-Logo wurde gerichtlich verboten, das es aus einer Kombination von Runen (alte Schriftzeichen der Germanen) bestand und Symbolen verbotener Organisationen aus dem Natioalsozialismus ähnelte. Weitere Vorwürfe, wie die Mitgliedschaft in der Neonaziszene von Inhaber und Mitarbeiter der Firma, weist "Thor Steinar" zurück. Das Tragen von "Thor Steinar" ist in Fußballstadien wie in dem von Hertha BSC Berlin, Werder Bremen, VFL Bochum und Borussia Dortmund untersagt.
Den Wandel der rechtsextremen Kleidung untermauert auch die Marke "Rizist", die sich an die Hip Hop und Skaterszene richtet, indem sie verschnörkelte Graffiti-Logos verwendet.

Zu diesem Wandel gehört auch die Verwendung von linken Symbolen wie dem "Palästinenser-Tuch" oder dem Che Guevara T-Shirt. Die Absurdität liegt auf der Hand. War das Plästinenser-Tuch in der Folge der 68-er Bewegung ein Zeichen für Befreiungskämpfer, legen die Nazis es antisemitisch nach dem Motto "der Feind meines Feindes ist mein Freund" aus. So wird auch Che Guevara unterstellt, er sei ein völkischer Befreiungskämpfer und der Stern auf der Mütze Che Quevaras wird durch ein Keltenkreuz ersetzt. Die schwarze Fahne, die bis heute als Symbol der Anarchisten gilt, wird dabei als "Symbol gegen das Fehlen eines Symbols", in der Regel das Hakenkreuz, benützt.

Setzt man sich mit rechtsextremen Outfits auseinander, so wird einem schnell klar, welchen Wandel die Neonazis durchlaufen haben.
Die Vielzahl von Codes und Symbolen ist so umfangreich, dass in diesem Text nur die relevantesten und bedeutungvollsten veranschaulicht werden konnten. Die Auswirkung des optischen Wandels auf die gesellschaftliche Mitte ist, dass eine optische Unterscheidung des rechten und linken Lagers deutlich schwieriger geworden ist und man Neonazis nicht mehr so einfach erkennt. Berücksichtigt werden muss jedoch, dass die Neonazis sich zwar teilweise von ihrem Äußeren getrennt haben, aber keinesfalls von ihrer menschenverachtenden Ideologie.

Aus "Spongo" 12/07, Schülerzeitung des HöGy, mit freundlicher Genehmigung


 


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