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  Geschichte
 
1940 in Grafeneck vergast - 8.4.2016
Denk-Ort (3) Eberhard F., das jüngste Nürtinger Opfer der Euthanasie-Morde

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Eberhard F.

Im Herbst 1911 wurde Eberhard F. in Klosterreichenbach geboren. Die Familie zog nach Nürtingen, als sein Vater, ein Apotheker, hier eine Apotheke übernahm. Im Jahr 1933 musste Eberhard F. in der evangelischen Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg bei Gammertingen untergebracht werden.

In der Gaskammer getötet

Am 1. Oktober 1940 wurde er nach Grafeneck deportiert und dort in der Gaskammer getötet. Bei dieser Deportation durch die sogenannte Gemeinnützige Kranken-Transport-GmbH (Gekrat) waren laut Liste 97 Pfleglinge der Heilanstalt Mariaberg zum Transport in die damalige Tötungsanstalt Grafeneck vorgesehen. Durch Verhandlungen der Anstaltsleitung mit der Medizinalveraltung des Württembergischen Innenministeriums konnte die Anzahl auf 56 Kranke reduziert werden. Am Tag des Abtransports gelang es noch einmal, 15 Pfleglinge zurückzuhalten. Somit wurden „nur“ noch 41 Patienten deportiert und ermordet.

Aus Mariaberg waren es insgesamt 61 Menschen, die den sogenannten Euthanasiemorden zum Opfer fielen. Laut einer Statistik wurden im Monat Oktober 1940 in Grafeneck 761 Menschen vergast, im Jahr 1940 waren es insgesamt mehr als 10.000 Menschen.

Die Eltern ahnten nichts

Am 8. Oktober 1940 schrieben die Eltern von Eberhard F. einen Brief an den Direktor nach Mariaberg. Darin bestätigten sie den Empfang der Nachricht, dass Eberhard in eine andere Anstalt verlegt worden war. Eine Information über den neuen Aufenthaltsort ihres Sohnes hatten sie bis dahin nicht erhalten. Zu diesem Zeitpunkt ahnten sie auch noch nichts von seinem Tod.

Vertuschung

Der 15. Oktober 1940 ist das offizielle Datum, das im Geburtsregister der Familie als Todestag eingetragen worden war. Demnach „starb“ Eberhard F. in Sonnenstein/ Sachsen. In der Opferdatenbank der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein ist sein Name nicht zu finden. Es handelt sich hierbei um den damals üblichen Aktentausch, der praktiziert wurde, um die Euthanasiemorde zu vertuschen. Um Nachforschungen von Angehörigen, die wie bei Eberhard F. in der Nähe wohnten, zu unterbinden, gehörten systematische Täuschungsmanöver und Verfälschungen von Ort und Zeitpunkt der Tötungen zum Alltag in den Tötungsanstalten. Nicht nur die Opfer selbst, sondern auch die Erinnerungen an sie, sollten gründlich ausgelöscht werden.

Urne ist auf dem Alten Friedhof am Neckar beigesetzt

Am 30. Oktober 1940 stellte seine Mutter beim Nürtinger Friedhofsamt den Antrag auf Bestattung der Urne ihres Sohnes, die am 16. November 1940 auf dem Alten Friedhof an der Stuttgarter Straße beigesetzt wurde. Heute ist bekannt, dass man in der Regel den Angehörigen nicht die Asche des Verstorbenen schickte. Angehörige, die eine Urne angefordert hatten, erhielten fast immer eine Urne mit irgendwelcher Asche. Zudem wurden die Urnen nicht von der Münsinger Post verschickt, denn dort wären derartige Massensendungen aufgefallen. Aus diesem Grund gaben Kuriere die Urnen zum Beispiel regelmäßig auf den Postämtern in Stuttgart, Ulm und anderen Orten auf. Es gab aber in Grafeneck ein sogenanntes Urnenbuch, in dem alle verschickten Urnen eingetragen wurden. Die Nummer jeder einzelnen Urne war dieselbe, die den Patienten bei der Abholung in der Anstalt als Personenkennziffer mit Tintenstift auf den Rücken oder Arm geschrieben worden war. Vom Augenblick des Einstiegs in den grauen Bus zählte nur noch diese Nummer. Der Name des Patienten, wie auch später seine Asche, hatte für die Täter des NS-Regimes jede Bedeutung verloren.

Eberhard F. war, so weit bis jetzt bekannt, mit 29 Jahren das jüngste Nürtinger Euthanasie-Opfer.

*

Dieser Artikel ist der dritte im Rahmen einer Serie, in der die Nürtinger Gedenkinitiative die Menschen hinter dem „Denk Ort“ an der Kreuzkirche präsentiert. Mehr über Eberhard F. kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren. Falls es noch Nürtinger gibt, die Eberhard F. persönlich kannten, bitten wir um Nachricht auf unserer Webseite oder unter der Telefonnummer 07022/ 211429.

Text: Anne Schaude, Foto: Manuel Werner


 


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