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  Soziales
 
„Vielleicht Gott wird helfen!“ - 23.2.2015
Warum Roma aus der Slowakei hierher zum Betteln kommen

 
(mw) Nürtingen, an jenem Freitag: Die Südwestpresse titelt für das ganze Land auf der ersten Seite: „Stuttgart geht gegen organisierte Bettler vor. Geplante neue Regeln machen sogar Haft möglich“. Die Bildunterschrift daneben erläutert: „Auch diese Demutshaltung wird als aggressives Betteln gewertet. Künftig sollen der Frau dafür härtere Sanktionen drohen“. Denn Stuttgarts Innenstadt soll „vor allem“ von „gewerbsmäßigen“ Bettlern gleichsam ‚gesäubert‘ werden, „Bettelbanden“ aus „Osteuropa“ solle das Handwerk gelegt werden. Ein  Kommentar - mit der Überschrift: „Hier nicht!“ fordert dazu auf.

Von Manuel Werner

Für die Umsetzung müsse „beim Personal aufgestockt werden. Sonst werde „das hoffnungsfrohe amtliche Bettelbandenverbot zu einem kümmerlichen Armutszeugnis“. Außerhalb des Mantelteil geht es in der Nürtinger Zeitung weiter: „Stadt will Bettler empfindlich treffen“. Dieser Artikel spricht von „einer ethnischen Minderheit aus der Slowakei“, von „Clans“. Jeder Leser weiß sofort, wer damit gemeint ist. Darin wird eine Schwester  von der Franziskusstube Stuttgart als Kronzeugin der Anklage präsentiert: „Die Bettler aus der Slowakei“  hätten „mittlerweile Hausverbot“, denn wenn es etwas „umsonst gegeben“ habe, hätten sie „massenhaft Hilfsgüter mitgenommen“. 

Radzovce, Slowakei, eine Woche vor diesen Zeitungsmeldungen: Der sechsjährige Lacko läuft weinend seinem Vater hinterher. Denn der Papa ist im Begriff, mit dem Fernbus bis nach Obertürkheim fahren, auch wenn dies Jan Holub (alle Namen geändert) ein Vermögen kostet, sprich 81 Euro. Das ist mehr als er für sich im Monat an Sozialhilfe bekommt. Das Unwort des Jahres weiß hierfür einen Begriff: „Sozialtourismus“. In Deutschland Arbeit zu finden ist zwar um ein Vielfaches wahrscheinlicher als in Radzovce. Doch auch wenn Jan feststellt: „In Deutschland ist der Rassismus viel weniger als in der Slowakei!“, gehen für ihn als Ròm, der mit drei Jahren ins Heim kam und nur eine Hilfsmaurerausbildung hat,  die Chancen gegen Null. Wenn man keine Arbeit findet, wenn die Sozialhilfe nicht reicht, um die Familie über die Runden zu bringen, man nicht kriminell werden möchte, was bleibt da anderes als zu betteln? In Radzovce wäre Betteln sinnlos.  Doch ob er die 81 Euro für das Rückfahrticket überhaupt herein bekommt, ob wenigstens vierzig Euro übrig sind nach zwei Monaten Betteln, das weiß Gott allein. „Doch vielleicht Gott wird helfen!“ sagt Jan sich und seiner Frau im Gehen, die dennoch nicht frohgemuter dreinschaut.

„Die Mafia hat Geld, wir nicht!“

Nürtingen, eine Woche später, an jenem Freitag:  Von den heutigen Artikeln in der Südwestpresse weiß Jan nichts. Er stellt nur fest, dass die Passanten weniger geben. Acht Euro am Tag sind es sonst, wenn es halbwegs gut läuft, jetzt viel weniger. Er weiß nicht, warum er öfter als sonst hört: „Geh arbeiten!“ -  „Vorsicht, Mafia, Bettelbande, aufpassen, das sind Kriminelle!“ hält ein Mann eine Viertelstunde lang Passanten belehrend von Jan ab. Eine Frau sagt zu Jan: „Ich rufe die Polizei!“, tut so, als telefoniere sie, will Jan damit zum Verschwinden bewegen. Einschneidender ist das Gerede und Geschreibe von der „Bettelmafia“. Ich und Mafia, denkt er, komisch, wie die Leute auf so etwas kommen. Denn die Mafia hat Geld, wir nicht. Klar, sie meinen, er müsse einem „Clanchef“ das meiste abliefern, darum sei er bedürftig. „Hau ab, dreckiger Zigeuner!“, hört er. Doch davon schottet er sich ab. Er weiß, seine Frau daheim putzt – „dreckiger Zigeuner“ hin oder her -  das „Haus“, in dem sie wohnen und das dem Müllplatz abgetrotzt wurde, mindestens elfmal am Tag. Damit bekämpft sie erfolgreich den Dreck, der sie umgibt, sobald die Türschwelle aufhört. Er verdrängt die gewohnte Beschimpfung, denn es gibt auch Leute, die eine Butterbrezel und Kaffee bringen, und Leute, die einen Schlafsack gegeben haben. „Die wissen, ein gutes Herz ist mehr wert als viel Geld“. Er selber handelt ja auch danach, wenn er kann. Wenn er daheim ist, und Essen für die Familie hat, dann kommen heißhungrige Kinder, deren Vater die Sozialhilfe vertrinkt. Dann schüttet Elsbeta einen Liter Wasser und eine Handvoll Nudeln mehr in die Suppe, und die Rasselbande isst halt mit. Auch wenn sie selber dann zwei Wochen nach Auszahlung der Sozialhilfe kein Brot und keine Butter, geschweige denn Wurst haben. 

„Ich bin auch rot im Gesicht, wenn ich bettle!“

 „Ich bin auch rot im Gesicht, wenn ich bettle!“, erläutert er leise. Er meint nicht damit nicht die beißende Kälte. Er meint die Schamesröte. Doch er tut sich das der Familie wegen an, gehört zu keiner organisierten „Bettelbande“, wenn auch sein Bruder ebenfalls in der Innenstadt bettelt und einen Plastikbecher vor sich stehen hat. Doch wenn man so will, bettelt er „gewerbsmäßig“. Denn er sitzt von acht Uhr morgens bis neunzehn Uhr in der Unterführung oder vor dem Kaufland, obwohl das nicht gut für seine Thrombose ist, für deren Behandlung er daheim Geld von der unzureichenden Sozialhilfe abzweigen müsste. Doch bei seiner Krankenversicherung Dôvera ist er längst verschuldet, wie viele Roma daheim. Woher auch soll er, sollen sie den monatlichen Beitrag zahlen? Man kann dies strukturelle Gewalt nennen, an der man sterben kann. Verschuldet ist er auch bei einer deutschen Krankenkasse. Denn er hatte bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Die hierfür nötige Krankenversicherung war nicht gekündigt worden. Nun ist er bei ihr 10.000 Euro im Minus. Bevor er arbeiten kann, müsste er dies begleichen, doch wovon? Außerdem müsste er angemeldet sein, aber von welchem Geld soll er ein Zimmer zahlen? Doch auch wenn diese hohen Hürden überwunden wären, müsste er jemand finden, der ihm Arbeit gibt. Du hast keine Chance, Jano, also nutze sie! Also bettle wenigstens! 

"Möge Gott dafür sorgen, dass die Straße offen bleibt!“
 
Zum Glück hilft der Nürtinger Tagestreff Roma wie anderen auch, Hausverbot für sie ist dort nicht mal im Keim angedacht, wieso auch. Auch die dortigen Gäste lesen an diesem Tag die ausliegende Zeitung, die wieder einmal die unheilvollen Klischees auflädt, wie bei anderen Lesern auch, im ganzen Land. Doch manche wissen: Jano ist in Ordnung. Denn sie kennen ihn. „Du, ich habe noch einen zweiten Fön daheim. Den bringe ich morgen mit, für die Frau von Jano!“, sagt eine Besucherin. Trotz Handicap hat sie zwei Putzstellen, weil ihre Rente nicht reicht. „Ist für Weihnachten! Sie wünscht sich das doch sehnlich, doch traut sich das nicht zu sagen, aber Jano weiß das ja trotzdem!“ 
Nach einer Redensart der Roma seiner Heimat wünscht Jano:  "Möge Gott dafür sorgen, dass die Straße offen bleibt!" Vielleicht kommt ja statt des bitteren das große Los, sprich Arbeit. „Vielleicht Gott wird helfen!“  Doch Gott hat keine Hände, nur unsere…

Aus:  "Aus trott-war, Die Straßenzeitung im Südwesten", Februar 2015“, S. 26f.

Bild: JanHolub, Elsbeta und Lazko vor ihrer Unterkunft in Radzovce, Foto: Manuel Werner, alle Rechte vorbehalten.

 


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