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  Geschichte
 
Ernestine S., eine Frau, die unermüdlich Strümpfe strickte - 30.6.2016
Denk Ort (5): Ernestine S. wurde 1940 in Grafeneck ermordet

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Ernestine S. Doch wer war diese Frau? Das Ergebnis der Recherchen der Gedenkinitiative hat Anne Schaude zusammengefasst.

Ernestine S. wurde 1873 in Markgröningen geboren und heiratete im Jahr 1905 einen Oberensinger Steinhauer. Das Ehepaar wohnte hier und hatte vier Kinder, von denen zwei im ersten Lebensjahr starben. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1932 bekam Ernestine S. eine schwere psychische Erkrankung, die anfänglich in der Tübinger Universitäts-Nervenklinik behandelt wurde. Vor dort aus kam Ernestine S. 1934 in die Heilanstalt Weißenau bei Ravensburg. Dort soll sie sich gut eingelebt und unermüdlich Strümpfe gestrickt haben. Ernestine S. sei eine ruhige, stille Kranke, die mit jedermann gut auskomme und friedlich ihrer Arbeit nachgehe.

Bürokratische Vorbereitungen der Tötungsaktion

Am 1. August 1940 wurde sie von Weißenau aus in die Landes-Pflegeanstalt Grafeneck „verlegt“ und dort am selben Tag in der Gaskammer getötet. Im Januar 1940 hatten in Grafeneck die sogenannten Euthanasie-Morde begonnen, die dort bis Dezember 1940 durchgeführt wurden. Ab September 1939 waren die Anstalten und Einrichtungen des ganzen Reiches aufgelistet worden, parallel dazu wurden die Patienten und Bewohner all dieser Heime systematisch in Meldebogen erfasst. Gezielt wurden vier Gruppen der sich in den Anstalten befindenden Personen in die Meldebogenaktion einbezogen, die man treffender als „Selektion in die Ermordung“ bezeichnen kann: Es waren unter anderem die Menschen, deren Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war und die, die sich länger als fünf Jahre in einer Anstalt aufgehalten hatten. Zu dieser Gruppe gehörte Ernestine S., 67 Jahre war sie alt geworden.

Der 14. August 1940 ist als ihr Sterbetag in Grafeneck dokumentiert. Das Sterbedatum entsprach in den wenigsten Fällen den realen Tatsachen. Da die Patienten in der Tötungsanstalt in der Regel am Tag ihres Eintreffens ermordet wurden, fälschte man dort die Daten, um eine Häufigkeit zu vermeiden. Zusammen mit einer fiktiven Todesursache erhielten die Angehörigen ein Beileidsschreiben, dessen Einheitswortlaut besagte, dass der Tod für den Betreffenden eine Erlösung dargestellt habe. Ihre Leichen waren, wie es hieß, aus seuchenpolizeilichen Gründen verbrannt worden.

Die beiden Söhne von Ernestine S. forderten die Urne ihrer Mutter an, um sie auf dem Oberensinger Friedhof beizusetzen. Im Grab ihres Mannes sollte Ernestine S. ihre letzte Ruhe finden. Heute ist davon auszugehen, dass es nicht die Asche ihrer Mutter war, die den Söhnen zugeschickt wurde. Es ist bekannt, dass Angehörige, die in Grafeneck eine Urne angefordert hatten, eine Urne mit irgendwelcher Asche erhielten. Der Name des einzelnen Patienten, wie auch seine Asche, hatte für die Täter des NS-Regimes jede Bedeutung verloren.

„Unnütze Esser“

Heute liegt in der Gedenkstätte Grafeneck ein Opferbuch mit den 7.000 Namen aus, die inzwischen bekannt sind. Es waren aber mehr als 10.000 Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche, mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung, deren Leben dort ausgelöscht wurde. Man nannte sie „unnütze Esser“ oder „Ballastexistenzen“, weil sie nicht den Nützlichkeitskriterien der Täter genügten. Allein in Württemberg und Baden waren vierzig Einrichtungen von den sogenannten Euthanasiemorden betroffen. Was diese Zahlen verschweigen, sind die Begleitumstände und das schreckliche Leid, das den einzelnen Opfern widerfahren war. Nur ein kleiner Teil der Täter wurde nach dem Krieg vor Gericht gestellt und bestraft. Die meisten kehrten in die Gesellschaft zurück, aus der sie gekommen waren.
*

Dieser Artikel ist der fünfte im Rahmen einer Serie, in der wir von der Nürtinger Gedenkinitiative die Menschen hinter dem „Denk Ort“ präsentieren. Mehr über Ernestine S. kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren.

Anne Schaude



 


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