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  Geschichte
 
Der Tod von Heinrich N. in Grafeneck wurde in Hartheim beurkundet - 27.1.2017
Denk Ort (9): Heinrich N. wurde 1940 in Grafeneck ermordet

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Heinrich N.

Doch wer war dieser Mann? Hier das Ergebnis der Recherchen der Gedenkinitiative:
Heinrich N. wurde 1879 in Oberensingen geboren, wo sein Vater zu dieser Zeit als Pfarrer tätig war. Es ist nicht bekannt, wie lange die Familie hier lebte. Im Alter von 17 Jahren traten bei dem damaligen Ökonomiepraktikanten erstmals die Symptome einer schweren psychischen Erkrankung auf. Nach mehreren Klinikaufenthalten in Tübingen wurde er im August 1904 in der privaten Heilanstalt Pfullingen aufgenommen. Als das dortige Pflegeheim aufgelöst wurde, kam Heinrich N. im März 1922 in die staatliche Heil- und Pflegeanstalt Weißenau bei Ravensburg. Zu dieser Zeit war er 42 Jahre alt und seit 25 Jahren krank. Dort verbrachte er die folgenden Jahre ohne größere Auffälligkeiten. Am 5. Dezember 1940 wurde Heinrich N. mit einem Transport der sogenannten „grauen Busse“ von Weißenau nach Grafeneck gebracht, wo er im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion der Nationalsozialisten noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet wurde.

Transport in die Gaskammer

Mit diesem sogenannten Sondertransport am 5. Dezember 1940 wurden insgesamt 56 Patienten aus der Pflegeanstalt Weißenau in die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Grafeneck gebracht, die zu einer Tötungsanlage umgebaut worden war. Die grauen, anfänglich roten Busse waren mit Milchglasscheiben versehen und wurden von einem Fahrer und einem Beifahrer gesteuert. Außerdem begleiteten Pflegepersonen die Transporte, die den Patienten Beruhigungsspritzen verabreichten oder sie im Bedarfsfall an besonderen Vorrichtungen festschnallen konnten. In Grafeneck angekommen, führte man die Kranken den Ärzten zur letzten Untersuchung vor; diese dauerte in den meisten Fällen nur bis zu einer Minute. Die anschließende Ermordung in der Gaskammer erfolgte durch Kohlenmonoxyd-Gas, das der Anstaltsarzt in den verschlossenen Vergasungsraum einströmen ließ. Anfangs schienen einige Opfer noch geglaubt zu haben, es gehe zum Duschen, andere begannen sich im letzten Augenblick zu wehren und schrieen laut. Für alle gab es kein Entrinnen mehr, keine Möglichkeit zur Flucht. Allein im Dezember 1940 wurden in Grafeneck 548 Menschen vergast, im gesamten Jahr waren es mehr als 10.000 Menschen, die dort getötet wurden.

Verschleierung der Tötungsorte

Der 18. Dezember 1940 in Hartheim ist als Todesdatum und Sterbeort in den amtlichen Unterlagen von Heinrich N. angegeben. Um den tatsächlichen Todesort auf der Sterbeurkunde zu verschleiern, wurde sehr häufig ein Aktenaustausch zwischen den Tötungsanstalten vorgenommen. 1947 sagte ein während der Mordaktion als Standesbeamter in Grafeneck eingesetzter Kriminalbeamter aus, dass etwa im Juni 1940 eine so genannte Absteckabteilung gebildet wurde. Im Absteckraum markierte ein Mitarbeiter den Geburts- oder Wohnort der einzelnen Patienten mit farbigen Nadeln auf einer Karte, die an der Wand hing. So konnte schnell eine Häufung von Todesfällen aus einer bestimmten Heimatregion der Opfer festgestellt und mit Verschiebung der Sterbeurkunden in andere Anstalten der tatsächliche Sterbeort und Todestag verschleiert werden. Akten aus Grafeneck kamen so zu den Tötungsanstalten nach Brandenburg und Hartheim bei Linz/ Österreich und umgekehrt.

Heinrich N. hatte mit Johannes N. (1789 – 1858) einen bei seiner Geburt schon verstorbenen Opa, der zu den bedeutendsten württembergischen Satirikern des 19. Jahrhunderts gehört. Er war zudem ein schwäbischer Schriftsteller, der in Theaterstücken Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen im Königreich Württemberg übte. In seinem Buch von 1837 „Schwabenbräuch und Schwabenstreich aus dem Leben“ schrieb er: „Im Leben begegnet uns oft etwas ganz unerwartet, an das man nicht denkt, und man kann dabei recht in Schaden kommen, wenn nicht gleich das rechte Mittel in die Hand fällt, oder wenn nicht Kopf und Herz einander Beistand leisten.“ Wie unerwartet und grausam sein späterer Enkel im Alter von 61 Jahren zu Schaden kam, musste Johannes N. nicht mehr erleben.

Dieser Artikel ist der neunte im Rahmen einer Serie, in der wir die Menschen hinter dem „Denk Ort“ präsentieren. Mehr über Heinrich N. kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren.

Anne Schaude



 


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