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  Soziales
 
Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt - 2.10.2008
Vortrag im Bürgertreff informierte über manisch-depressive Erkrankungen – Selbsthilfegruppe wird gegründet

 

(mw) Der Saal des Bürgertreffs war voll, als Psychologe Stephan Heinrich in das Thema „Manisch-depressive Erkrankungen“ – heute auch Bipolare Störungen genannt – einführte und danach eine ausgedehnte Fragerunde ermöglichte.

Stephan Heinrich ist im Psychologischen Dienst der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Nürtingen tätig. Dort leitet er unter anderem eine „manisch-depressive Gesprächsgruppe“ für Patienten der Klinik. An Bipolaren Störungen – also manisch-depressiven Erkrankungen – leidende Menschen sind extremen, willentlich nicht kontrollierbaren Auslenkungen des Antriebs, ihrer Aktivität und Stimmung unterworfen. Diese schwanken weit außerhalb des Normalniveaus in Richtung Depression oder Manie. „Viele berühmte Leute wie Vincent van Gogh und Robert Schumann haben an dieser Krankheit gelitten“, so Stefan Heinrich.
An diesen Protagonisten sehe man, „dass solche Menschen durchaus zu großen Leistungen fähig sind“. Allerdings sei „der eine in der Psychiatrie gestorben, der andere hat sich umgebracht“. Daran kann man ermessen, dass es sich um eine schwere Krankheit handelt, die schlimme Folgen haben kann.

Depression und Manie
Unter Depression verstehe man hier nicht die depressiven Stimmungen, die jeder innerhalb der Normalschwankungen erlebt, sondern eine klinische Depression mit extrem gedrückter Stimmung und drastisch vermindertem Antrieb. Diese dauere - mitunter ohne ersichtlichen Grund - über Wochen an, und oft seien Betroffene den Anforderungen der Arbeit oder des Alltags nicht mehr gewachsen. „Oft bleiben die Menschen im Bett liegen“, so Heinrich, „stehen gar nicht auf, sind nicht mehr in der Lage, sich zu waschen“. Schlafstörungen können dieses Stimmungstief begleiten, charakteristisch sei eine große Erschöpfbarkeit. Die Stimmungslage könne sich im Laufe des Tages ändern, zunächst herrsche dann ein „Morgentief“ und gegen später helle sich die Stimmung etwas auf.  Der Referent berichtete von neuen Forschungen: „Bildgebende Untersuchungen“ hätten gezeigt, dass „die Aktivität des Gehirns in einer Depression gering ist, dies vermag verlangsamtes Denken, Konzentrationsschwierigkeiten, Grübeln, das in einer Depression vorherrscht, zu erklären. Die Erkrankten haben das Gefühl, die Zeit bleibt stehen“. In schweren Fällen zeigen sich auch Wahnsymptome, wie Versündigungswahn, Verarmungswahn“ und Suizidalität.

Eine Manie hingegen sei durch eine unangemessene euphorische oder gereizte Stimmung mit Rastlosigkeit und überdrehtem Antrieb gekennzeichnet. Oft werde ein intensives Hochgefühl empfunden. Andere bemerken eine übersteigerte und häufig unbegründete gute Laune. Darüber hinaus haben Betroffene nur ein sehr geringes Schlaf- und Erholungsbedürfnis sowie erhöhte persönliche Leistungsfähigkeit. Maniker empfinden Schlaf oft als Zeitverschwendung und Unterbrechung ihres - oft ziellosen - Tatendrangs. Die Hochstimmung könne allerdings schnell in Gereiztheit umschlagen, vor allem wenn der Patient Widerspruch erfahre. Die Sprechgeschwindigkeit sei stark erhöht, oft sei geradezu ein Rededrang zu beobachten. „Manchmal zeigt sich auch beschleunigtes, sprunghaftes Denken, eine Art Gedankenrasen, Hemmungen werden abgebaut“, so Stephan Heinrich. Viele Dinge werden begonnen, manche nicht zu Ende geführt. Es sei für Maniker praktisch unmöglich, still zu sitzen und nichts zu tun. Eine Enthemmung in verschiedenen Bereichen könne stattfinden, z.B. im sexuellen Bereich. Oft sei ein Kaufrausch bemerkbar, wobei die finanziellen Möglichkeiten schnell überschritten werden. Diese Stimmungslage kann allerdings schnell in einen Zustand übergehen, die unter anderem durch eine mangelnde Einschätzung der Realität gekennzeichnet ist. Menschen, die sich gerade im Zustand der Manie befinden, leugnen meist hartnäckig, dass sie in irgendeiner Art und Weise Probleme hätten und reagieren oft gereizt, wenn sie von anderen auf offensichtliche Schwierigkeiten hingewiesen werden.
Aus diesem Grund sei es im Zustand der Manie beinahe unmöglich die Patienten davon zu überzeugen, dass sie krank sind. Denn die Betroffenen selbst empfinden den manischen Zustand oft als besonders angenehm, vor allem dann, wenn sich die manische Episode direkt an eine Phase der Depression anschließt. „Doch Manie heißt nicht unbedingt Glück!“ Depression und Manie seien Zustände, „bei denen man sich von sich selbst entfernt!“, gab Heinrich zu bedenken.

