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Gleichstellungsfrage ist keine reine Frauenangelegenheit, sondern eine grundlegende Demokratiefrage - 26.3.2010
Nürtinger Akzente: Frauen gestalten Wirtschaft

 

(si) Dass Entgeltgleichheit nicht nur am 26. März, dem Equal Pay Day, ein Thema ist, bewiesen am 10. März sechs beruflich erfolgreiche Frauen, die sich im Panoramasaal des K3N trafen, um miteinander und vor Publikum ihre Erfahrungen als Frauen und mit Frauen in ihren unterschiedlichen Berufsfeldern auszutauschen. Die Diskussionsrunde wurde geleitet durch eine weitere erfolgreiche Frau, Felicitas Wehnert vom SWR. Veranstalter waren der FrauenRat Nürtingen und die Bürgerstiftung Nürtingen und Umgebung.

Die Diskutantinnen

Dr. Susanne Eisenmann, Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport in Stuttgart.
Brunhilde Raiser, frühere Vorsitzende des Deutschen Frauenrates und studierte Theologin.
Dr. Heike Laube, Senior Director bei der SAP AG, studierte Romanistin und Anglistin.
Susanne Kessen, Prokuristin bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall.
Irmela Gaber, Unternehmensberaterin und Vorstand des Netzwerks Frauenunternehmen e.V. Kirchheim.
Carmen Speidel, Amtsleiterin im Haupt- und Rechtsamt der Stadt Nürtingen und Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Nürtingen.


Die Machtfrage

Beim Thema Macht waren sich die Diskutantinnen dahingehend einig, dass Frauen anders mit Macht umgehen als Männer, Macht an sich eher negativ sehen und dass vor allem die Durchsetzung von Macht durch Frauen eher negativ beurteilt wird. Frauen müssten selbst eine positivere Einstellung zu Macht finden, denn Durchsetzung zahle sich aus, so Frau Kessen, gerade auch für Frauen. Um sich durchzusetzen, müssten Frauen männliches Verhalten adaptieren, schlug Dr. Eisenmann vor. Sie müssten lernen so zu reden, „dass es die Männer auch verstehen“. Frau Raiser sah die Ursachen des gespaltenen Verhältnisses von Frauen zu Macht in der Erziehung begründet gerade auch durch Frauen selbst. Für sie ist Macht an sich nicht negativ oder überhaupt ethisch bewertbar, sondern ganz neutral eine Möglichkeit, den eigenen Auftrag umzusetzen. Die ethische Frage stelle sich erst beim Umgang mit Macht, die im Idealfall als Verpflichtung wahrgenommen werde und für die Durchsetzung notwendiger, auch unangenehmer Dinge genutzt werden solle. Gerade auch für Frauen sei es daher wichtig, den Umgang mit Macht zu lernen und dabei Begleitung zu haben. Dr. Laube merkte an, dass Macht nicht verliehen werden könne, sondern erarbeitet werden müsse. Indem man Verantwortungsgefühl bei vielen kleinen Proben im Alltag beweise, erwerbe man sich Glaubwürdigkeit, was wiederum zur wachsenden Anerkennung der eigenen Macht führe.

Karriere

Auf die Frage, was Frauen bräuchten, um Karriere zu machen, wurden als wichtigste Voraussetzungen der Wille genannt, etwas aus sich zu machen, sowie im Vergleich zu Männern mehr Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, die eigenen Fähigkeiten klar einzuschätzen und nach außen darzustellen.

Frau Raiser gab dabei zu bedenken, dass es oft nicht daran läge, dass Frauen nicht Karriere machen wollten, sondern dass sie den im Vergleich zu Männern größeren Druck nicht wollten. Frauen stießen im Beruf, vor allem aber beim Berufseinstieg auf erschwerte Bedingungen. Dr. Eisenmann wies darauf hin, dass die typischen Lebensplanungen und –formen für Frauen im Wesentlichen die Organisation von Familie vorsehe und damit keinen klaren Blick auf eine berufliche Karriere erlaube. Während Frau Speidel meinte, dass vor allem in der Industrie die Beschäftigung einer Frau im gebärfähigen Alter als Risiko gelte, sah Dr. Eisenmann in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen Wirtschaft und Öffentlichem Dienst. Der Öffentliche Dienst würde seiner Vorreiterrolle, die er in Bezug auf Gleichstellung einnehmen sollte, derzeit nicht gerecht. Auch Frau Raiser beobachtete eine unterschiedliche Wertung von Familie bei Männern und Frauen, den Dr. Eisenmann schließlich auf den Punkt brachte: Männer hätten bei der Karriere die Familie im Rücken, Frauen hätten die Familie im Nacken.

