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  Soziales
 
Vom guten Umgang mit traumatischen Erfahrungen - 13.10.2005
Vortrag von Dr. Ralf Bolle im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Psychiatrie und Öffentlichkeit“

 

(mw) „Wenn über eine Sache Gras gewachsen ist, dann kommt irgend wann ein Psychotherapeut, der es wieder abfrisst“, ulkte selbstironisch der als Psychotherapeut nach C.G. Jung arbeitende Dr. Rolf Bolle, der auch an der Fachhochschule für Kunsttherapie lehrt, in der Stadthalle Nürtingen. Bei posttraumatischen Belastungsstörungen, so führte er in seinem großartigen Vortrag weiter aus, gelte es im Gegenteil, dass „Gras“ über das Trauma „wachse, und Kühe wieder darauf grasen“ könnten. Um eine Retraumatisierung zu vermeiden, gelte es zu verhindern, dass die „CD mit dem Trauma“ immer wieder aufgelegt wird, damit sie sich nicht immer mehr einbrenne. Bei einer solch lebensbedrohliche Situation, für die man keine Selbstbewältigungs-Möglichkeiten habe, gelte es, die Person zu stabilisieren, und nochmals zu stabilisieren, die destruktiven Teile abszuspalten oder zu vernichten, und daneben ein unbelastetes Leben aufbauen und strukturieren zu können.
Er selber habe eine traumatische Erfahrung durchlebt, als er zufällig an einen schweren Verkehrsunfall gekommen sei. Als Arzt habe er geholfen. Doch der Geruch verbrannter Körperteile, ausgelaufener Batterie-Flüssigkeit und Benzins sei später immer wieder hochgekommen, zusammen mit den belastenden Eindrücken. Diese Flashbacks habe er durch Gespräche mit seiner Frau verarbeiten können.
Wenn allerdings Vermeidungs-Verhalten andauere, könnten sich extreme Persönlichkeits-Veränderungen einstellen. Bei sehr schweren Traumatisierungen wie sexueller und körperlicher Gewalt in der Kindheit, Vergewaltigung, Folter, KZ-Aufenthalt und Vertreibung stelle sich die Situation meist schwieriger dar als bei seiner Unfall-Erfahrung: „Das Schlimme daran ist, dass es immer weiter geht mit der Verdrängung und dem Einbrechen der früheren Erfahrung“.

Wie könne man dem angemessen begegnen? Die Grundstruktur der Trauma-Therapie sei, sich auf die Seiten der Guten stellen und das Böse zu vermeiden. Unter anderem anhand der Romane Tolkiens stellte Dr. Bolle dies dar: Herr Tolkien sei ein kriegstraumatisierter Mensch gewesen, er habe das Schlachten in den Sümpfen der Somme und den Giftgas-Einsatz miterlebt im Ersten Weltkrieg. Als Gegenreaktion auf diese Traumatisierung habe er ein Gegen-Buch geschrieben: „Der kleine Hobbit“. Das süße, sichere Hobbit-Land stehe für die Seite der guten, sicheren Zukunft. Nun gelte es, dies zu erhalten, zu stärken, groß zu machen gegen die dunklen Kräfte des Bösen. Auch in „Herr der Ringe“ stehe der Hobbit Frodo für jemanden, der traumatisiert wird und es gerade noch schafft. Die immer wieder kehrenden Bilder endloser Gewalt seien typisch für die traumatisierende Wirkung. Nun gelte es, bei der Trauma-Therapie gleichsam eine Spaltung der Persönlichkeit herbei zu führen, jemanden gewissermaßen „Borderline“ zu machen. Wie bei den Hobbits in „Der Herr der Ringe“: Gollum war auch ein Hobbit, ist schwer traumatisiert, wurde gefoltert, er geht in der Vernichtung des Bösen unter, so wie es in der Therapie gelte, diesen Anteil der Flashbacks wie die eitrige Flüssigkeit eines Abszess zu eliminieren.
Saim, der Naturbursche, gehe relativ unbeschadet daraus hervor, er heiratet, führt ein normales Leben.
Frodo schafft es nicht mehr, in die Alltags-Situation zurückzukehren.
Das pure Böse werde nicht verinnerlicht und als Anteil des eigenen Selbst verarbeitet, es werde bekämpft und vernichtet. Das Gute werde gestärkt und möglichst in den Alltag reintegriert.

Kommentar:
Ein hervorragender Vortrag großer Anschaulichkeit! Der Referent verstand es trefflich, Kompliziertes anhand eingängiger Beispiele darszustellen. Er drückte sich auch nicht vor der Frage-Runde, auf diese Weise konnten nach dem angemessenen und die Aufmerksamkeit nicht überstrapazierenden Umfang des Vortrags viele Fragen gestellt werden. Den Reporter der Stattzeitung imponierte auch die Größe, auch auf etwas einfach gestrickte Fragen in einer angenehmen, menschlichen Art zu reagieren, und auch eigenes Nicht-Wissen bei einigen Aspekten zuzugeben. Gerade dies spricht von einem enormen und gut reflektierten Überblick über die Thematik, ist Ausfluss stabiler Sicherheit und warmer Menschenfreundlichkeit, die bei dieser Art von Therapie das „A“ und „O“ ist.

Für den Reporter auf die Nachfrage einer Mitarbeiterin des AKL überraschend kam die Antwort, dass es in Nürtingen - beispielsweise für traumatisierte Flüchtlinge - kein Angebot eines Kunsttherapeuten/einer Kunsttherapeutin gibt, die auf solche Traumata spezialisiert sei. In der Praxis werden wie so oft die Defizite offenbar ...


 


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