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  Geschichte
 
Würdige Gedenkveranstaltung für Anton Köhler und 38 weitere ermordete Sintikinder - 31.5.2014
In Mulfingen wurde der 70. Jahrestag der Deportation der Sinti-"Waisenkinder" begangen

  (mw) In Mulfingen bei Künzelsau wurde der 70. Jahrestag der Deportation der Sinti-"Waisenkinder" begangen, die aus der dortigen St. Josefspflege als Ausflug getarnt nach Auschwitz-Birkenau verbracht wurden. Hauptsächlich die Kripo Stuttgart unter Adolf Scheufele betrieb und organisierte die Erfassung, Verfolgung und Deportation der Sinti und Roma in ihrem Zuständigkeitsbereich, ähnlich wie die Gestapo die Erfassung, die Verfolgung und die Deportation der Juden betrieb. In Auschwitz-Birkenau wurden auch die "Sinti- und Roma-Kinder" von Mulfingen teils von Dr. Mengele zu Versuchen missbraucht und in der Nacht zum 3. August 1944 mit über 2800 anderen Sinti und Roma vergast und verbrannt. 

Auch der in Nürtingen geborene Anton Köhler war darunter, wie auch sechs seiner Geschwister. Die 16-jährige Schwester von Anton Köhler, Johanna, hatte sich kurz vor der Deportation in Mulfingen auf ihr Bett im Waisenhaus geworfen, geweint und gerufen: "Warum muss ich sterben, ich bin doch noch so jung?" Wir wissen dies von der damaligen Lehrerin der Kinder, Johanna Nägele, und von den Überlebenden Angela W., geborene Reinhardt und Amalie Schaich. Unser Bericht folgt dem Beitrag "In Nürtingen geboren – in Auschwitz ermordet: Anton Köhler" von Manuel Werner, Nürtingen, auf der Webseite der Nürtinger Gedenkinitiative.

Die jüdische Kinderfachärztin Lucie Adelsberger, die im Kinderkrankenblock des "Zigeunerlagers Auschwitz II" verwendet wurde, schildert das schreckliches Ende der Kinder aus dem Waisenblock des "Zigeunerlagers" in Auschwitz-Birkenau:
 "Ehe ich zu meinen Kindern in den Waisenblock eilen konnte, war die Lagerstraße schon von schußbereiter SS abgesperrt, die in enggliedrigen Ketten zu beiden Seiten aufgepflanzt war. Schnell flüchtete ich zu den Kollegen in den Infektionsblock... In der Ferne fuhren Autos an, und verschwanden wieder in der Stille. Dann wurde das An- und Abfahren und das Bremsen immer deutlicher. Gegen halb 11 Uhr hielten sie vor unserem Block. War es soweit? Unser Tor blieb verschlossen. Es galt nicht uns sondern dem Waisenblock gegenüber. Wir hören die kurzen Befehle der SS, das Kreischen der Kinder. Ich erkenne die einzelnen Stimmen. Die älteren wehren sich hörbar, rufen um Hilfe, brüllen Verrat, Schufte, Mörder! Ein paar Minuten nur und die Autos fuhren davon, das Geschrei verhallt in der Nacht.

Nach einer knappen halben Stunde kehren die Wagen zurück...."

Der hiesige Landesverband Deutscher Sinti und Roma und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg hält die Erinnerung an die "Sinti- und Roma-Kinder von Mulfingen" wach. 

Die St. Josefspflege Mulfingen gGmbH hat zusammen mit der "Bischof von Lipp Schule" eine beachtliche Gedenkkultur entwickelt, die nicht nur Worte, sondern auch Taten beinhaltet. Vergleichsweise bald brachte die St. Josefspflege eine nicht versteckte Gedenktafel an. Ebenfalls früh bemühte sie sich, Überlebende und Verwandte wie auch Vertretungen der Sinti und Roma miteinzubeziehen. Daniel Strauß, der jetzige Geschäftsführer des Landesverbandes Baden-Württemberg des Verbandes Deutscher Sinti und Roma war bereits früh zu Gedenkveranstaltungen eingeladen.