Frauen seien damit verstärkt auf die Unterstützung der Familie und des weiteren sozialen Umfeldes angewiesen, bemerkte Frau Speidel, deren Mann selbst auf einen Karrieresprung verzichtet hatte, um für die gemeinsamen Kinder zu sorgen und ihr die Karriere zu ermöglichen. Ein Problem dabei sei, so Dr. Eisenmann, dass es immer noch auch von Frauen negativ beurteilt würde, wenn Männer eine Familienpause in Anspruch nähmen. Auch Dr. Laube beurteilte die Elternzeit eher als Karrierekiller. Frau Kessen wies in diesem Zusammenhang auf das firmeneigenen Kindertagesheim mit Kleinkindgruppe in ihrem Unternehmen hin, das den Frauen „andere Möglichkeiten“ biete. Die Durchsetzung dieser Einrichtung stellte sie als Positivbeispiel für den Einsatz von (weiblicher) Macht vor. Auch Teilzeitmodelle wurden in der Runde aus ähnlichen Gründen wie die Elternzeit eher kritisch gesehen. Dr. Laube brachte weiterhin das „Home office“ (Heimarbeitsplatz) als Möglichkeit für die Vereinbarung von Beruf und Familie ins Gespräch. Allerdings sei dies nicht als Dauerlösung und nur bei bereits konsolidierter Machtposition realisierbar. Die Wirtschaftskrise führte jedoch dazu, dass Flexibilität gegenüber den Arbeitnehmern zunehmend wichtiger für den Arbeitgeber werde. Dr. Eisenmann stellte schließlich fest, dass eine richtige Familienpause in einer politischen Spitzenposition nicht denkbar sei, außer es stünden eine sehr gute Infrastruktur und entsprechende finanzielle Mittel zur Verfügung.

Vor allem letzteres sei für Frauen nur in Ausnahmefällen gegeben, da sie generell weniger verdienten als Männer. Frau Raiser stellte fest, dass es auch deswegen nicht nur wichtig sei, Frauen den Zugang zu typischen Männerberufen zu eröffnen. Auch die „Frauenbranchen“ sollten für Männer geöffnet und nicht nur deswegen geringer bezahlt werden, weil die Arbeiten von Frauen ausgeübt werden. Das führe für Frauen in einen Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen sei.

Entgeltgleichheit

Ähnlich wie beim Anstreben von Macht sah Frau Raiser eine Hauptschwierigkeit auf dem Weg zur Gleichberechtigung beim Verdienst darin, dass es für die meisten Frauen eine ungewohnte Situation sei, ihre eigenen Ansprüche geltend zu machen. Frau Gaber pflichtete ihr darin bei, dass besonders offene Gehaltsverhandlungen und das Festlegen von Stundensätzen für die eigene Arbeit für Frauen eine Schwierigkeit darstelle. Frauen unterschätzten ihre Fähigkeiten oft. Sie müssten lernen, ihre eigene Leistung objektiv zu bewerten und ihren Wert auch nach außen zu vertreten.

Im öffentlichen Dienst, so berichtete Dr. Eisenmann, sei zumindest die Gleichberechtigung auf gleicher Ebene gegeben, was die Vergütung angeht. Allerdings gebe es auch dort keine Chancengerechtigkeit beim beruflichen Aufstieg.

Die "gläserne Decke"

Auf die Frage aus dem Publikum, ob denn der geringe Anteil an Frauen in Führungspositionen ein typisch deutsches Phänomen sei, wies Frau Raiser auf die schwere internationale Vergleichbarkeit von „Führungspositionen“ hin. Der unterschiedliche Gebrauch dieser Bezeichnung mache einen Vergleich des internationalen Frauenanteils schwierig. Allerdings sei das traditionelle Familienbild und damit die traditionelle Rolle der Frau in Deutschland besonders stark verwurzelt. Dies erschwere den Berufsein- und –aufstieg von Frauen besonders.

Die berüchtigte „gläserne Decke“ führt dazu, dass es inzwischen zwar viele gut ausgebildete Frauen gibt, aber wenig beruflichen Aufstieg für diese Frauen. Dr. Laube sah einen der Hauptgründe dafür, dass Frauen sich bei der Berufswahl selten für aussichtsreichere, oft technische Berufe entschieden, sondern eher für traditionell weibliche Branchen und Berufe.

Netzwerke und Seilschaften

Auf die Frage, ob Frauen von Männerseilschaften lernen  und ob (Frauen-)Seilschaften beim beruflichen Aufstieg helfen könnten, waren die Reaktionen eher kritisch. Frau Raiser betonte, dass nicht alle Seilschaften gut seien, weil man damit oft auch die mitzöge, die nicht an die Spitze gehörten, aber durch eine Seilschaft dahin kämen. Sie plädierte für eine sachliche Unterstützung von Frauen durch Frauen gepaart mit konstruktiver Kritik, anstelle unhinterfragten Mitziehens. Frau Speidel stellte fest, dass sie nicht in einer Seilschaft enden wolle. Sie habe „den Ehrgeiz, allein irgendwo hinzukommen und nicht nur, weil man den oder den kennt“. Für sie sei der Begriff der Seilschaft negativ belegt.

Dr. Laube unterschied zwischen Netzwerken und Freundschaften. Sie sprach sich für die Ermutigung junger Kolleginnen durch Berufserfahrenere aus als Beitrag zur Personalentwicklung. Sie berichtete von einem entsprechenden, geschlechterunabhängigen Mentoren-Programm, das es in ihrem Unternehmen gebe. Dabei lernten sowohl Berufsanfänger als auch Mentor von einander und der Weiterentwicklungseffekt sei als ökonomisches Nebenprodukt zu sehen. Wenn es im Unternehmen kein Mentorenprogramm gebe, sah Dr. Laube die BerufsanfängerInnen selbst in der Pflicht. Sie sollten dann aktiv werden und erfahrene KollegenInnen ansprechen und um Unterstützung bitten. Viele seien dazu bereit, böten es aber nicht von selbst an.

Dr. Eisenmann berichtete, dass es im Öffentlichen Dienst Mentorenprogramme gebe. Im (wahl-)politischen Bereich sei das aber nur schwer umsetzbar, da man sich ja keine Konkurrenz heranziehen wolle. Es sei aber auch dort so, dass das Selbstvertrauen der Männer immer noch stärker sei und sie damit auch größere Chancen bekämen. Sie berichtete von ihren Erfahrungen mit internen Netzwerken von Frauen und Männern aus anderen politischen Bereichen. Netzwerke im eigenen Bereich seien wegen des Konkurrenzdrucks schwierig. Auch auf reine Frauennetzwerke habe sie sich nie verlassen und empfehle das auch nicht. Frauen sollten sich nicht abschotten. Dem widersprach Frau Raiser und wies darauf hin, dass in vielen Bereichen nur Frauennetzwerke die notwendige soziale Infrastruktur und gesunden Menschenverstand für Alltagskleinigkeiten bieten könnten. Der Austausch mit anderen Frauen könne Mut machen. Dr. Laube betonte, dass man unterscheiden müsse zwischen privaten und beruflichen Bedürfnissen und entsprechender Unterstützung durch Netzwerke. Auch sie wies darauf hin, dass ein Erfahrungssaustausch wichtig sei.

Persönliche Frauenförderung

Am Schluss der Gesprächsrunde ging es noch einmal um eine konkrete Frage, nämlich danach, wie die Diskutantinnen bisher selbst Frauen gefördert haben.

Frau Gaber gab zu, das im beruflichen Bereich wenig getan zu haben, da sie in ihrer Branche auf keine Frauen treffe. Dafür engagiere sie sich stark in ihrem branchenübergreifenden Netzwerk Frauenunternehmen.
Auch Dr. Laube berichtete, dass ihr im Berufsleben nicht so viele Frauen begegneten. Ihr sei aber aufgefallen, dass Frauen, die sich bewerben, professioneller seien. Doch müsste man auf Frauen eher zugehen. Die Zeit sei „reif, dass die eine oder andere Frau sich was traut.“ Die Grundbereitschaft, Feedback anzunehmen oder sich aktiv zu holen, müsse da sein. Tendenziell sei es aber so, dass die jungen Frauen eher zurückhaltender seien als die Vorgängergeneration. Sie ermutigte dazu, sich auch als Quereinsteiger in der Wirtschaft zu bewerben.
Frau Raiser verwies auf 30 Jahre ehrenamtliche Arbeit in Frauenorganisationen. Dabei sei sie auf Frauen zugegangen mit Gesprächsangeboten, habe einen Erfahrungsaustausch unterstützt und Grundregeln besprochen. Vor allem aber habe sie dabei auch selbst gelernt.

Dr. Eisenmann berichtete, sie gehe aktiv auf junge weibliche Angestellte zu und schlüge sie für Positionen vor. So habe sie in ihren Ressorts zwei Bereichsleiterinnen und einen –leiter. Jedoch mahnte sie an, dass der Wille zum Aufstieg und zur politischen Gestaltung und das Durchhaltevermögen da sein müsse. Sie könne „nicht jede zum Jagen tragen.“

Frau Speidel bemerkte dazu, dass das Feld durch die Vorgängergenerationen bereitet worden sei, man aber weiter kämpfen müsse. Genau an diesem Anstrengungswillen mangle es der jungen Generation oft, die relativ verwöhnt seien und glaubten, etwas zu werden ohne sich anzustrengen. Es fehle bei den ganz Jungen der Biss, der Wille etwas zu werden. Oft wählten junge Frauen auch selbst wieder den Lebensweg ohne Karriere.

Fazit

Grundtenor des Gedankenaustauschs war die Aufforderung an Frauen, selbst- und machtbewusster, fordernder zu werden, weiter um ihre Gleichberechtigung zu kämpfen ohne sich gegen die Männer abzuschotten. Allerdings müssten sich auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Denn, so brachte es Frau Raiser auf den Punkt, die Gleichstellungsfrage ist keine reine Frauenangelegenheit, sondern eine grundlegende Demokratiefrage.

 


 


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