Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Ausgewähltes
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Foto der Woche
EssBar
LesBar
Leserbriefe
Kleinanzeigen

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Reisen
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Was kochsch du?
Gabi Zapf (Roman)
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Geschichte
 
Heinrich Wolff: ermordet, weil er für die Nazis als Jude galt - 21.2.2018
Denk Ort (17): Seine Frau schrieb sogar an Heinrich Himmler

  Am „DENK-ORT“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen und Umgebung. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Heinrich Wolff.

Heinrich Wolff, Jahrgang 1886, ist in Rohrbach geboren und wohnte seit 1908 in einem Ort, der ungefähr fünf Kilometer von Nürtingen entfernt ist. Er war Prokurist in einer Schuhfabrik und hatte drei Töchter. Der geachtete Bürger war im Gemeinderat, in mehreren Vereinen und beim Roten Kreuz aktiv.

Vom Geachteten zum Geächteten

1933 wurde er dort überall ausgeschlossen. Zwar war er evangelischer Christ, für die Nationalsozialisten galt er aber als Jude. Da seine Töchter evangelischer und daher nicht jüdischer Religionszugehörigkeit waren sowie seine Frau Anna nach ersten „Fehleinschätzungen“ als „arisch“ eingestuft war, wurden seine Familienverhältnisse von den nationalsozialistischen Behörden theoretisch als „privilegierte Mischehe“ gewertet, doch zu dieser Zeit war er bereits im KZ.

Dies kam so: Die Schuhfabrik, in der er Prokurist war, musste im Jahr 1935 Konkurs anmelden. In diesem Zusammenhang wurde Heinrich Wolff 1936 wegen „Bankrottvergehens und Betrug“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Eine Tochter erzählt, dass der andere Angeklagte, ein NSDAP-Mitglied, seine Strafe nicht absitzen musste. Der Familie ging es wirtschaftlich schlecht, nachdem der Ernährer weg gesperrt war.

Im KZ Dachau und im KZ Buchenwald

Als „vorbestrafter Jude“ wurde Heinrich Wolff nach seiner Haftentlassung schnell wieder festgesetzt und in das KZ Dachau verbracht. Nach der Aussage einer Tochter geschah dies bereits vor dem Novemberpogrom 1938, vermutlich im Juni 1938 bei der so genannten „Asozialenaktion“. Vom KZ Dachau aus wurde er in das KZ Buchenwald überführt. Seine Frau versuchte, ab Oktober 1938 die „Auswanderung“ zu betreiben, hatte aber damit keine Chance, weil ihr Mann vorbestraft war. Sie hatte deswegen sogar an Heinrich Himmler geschrieben, den damaligen „Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei“.

1941 ermordet

Heinrich Wolff wurde am 4. März 1941 ermordet, vermutlich vergast, wie eine Aussage eines KZ-Kameraden nahe legt. Offiziell hieß es, er sei „an Lungenentzündung verstorben“. Mit zittriger Schrift hatte er in einer letzten Postkarte an seine Angehörigen geschrieben: „Mir geht es gut“. