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  Geschichte
 
In Nürtingen geboren, bei Riga in Lettland ermordet: Rosalie Wallerstein - 26.6.2017
Denk Ort (12): Geplant war die vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Rosalie Wallerstein.

Rosalie Wallerstein wurde am 17. Dezember 1882 in Nürtingen geboren. Am 30. Mai 1941 zog die Jüdin von Stuttgart nach Heilbronn. Dort wohnte die gelernte Krankenpflegerin in der Bismarckstraße 3a. Am 31. Oktober 1941 gab das Referat des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann Richtlinien für die „Abschiebung“ von deutschen Juden in ein Gebiet, das damals von den deutschen Besatzern „Reichskommissariat Ostland“ genannt wurde. Demgemäß deportierten die Erfüllungsgehilfen vom November 1941 bis zum Winter 1942 in ungefähr 28 Transporten mehr als 25 000 Juden, Männer, Frauen und Kinder, aus dem damaligen Deutschen Reich in den baltischen Raum, in erster Linie nach Riga in Lettland. Mit anderen Schicksalsgefährtinnen und Leidensgenossen wurde auch Rosalie Wallerstein im Dezember 1941 über Stuttgart in die Gegend von Riga, in das KZ Jungfernhof, „deportiert“. Die Behörden hatten ihnen zuvor vorgegaukelt, dass sie als Aufbaukräfte in den neu besetzten Ostgebieten Arbeit und Unterkunft fänden. Zunächst rafften die Finanzämter und andere Behörden das Hab und Gut der Deportierten an sich. Danach versteigerte und verteilte die NSDAP den Rest in aller Öffentlichkeit an die Bevölkerung.

„Einsatzgruppen“
Das Lager Jungfernhof lag 12 km von Riga entfernt. Das Gebiet stand unter der Verwaltung des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg. Seine Hauptziele dort waren die vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und die „Germanisierung“ von Teilen der übrigen Bevölkerung. Die „Einsatzgruppen“ A und B ermordeten im „Reichskommissariat Ostland“ etwa eine Million Juden. Nachdem die Erschießungskommandos durch die Wucht der aus naher Entfernung abgegebenen Gewehrsalven von Blut und Gehirnmasse beschmutzt wurden, gingen sie dazu über, ihren Opfern in den zuvor ausgehobenen Gruben mit Maschinenpistolen der Reihe nach in den Hinterkopf zu schießen. Der Tarnbegriff der planenden Nationalsozialisten und der ausführenden Täter für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas war „Endlösung der Judenfrage“.

Das KZ Jungfernhof
Der Jungfernhof war zunächst ein landwirtschaftliches Gut. Dessen völlig heruntergekommene Gebäude waren zu Beginn für die Aufnahme vieler Menschen völlig ungeeignet. Viele Insassen erfroren, verhungerten oder erlagen den dort grassierenden Krankheiten. Ab Januar 1942 wurden die Kranken des Lagers zum Erschießen abtransportiert.

„Aktion Dünamünder Konservenfabrik“
Im März 1942 verbreitete SS-Obersturmführer Gerhard Maywald unter den Lagerinsassen die Lüge, manche könnten in einer Konservenfabrik in Dünamünde arbeiten. Die Arbeit dort sei erheblich leichter. Daraufhin meldeten sich viele freiwillig. Gerhard Maywald wollte jedoch nur den Abtransport der Unglücklichen für die Täter erleichtern. Am Morgen und Nachmittag des 26. März 1942 fuhren die Täter insgesamt zwischen 1600 und 1800 Insassen in ein nahes Birkenwäldchen, genannt Biķernieki. Dort wurden die dorthin Verbrachten im Laufe des Tages erschossen und in Massengräbern verscharrt. Der Tarnbegriff für diese Erschießungen war: „Aktion Dünamünder Konservenfabrik“. Viktor Marx, ein Überlebender, dessen Frau Marga und Tochter Ruth dort erschossen wurden, berichtete: „Im Lager wurde uns gesagt, dass alle Frauen und Kinder vom Jungfernhof wegkämen, und zwar nach Dünamünde. Dort seien Krankenhäuser, Schulen und massiv gebaute Steinhäuser, wo sie wohnen könnten. Ich bat den Kommandanten, auch mich nach Dünamünde zu verschicken, was er jedoch ablehnte, weil ich ein zu guter Arbeiter sei.“

Mit Unterstützung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge konnte 2001 im Wald von Biķernieki eine Gedenkstätte eröffnet werden. Auf dem Gedenkstein steht auf Hebräisch, Russisch, Lettisch und Deutsch der Vers aus dem Buch Ijob: „Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt!“

Im Jahr 1944 gab die SS das Lager Jungfernhof auf. Von den etwa 4000 dorthin Verschleppten überlebten nur 148. Rosalie Wallerstein war nicht darunter.

Manuel Werner


 


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