Erste Anzeichen Bipolarer Störungen können sich schon im jugendlichen Alter oder bei jungen Erwachsenen bemerkbar machen. „Meist fängt die Störung“, so Heinrich, „mit einer depressiven Episode an und so wird oft eine Depression diagnostiziert“. Dazu sind manisch-depressive Erkrankungen nicht leicht zu erkennen. Da es sich bei Bipolaren Störungen um kein einheitliches Krankheitsbild handelt, kann die Erkrankung durchaus individuell sehr verschieden verlaufen. Grundsätzlich gilt, dass sie in Phasen oder wie die Fachleute sagen in manischen oder depressiven Episoden verläuft: Depressive und manische Zustände wechseln sich ab. Dazwischen können die Symptome durchaus eine Weile verschwinden. Rasche Symptomwechsel und Mischzustände erschweren die Diagnose.

Defizite
Die Wahrscheinlichkeit, in seinem Leben an einer Bipolaren Störung zu erkranken, liege bei 1 bis 1,6 Prozent. Folglich erkranke mindestens jeder Hunderste. In Deutschland gebe es rund zwei Millionen Betroffene. Jedoch werden nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Betroffenen einer entsprechenden Behandlung zugeführt. Dabei bringe die Erkrankung einen immensen Leidensdruck sowohl für die Patienten als auch für die nächsten Angehörigen mit sich. Viele Erkrankte seien nicht richtig diagnostiziert und erfahren keine angemessene Hilfe.
Noch immer gebe es große Defizite bei der Diagnosestellung: Die Bipolare Störung werde im Schnitt erst nach acht Jahren erkannt. Manien und Hypomanien werden oft nicht erkannt und dem Arzt berichtet – die Betroffenen fühlen sich in einem solchen Zustand alles andere als krank, im Gegenteil: Sie fühlen sich großartig. Die gute Stimmung ist allerdings nicht echt. „Leider ist es so, dass diese Krankheit oft chronisch verläuft. Es können acht bis zehn Episode im Laufe des Lebens auftreten, aber auch viel mehr“, so Stephan Heinrich. „Je häufiger die Phasen auftreten, desto schwieriger die Behandlung, genauso gilt: Je später behandelt wird, desto schwieriger ist sie.“ Daher sei Früherkennung und Frühbehandlung und somit Aufklärung bitter nötig.
Rechtzeitig richtig diagnostiziert, werde den Betroffenen ein langer Leidensweg erspart. In vielen Fällen tritt die Bipolare Störung als eine lebenslange, chronische Erkrankung in Erscheinung. Entsprechend medikamentös und therapeutisch behandelt, könne der Erkrankte allerdings lernen, mit ihr zu leben. Der Leidensdruck für Angehörige sei oft enorm. Sie erleben sich oft als allein gelassen, sind voller Sorgen und oft verzweifelt. „Angehörige sind oft ausgelaugt, oft völlig fertig, trauen sich of nicht, Verantwortung abzugeben, weil oft Schuldgefühle entstehen“. All diese Defizite gelte es anzugehen.

