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  Geschichte
 
Einen alten Baum verpflanzt man nicht! - 15.10.2016
Denk Ort (7): Josef Herrmann kam 1942 im Ghettolager Theresienstadt in Nordböhmen ums Leben

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Josef Herrman.

Doch wer war dieser Mann? Hier das Ergebnis der Recherchen der Gedenkinitiative:

Der Viehhändler jüdischen Glaubens war bis 1933 Mitglied u.a. im Nürtinger Liederkranz. Dem Nürtinger Liederkranz gehörten zahlreiche Honoratioren der Stadt an. Ab 1908 war er Aufsichtsratsmitglied der Handwerkerbank Nürtingen, der späteren Volksbank. Josef Herrmann wohnte bis Juni 1936 in der Schafstraße 22 in der Kirchheimer Vorstadt. Seine Schwägerin Anna Frank wohnte schräg gegenüber in der Katharinenstraße 2.

"Juden unerwünscht" - Nationalsozialistische Hetze im Nürtinger Tagblatt

Was mag sich Josef Herrmann gedacht haben, als er im Nürtinger Tagblatt in der Zeit des Nationalsozialismus Zeilen wie die folgenden las: "Juden haben die russische Revolution gemacht und haben den bolschewistischen Staat errichtet mit dem Ziel der Weltrevolution, zur Unterdrückung der Gojims (Nichtjuden)... Ihm (dem Juden) verdanken wir Deutschen den Kriegsausgang mit seiner Leidenszeit bis 1933."

Wie muss es für ihn gewesen sein, wenn er lesen musste, dass Juden „schädliche Krankheitserreger“ seien, die in ihren „Wirtsvölkern zersetzend“ wirkten, dass Juden „Söhne des Satans“ seien? Gegen solche und andere antisemitische Hetze konnte er sich nicht mehr zur Wehr setzen. Was mag er empfunden haben, als er sich in Nürtingen den Schildern „Juden unerwünscht“ an den vertrauten Läden, angebracht von ihm bekannten Geschäftsleuten, gegenübersehen musste?

Verordnete Bosheiten und persönliche Schicksalsschläge folgten im Leben Josef Herrmanns nun dicht aufeinander. Schmerzhaft war aber auch, wie die meisten Nürtinger nach Beginn der NS-Zeit sofort ihren Anstand Juden gegenüber verloren.

Nach Herrlingen und Oberstotzingen eingewiesen, in Theresienstadt „gestorben“

Nach dem Tod seiner Frau und der Übergabe eines Enkelkindes an dessen Tante zog er 1936 nach Ravensburg. Später wurde er in ein so genanntes Jüdisches Altersheim nach Herrlingen, dann nach Oberstotzingen eingewiesen.

Im Ort Herrlingen selbst gab es im Vorfeld der Einrichtung des Heims eine Hetzkampagne gegen die zukünftigen Bewohner. Bürgermeister Alfons Brielmaier beschwerte sich gegenüber dem Landrat in Ulm, dass „die alten Juden, welche den Weltkrieg und den Zusammenbruch Deutschlands 1918 mit verschuldet haben, nicht zum Lohn dafür als Ruhesitz fürs Alter einen der sonnigsten, landschaftlich hervorragendsten Plätze vor den Toren Ulms erhalten sollten… Die alten Juden sollen büßen für die Verbrechen der Talmud-Lehre. Barackenlager in der sumpfigsten Gegend wären für die alten Juden gerade gut genug; je bälder sie absterben würden, umso besser.“

Am 19. August frühmorgens, noch bei Dunkelheit, wurden die meist gebrechlichen Lagerinsassen von Oberstotzinger Dorfbewohnern mit Fuhrwerken zum Bahnhof in Niederstotzingen gebracht. "Die Juden waren sehr verzweifelt und der Abtransport ging keineswegs so still und unbemerkt vonstatten, wie es sich die Gestapo wohl gewünscht hatte. Ihr Jammern und Wehklagen ging mir durch Mark und Bein. Noch heute habe ich das Schreien der alten Leute in den Ohren und kann es wohl nie wieder vergessen", so erinnerte sich ein Zeitzeuge nach über 50 Jahren. Für die Bevölkerung aus der Umgebung galten die Deportierten als auf Nimmerwiedersehen verschwunden, denn sie fiel bald wie ein Heuschreckenschwarm über das unbewohnte Schloss her. Bevor das Finanzamt Heidenheim, wie vorgesehen, die zurückgelassenen Möbel zu Geld machen konnte, bereicherten sich die Leute aus dem Ort und den umliegenden Dörfern daran.

Josef Herrmann kam 1942 im KZ Theresienstadt, das von der deutschen Besatzungsmacht in Nordböhmen – damals dem „Reichsgau Sudetenland“ zugehörig - eingerichtet wurde, ums Leben.

Manuel Werner

Dieser Artikel ist der siebte im Rahmen einer Serie, in der wir die Menschen hinter dem „Denk Ort“ präsentieren. Mehr über Josef Herrmann kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren.



 


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