Auch am 70. Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma-Kinder aus der St. Josefspflege Mulfingen nach Auschwitz entwickelte die St. Josefspflege zusammen mit dem Ort Mulfingen und der Kirchengemeinde eine würdige Gedenkveranstaltung. In der Kirche St. Kilian gestalteten Schülerinnen und Schüler der "Bischof von Lipp Schule" einen gut besuchten Gedenkgottesdienst mit, zu dem wie auch bei der nachfolgenden Gedenkstunde, neben Repräsentanten des Verbandes Deutscher Sinti und Roma Landesverband B.W.e.V., auch der katholische Landesbischof Gebhard Fürst und Staatssekretär Klaus-Peter Murawski zugegen war. Die Kinder und Jugendlichen hatten in der Kirche Backsteine in Form einer lockeren Mauer aufgeschichtet und darin sechs Fotos von Sinti und Roma-Kindern der St. Josefspflege integriert, garniert mit sechs weißen Rosenblüten. Die Namen der Sinti und Roma-Kinder - und damit auch der des in Nürtingen geborenen Anton Köhler - wurden feierlich genannt. Hierbei entzündeten die Kinder jeweils eine Kerze und integrierten sie in die Mauer. Anschließend fand in der Aula der Bischof von Lipp Schule eine Gedenkstunde statt. Dort war auch die Ausstellung "Typisch Zigeuner" zu sehen, in der Formen des Antiziganismus aufgezeigt werden, die bis zum heutigen Tag verbreitet sind. Zusätzlich präsentierte die Schule in der Turnhalle eine Ausstellung der Schüler. In deren Mitte brannte eine Kerze, kreisförmig hatten die Jugendlichen Steine gelegt, auf denen jeweils ein Name eines der Sinti-Kinder geschrieben war. In der Ausstellung zeigten die Schüler ihre Auseinandersetzung und Dokumentation mit dem, was damals in der St. Josefspflege und in Auschwitz-Birkenau geschehen war. Tags darauf begannen Schüler der Bischof von Lipp Schule eine Fahrt nach Auschwitz, um vor Ort der Erinnerung und dem grausamen Geschehen nachzuspüren. So bleibt es nicht bei diesem einen Tag, zudem wurde diese Fahrt von langer Hand vorbereitet. In einem Projekt namens "Erziehung nach Auschwitz" beschäftigen sich die Jugendlichen ab der Jahrgangsstufe 7 mit der leidvollen Geschichte der Sinti-Kinder der St. Josefspflege. Die Bildungsreise nach Auschwitz dient der intensiven Auseinandersetzung mit diesem Geschehen.

Das Motto des "Gedenkens" in der St. Josefspflege lautet: "Aus Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft lernen".
 
Auf der Fahrt nach Mulfingen fuhren Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, die auch aus Nürtingen anreisten, an einem Plakat der NPD vorbei, mit dem Text: "Geld für die Oma, statt für Sinti und Roma". Diese Plakate hingen auch in unserem Raum. Wird hier nicht wieder eine Minderheit nur auf Grund ihrer "ethnischen Zugehörigkeit" diskriminiert und ausgegrenzt und Stimmung gegen sie gemacht?

Kontrastierend hierzu verlasen die Kinder in der Kirche St. Kilian unter anderem:

"Gedenken heißt:
Erschrecken vor den Möglichkeiten, schuldig zu werden - damals wie heute, aus Gedankenlosigkeit, aus Egoismus, aus Angst.
...
Gedenken wird fruchtbar:
Wo wir neue Wege der Begegnung und des Verstehens suchen."






Foto der "Gedenkmauer" in St. Kilian, Mulfingen: Manuel Werner, Nürtingen

 


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