Begleiterkrankungen
„Viele Patienten versuchen, sich selbst zu medizieren, häufig mit Alkohol und Drogen. Und das ist ein Problem!“, stellte Stefan Heinrich fest. Somit sei der Missbrauch von Alkohol oder sonstigen Drogen bei bipolar Erkrankten Erwachsenen häufig. Weniger oft, aber durchaus üblich ist auch ein übermäßiger Konsum von Medikamenten. Panikstörungen und Persönlichkeitsstörungen gehören ebenfalls zu den Begleiterkrankungen Bipolarer Störungen. Auch Herz- und Krebserkrankungen treten bei diesem Personenkreis häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung.

Suizidrisiko
Bei bipolar Erkrankten sei das Selbsttötungsrisiko generell um ein Vielfaches erhöht. Etwa jeder vierte Betroffene unternehme einen Suizidversuch. Zirka 15 Prozent der Erkrankten bringen sich um ihr Leben. Als besonders riskant werden Depressionen eingeschätzt, bei denen der Antrieb noch nicht gelähmt oder bereits wieder verbessert ist. In diesen Phasen wird die Selbsttötungsabsicht häufig in die Tat umgesetzt. Auch gemischte Episoden bergen infolge der verzweifelten Stimmung aus Niedergeschlagenheit und enorm hohen Antriebsniveaus ein Suizidrisiko.

Behandlungsmethoden
Mit jeder neu auftretenden Krankheitsepisode verschlechtere sich der Gesamtverlauf der Erkrankung. Die Abstände zwischen den einzelnen Episoden werden immer kürzer. Daher sei es notwendig, jede neu beginnende Episode möglichst schon am Anfang abzufangen und die Stimmungslage des Patienten so schnell wie möglich zu stabilisieren. Nötig seien eine Akuttherapie, danach eine Erhaltungstherapie und schließlich eine Prophylaxe, um erneuten Ausbrüchen zu begegnen. Je schneller die Betroffenen behandelt werden, desto höher sei die Chance, dass eine bestehende Partnerschaft nicht unter dem Druck der Erkrankung zerrüttet wird und die Arbeitskraft des Erkrankten erhalten bleibt. „90 Prozent können nicht geheilt werden. Allerdings besteht die Möglichkeit, eine Verbesserung oder Stabilisierung herbeizuführen. Inzwischen gibt es verschiedene medikamentöse Behandlungsformen“. Hierfür gebe es verschiedene Medikamente, z.B. so genannte Stimmungsstabilisierer, oder Antidepressiva oder Antimanika. Stephan Heinrich machte aber auch klar: „Zur Behandlung gehört wesentlich mehr als Medikamente“. Die psychotherapeutische Behandlung und die soziotherapeutische Seite wichtige Stützen. Eine dritte Säule kann die Selbsthilfe sein. Wichtig auch sei es, der Stigmatisierung entgegenzuwirken, der die Betroffen oft ausgesetzt sind. Werden Bipolare Störungen nicht als solche erkannt besteht die Gefahr, dass die Symptome der Betroffenen mit ungeeigneten Medikamenten behandelt werden. So seien manche Antidepressiva für Bipolare ungünstig, weil sie „die Gefahr in sich bergen, dass sie eine Manie auslösen können“. Dadurch kann es zu einer Verschlechterung der Erkrankung oder zur Auslösung einer weiteren Krankheitsepisode kommen. Hier sei wieder die Frühdiagnose wichtig. „Leider aber ist es dennoch so, dass sehr viele Patienten ganz arg eingeschränkt seien durch die Krankheit. Nur ein Drittel kann die volle berufliche Funktionsfähigkeit erhalten“.
Die anschließende Fragerunde wurde rege genutzt. Viele Anfragen und Nachfragen kamen zur Geltung. So konnte Stephan Heinrich manche Aspekte direkt auf die Zuhörer zugeschnitten vertiefen.

Gründung einer Selbsthilfegruppe
Am Dienstag, den 14. Oktober, findet im Bürgertreff um 19 Uhr das Gründungstreffen der „Selbsthilfegruppe für bipolar Erfahrene und Angehörige Nürtingen“ statt. In einem geschützten Raum möchte die Selbsthilfegruppe bipolar Erkrankten und deren Angehörigen – Partnern, Kindern, Eltern – einen Raum für Erfahrungsaustausch und Selbstinitiative bieten. Sie versteht sich als Ergänzung zu ärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung, als „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Mehr Informationen über diese Krankheit und die Nürtinger Selbsthilfegruppe unter http://bipolar-shg-nt.jimdo.com

 

 


 


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