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  Geschichte
 
Der gebürtige Nürtinger Robert Reinhardt erzählte vom Leben als Sinti - 26.11.2016
Seine Eltern überlebten die rassische Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialistischen Regimes

  (mw) Robert Reinhardt ist in Nürtingen geboren und lebte auch als Erwachsener 29 Jahre im Rossdorf. In der Alten Seegrasspinnerei erzählte er aus seinem Leben und dem seiner Eltern, um die Schicksale von Sinti vor Ort nahezubringen.

Zunächst erklärte er, was Sinti und was Roma sind, und woher die Sinti ursprünglich stammen. Es gebe Bezüge zu dem Gebiet Sindh im heutigen Pakistan. Allerdings lebten Sinti schon seit über 700 Jahren in dem, was heute Deutschland ist, aus Hildesheim sei eine erste urkundliche Erwähnung aus dieser Zeit vorhanden. In den Jahrhunderten danach waren Sinti teilweise vogelfrei, jeder habe sie töten können. So eine jahrhundertelange Verfolgungs- und Diskriminierungsgeschichte habe ihre Spuren hinterlassen, bis heute.

Die Großeltern mütterlicherseits

Sein Großvater mütterlicherseits stammte aus Ummenwinkel bei Ravensburg. Dort hatten die Behörden in der Zeit des Nationalsozialismus ein so genanntes „Zigeunerlager“ eingerichtet. Nach der Nazizeit wurden die Stacheldrahtzäune abgerissen, aber die Sinti blieben, bis heute, wo zwanzig Sintifamilien noch in Ummenwinkel leben. Der Großvater mütterlicherseits war Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen, auch Brüder von ihm. Dies habe anfangs in der Nazizeit einen gewissen Schutz geboten, so Robert Reinhardt. Die Großeltern seien 1933 in den Großraum Ludwigsburg gezogen. Die Mutter und der Vater von Robert Reinhardt mussten in dem „Zigeunerzwangslager Schillerhöhe“ bei Schwenningen auf der Baar leben. Zwangsarbeit verrichteten sie in einer Ziegelei unten am Moor. Zu essen bekamen sie „so gut wie nichts“, auch hatte das Lager keinen Wasseranschluss. So mussten sie danach betteln. Schließlich habe seine Mutter gesagt: „Wir können hier nicht bleiben, weil wir sonst zugrunde gehen“. Daraufhin schlugen sie sich zu den Großeltern bei Ludwigsburg durch, die anfangs unbehelligt blieben, gleichwohl habe man die Kinder verstecken müssen, damit der Zuwachs nicht auffalle. Sein Vater sei als junger Mann in das KZ Dachau verbracht worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Familie nach Biehlafingen ziehen, dem Geburtsort des Vaters, dann wieder in Richtung Schwenningen.

In Nürtingen: Unternehmen mit Kinderhort

Unterwegs machten sie in Nürtingen Station. Sie standen mit ihrem Wohnwagen am Neckar, zwischen der Neckarbrücke und der heutigen Freien Kunstschule. Der Vater habe Schrott gesammelt und die Mutter sei hausieren gegangen, damit die Familie etwas  zu essen hatte. Dies war um 1946. Da sei etwas bemerkenswertes passiert. Die Stadt Nürtingen bot der Familie eine Wohnung an, die oberen Räume der dortigen Mörikeschule. Seine Mutter, Maria-Theresia Reinhardt, habe gesagt: „Es fehlt ja an allem, wir könnten doch mal Bürsten machen und alte, abgenutzte Bürsten wieder mit Borsten versehen. Dafür habe sie eine Maschine angeschafft. In den sechs Räumen des Dachgeschosses der Mörikeschule habe sie nach und nach eine Bürstenfabrik eingerichtet, mit schließlich vierzehn Mitarbeiterinnen. Diese brachten ihre Kinder mit, und diese spielten zusammen mit den Kindern der Familie Reinhardt in einem der sechs Räume. So war seine Mutter Unternehmerin mit Kinderhort. Auf diese Weise konnten diese Frauen arbeiten. Oft waren dies Flüchtlingsfrauen, aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Die Deutschen dort hätten mehrheitlich „Hurra“ geschrieen, als diese Gebiete als so genannter „Reichsgau Sudetenland“ annektiert wurden und der Rest der Tschechoslowakei zerschlagen wurde. Dennoch habe seine Mutter diesen Frauen Arbeit gegeben. „Dies habe ich an ihr sehr gemocht, dass sie nicht nachtragend war gegenüber den Gadsche“, den Nicht-Sinti-Deutschen, betonte der Referent ausdrücklich. Dabei seien sie früher immer vertrieben worden von den Gadsche. Doch sein Vater habe unbedingt wieder Richtung Schwarzwald, in den Raum Schwenningen wollen, deswegen seien  sie im Jahr 1952 wieder in den Schwarzwald gezogen.

Die so genannte Wiedergutmachung

Aus den Wiedergutmachungsakten zitierte Robert Reinhardt, dass die rassische Verfolgung der Sinti und Roma im Nachkriegsdeutschland nicht zur Kenntnis genommen worden sei, vielmehr haben die Behörden argumentiert, Sinti und Roma seien ja deswegen in Konzentrationslager  gekommen, weil sie kriminell seien. Erst spät, als Bundeskanzler Helmut Schmitt den Völkermord, den so genannten Porajmos analog der Shoah zugab, sei eine Wende in dieser Hinsicht gekommen. Die Erklärung sei, dass gerade in solchen Ämtern, bei der Kriminalpolizei und in der Justiz unter Konrad Adenauer viele Altnazis wieder eingestellt wurden, die bei Sinti und Roma genauso argumentierten wie zuvor in der Nazizeit. Dabei habe es andere gegeben, die diese Ämter hätten ausfüllen können.

Konsequenzen für das Heute und Morgen

„Ich wurde immer angefeindet in der Schule!“, so Robert Reinhardt. Dort sei er oft von Mitschülern geschlagen worden, bis er zehn Jahre alt war. Ab da habe er begonnen, sich zur Wehr zu setzen, und einen nach dem anderen in seine Schranken zu verweisen. Und das sei auch richtig. Wer nichts sage, wer nur zuschaue, wer nicht handle, angesichts des heute wieder hoffähigen Populismus und rechtsextremen Gedankenguts, der mache sich mitschuldig. Eindringlich mahnte er: „Man soll sich das nicht bieten lassen!“ Wenn zum Beispiel solche Leute andere bedrohen oder wieder im Stile braunen Gedankenguts reden, müsse man rechtzeitig aktiv werden. Das dürfe man doch nicht zulassen. Wer passiv bleibe, mache sich mitschuldig. Die heutigen Generationen seien nicht verantwortlich für das, was in der NS-Zeit geschehen sei, aber für das, was heute nicht gemacht werde. Aus der Zeit des Nationalssozialismus könne man doch das Resümee ziehen, dass es sonst schnell zu spät sein könne, appellierte Robert Reinhardt. Deswegen gehe er zusammen mit Manuel Werner in Schulen, um die junge Generation, die aus der Schule ansonsten hierbei erstaunlich wenig mitbekomme, in dieser Richtung aufzuklären. Es könnten ruhig mehr schulische Termine sein, so Robert Reinhardt, denn dies sei extrem wichtig. Gerade in der heutigen Zeit, wo gegenüber Sinti und Roma in breiter Front wieder verallgemeinernd rechtspopulistische Töne angeschlagen werden.



 


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