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  Geschichte
 
Anna Frank, geborene Herzer, 1871 - 1942 - 5.12.2015
Denk-Ort (1) Die Nürtingerin war eines der NS-Opfer Nürtingens

  (pm)
Im Wechsel wird an dem von der Nürtinger Gedenkinitiative initiierten und von ihr gemeinsam mit der Stadt umgesetzten "Denk Ort" an Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus aus Nürtingen und seinem Umland erinnert, die als geistig Behinderte ("Euthanasie"-Morde, Zwangsarbeiter, Sinti (Porrajmos), Juden (Schoa), Kommunisten, usw. ermordet oder verfolgt wurden. Der "Denk Ort" wurde am 9. November 2015 eröffnet. 

Derzeit ist dort die Kurzbiographie der ehemaligen Nürtingerin Anna Frank angebracht. Diese soll in einigen Wochen mit der Kurzbiographie von Anton Köhler ausgewechselt werden, von Zeit zu Zeit folgen weitere Biographien von NS-Opfern. Im folgenden Beitrag kann man mehr über Anna Frank erfahren, als in der Kurzbiographie am „Denk Ort“.
 
*

Anna Frank, geborene Herzer, wurde am 25. Juni 1873 im badischen Bretten geboren. Im Jahr 1902 zog sie mit dem Kaufmann Albert Frank nach Nürtingen und führte bis 1910 mit ihrem Ehemann und dann bis 1928 allein Bekleidungsgeschäfte, zuletzt ab Anfang der 20er-Jahre in der Strohstraße 1. 

Ein erster schwerer Schicksalsschlag traf Anna Frank, als sich ihr Mann am 21. November 1910 in Stuttgart-Cannstatt in der Wohnung seiner Schwiegermutter erschoss. Im Alter von siebzehn Jahren meldete sich ihr ältester Sohn Leopold als Kriegsfreiwilliger. Nach einer Verwundung erlag er am 19. November 1918 im Lazarett in Freiburg im Breisgau einer Rippenfellentzündung – ein zweiter schwerer Schlag für sie. Sein Name ist auf der Gedenktafel für die Toten des Ersten Weltkrieges im alten Nürtinger Friedhof aufgeführt. 
Im Jahr 1928 gab Anna Frank ihr Geschäft in der Strohstraße auf. Sie war damals erst 55 Jahre alt.

In der Katharinenstraße bewohnte sie schräg gegenüber von dem Haus in der Schafstraße 22, in dem ihre mit dem jüdischen Viehhändler Josef Herrmann verheiratete Schwester Frieda Herrmann wohnte, bis 1941 im Haus von Gotthilf Hahn eine Dreizimmerwohnung. In dieser Wohnung in der Katharinenstraße 2 führte sie "ein karges Witwendasein", so Pinchas Erlanger, früher Peter Erlanger, der sie als Kind besuchte. Er war ein Enkel ihrer Schwester. Nach der Erinnerung von Hedwig Mayer geb. Hahn, der Tochter des damaligen Hauseigentümers, die als junge Frau in der Wohnung über ihr gewohnt hatte, war sie eine „bescheidene, vom Schicksal geschlagene Frau.“
Anna Frank wurde als Jüdin ab 1933 in Nürtingen ausgegrenzt. "Als jedoch die Nazis 1933 an die Macht kamen, hatte ich den Eindruck, dass das Hakenkreuz in Nürtingen häufig eine größere und frühere Rolle spielte als in Stuttgart", so erinnert sich Rolf A. Weil, der in jener Zeit jeweils fünf bis sechs Wochen im Jahr bei seinen ebenfalls jüdischen Großeltern Abraham und Marie Landauer zu Besuch war. In den Schaufenstern und an den Türen der größeren Läden, aber auch an Bäckereien hingen bald Plakate mit der hässlichen Aufschrift: „Juden unerwünscht“. Unter dieser Schmach, so eine Zeitzeugin, habe Anna Frank sehr gelitten.

Wie sie nach Aussage dieser Zeitzeugin behandelt wurde, erhellt folgendes Ereignis, das sich in einer Nürtinger Bäckerei weit vor dem Frühjahr 1938, wohl schon 1935, zutrug: „Ich bin einmal dabei gewesen, da hat sie so geheult“, erinnerte sich eine Nürtingerin. „Die sehe ich heute noch vor mir mit ihren Tränen, sie mit ihren grauen Rollenhaaren! Sie war ganz außer sich, hat immer geheult." Anna Frank war abends unter Tränen zur Inhaberin der Bäckerei gekommen und hatte gebeten, ob sie ein Brot haben kann, "alle Bäckereien wollten ihr nichts mehr geben“, obwohl sie sie immer dort einkauft hatte. 

