Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Kurznachrichten
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Veranstaltungstipp
Foto der Woche
EssBar

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Reisen
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Kinderzeitung
Was kochsch du?
Gabi Zapf (Roman)
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Geschichte
 
Wer hat schon um diese Kinder geweint? - 10.2.2016
Denk Ort (2): Anton Köhler wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet, weil er Sinto war

  (mw) Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Anton Köhler.

Doch wer war dieser Junge? Hier das Ergebnis der Recherchen der Gedenkinitiative:

Anton Köhler wurde 1932 in Nürtingen geboren. Er hatte sieben Geschwister.
Bereits gut vier Monate nach der Geburt von Anton Köhler hieß es: „Hitler Reichskanzler!“. Bald darauf wurde Anton Köhler von den Behörden als „Zigeunermischlingskind“ etikettiert und deswegen verfolgt. Nach dem „Heimerlass“ des Württembergischen Innenministers für „zigeunerische und zigeunerähnlich“ eingestufte Kinder trennten die Behörden Anton Köhler und seine sieben Geschwister von seinen Eltern und verbrachten sie in das abgeschiedene katholische Heim St. Josefspflege in Mulfingen im Jagsttal.

Der Vater von Anton, Josef Köhler, wurde 1942 in das Schloss Hartheim bei Alkoven in Österreich überführt und dort vergast und verbrannt. Die Mutter von Anton Köhler, Hilda Köhler, wurde 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zwangsverschleppt.

„Warum muss ich sterben?“

Eva Justin benötigte die „Mulfinger Sintikinder“ noch als Untersuchungsobjekte für ihre Doktorarbeit. Ihre Doktorarbeit ist betitelt mit „Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen“. Eva Justin war unter Dr. Ritter für die so genannte "Rassenhygienische und Kriminalbiologische Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes" tätig. Nachdem die Doktorarbeit formal anerkannt war, deportierte die Kripo und die SS die „Mulfinger Sinti-Kinder“.  Die damals 16jährige Johanna Köhler warf sich kurz vor ihrer „Deportation“ auf ihr Bett und fragte weinend: „Warum muss ich sterben, ich bin doch noch so jung?“. Ein jüngeres Mädchen fragte bei ihrem Abtransport misstrauisch: "Warum müssen wir denn in ein Lager, wir können doch nicht schaffen wie unsere Eltern, wir sind doch noch so klein?". In Crailsheim stieß Adolf Scheufele, der Leiter der „Dienstelle für Zigeunerfragen“ bei der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart, hinzu, bis der Waggon mit den Kindern dort abfuhr. Doch Kriminalassistentin Kienzle aus Esslingen fuhr überwachend weiter mit, bis der Waggon am 15. Mai 1944 in Auschwitz-Birkenau ankam.

Wie seine vier mit ihm deportierten Geschwister wurde Anton Köhler in Auschwitz-Birkenau ermordet. Er wurde keine dreizehn Jahre alt.

In der Nacht zum 3. August 1944 wurden die „Mulfinger Sintikinder“ und andere Sintikinder und Romakinder aus dem Waisenblock, soweit sie noch am Leben waren, mit über 2800 anderen Sinti und Roma vergast. Die jüdische Kinderfachärztin Lucie Adelsberger schildert das schreckliche Ende der Kinder aus dem Waisenblock: "Ehe ich zu meinen Kindern in den Waisenblock eilen konnte, war die Lagerstraße schon von schußbereiter SS abgesperrt, die in enggliedrigen Ketten zu beiden Seiten aufgepflanzt war. Schnell flüchtete ich zu den Kollegen in den Infektionsblock... In der Ferne fuhren Autos an, und verschwanden wieder in der Stille. Dann wurde das An- und Abfahren und das Bremsen immer deutlicher. Gegen halb 11 Uhr hielten sie vor unserem Block. War es soweit? Unser Tor blieb verschlossen. Es galt nicht uns sondern dem Waisenblock gegenüber. Wir hören die kurzen Befehle der SS, das Kreischen der Kinder. Ich erkenne die einzelnen Stimmen. Die älteren wehren sich hörbar, rufen um Hilfe, brüllen Verrat, Schufte, Mörder! Ein paar Minuten nur und die Autos fuhren davon, das Geschrei verhallt in der Nacht.
Nach einer knappen halben Stunde kehren die Wagen zurück…"

Manuel Werner

Dieser Artikel ist nach dem über Anna Frank der zweite im Rahmen einer Serie, in der wir die Menschen hinter dem „Denk Ort“ präsentieren. Mehr über Anton Köhler kann man auf der Webseite gedenken-nt.de erfahren.

Foto: Anton Köhler (vorne rechts) mit Geschwistern in der St. Josefspflege in Mulfingen (Johanna Köhler hinten links). Bildrechte: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg.


 


Anzeigen




Impressum
© 2004-2017 Nürtinger STATTzeitung