Am 9. Februar 1940 meldete Bürgermeister - bzw. „Gemeindeleiter“, wie es damals hieß - Walter Klemm dem Landrat Helmuth Maier in Nürtingen: „Auf den Erlass vom 5. des Monats berichte ich, dass in hiesiger Kreisstadt noch folgende Jüdin wohnhaft ist: Anna Frank, verwitwete Heimarbeiterin, geboren 25. 6. 1873 in Bretten/Baden, wohnhaft hier Katharinenstraße“.
„Noch“ war Anna Frank in Nürtingen wohnhaft – „noch“. Die Absicht der Nationalsozialisten war es, auch Nürtingen „judenfrei“ zu machen – ein zynischer Begriff aus dem Wörterbuch des Unmenschen.

Am 23. September 1941 musste Anna Frank für kurze Zeit nochmals ihre Nürtinger Wohnung wechseln und in die Schmidstraße 15 im Stadtteil Braike umziehen.  Knapp einen Monat nach dem Umzug in die Schmidstraße, am 15. Oktober 1941, wurde Anna Frank mit einem Sammeltransport nach Haigerloch gebracht. Haigerloch liegt im heutigen Zollernalbkreis an der Eyach und lag an einer Bahnlinie, sodass die im dortigen Getto Haag eingepferchten Juden direkt von dort "deportiert" werden konnten.
In der Meldung des Nürtinger Bürgermeisteramtes vom selben Tag liest sich das so, als wäre sie freiwillig umgezogen. „Die bisher hier wohnhafte Jüdin Anna Sara Frank, geboren 25. 7. 1873 in Bretten, hat sich am 13. des Monats hier polizeilich abgemeldet und wird heute nach Haigerloch, Haus 203 verziehen.“ Doch dieser „Wegzug“ war nicht freiwillig, wie die Formulierung vermuten lassen könnte. Er wurde von der NSDAP veranlasst und gefordert.

Anfang März 1942, bevor es zur weiteren „Deportation“  von Anna Frank - nunmehr in die Ermordung - kam,  brach sie sich bei einem Sturz die Hüfte. Da Juden von so genannten arischen Ärzten in der Regel nicht behandelt wurden und es keine jüdischen Ärzte mehr in der Umgebung gab, blieb die 68jährige drei Wochen lang ohne Hilfe. Ihr Sohn Henry teilte nach dem Krieg mit, dass seine Mutter sich durch die Verweigerung der Universitätsklinik in Tübingen eine tödliche Infektion zugezogen habe. Selbst bei Schwerverletzten wurde damals von nichtjüdischen Sanitätern oder Ärzten Hilfe unterlassen oder nur betont oberflächlich und grob geleistet. In bereits sehr kritischem Zustand wurde Anna Frank ins Jüdische Krankenhaus Frankfurt am Main überführt. Ein Sanitätswagen brachte sie von Stuttgart aus mit zwei anderen schwerkranken Frauen dorthin. Es war das nächst liegende jüdische Krankenhaus. Der Zeitraum von drei Wochen zwischen dem Unfall und dem Abtransport mit dem Sanitätswagen resultierte daraus, dass für eine einzelne jüdische Patientin diese lange Fahrt nicht gemacht wurde. 

Anna Frank wurde am 3. April 1942 in bereits bewusstlosem Zustand in Frankfurt eingeliefert. Zwei Tage später, am 5. April 1942, starb sie um 19.40 Uhr, ohne ihr Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Die jüdischen Ärzte sagten damals, dass keine Hilfe mehr möglich gewesen sei, weil Anna Frank viel zu spät eingeliefert worden war. Eine jüdische Krankenschwester, die die Schoa überlebt hatte, konnte dies später dem Sohn von Anna Frank genau schildern.
Am 10. April 1942 wurde sie auf dem Friedhof Eckenheimer Landstraße 238 begraben.

Ein Jahr später, im April 1943, ließ Gauleiter Sprenger über den Rundfunk verkünden, dass Frankfurt „judenfrei“ sei. Schon Anfang 1942 hatte der Leiter des städtischen Gesundheitsamtes im Blick auf die Freimachung des Jüdischen Krankenhauses geschrieben: „Der Vertreter der Gestapo hat seine Unterstützung in Aussicht gestellt, dass die Insassen des jüdischen Krankenhauses bei der nächsten Judenaussiedlung erfasst werden.“ Im Sommer 1942 geschah dies dann auch: Die Insassen wurden in die Ermordung verschleppt.

Ihr Sohn resümiert für Nürtingen: "Niemand ist für meine Mutter eingetreten!" Er setzte hinzu, auch nicht jemand der so genannten Nicht-Nazis.

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Biographie: Manuel Werner  – Mehr unter: gedenken-nt.de
 
 

 


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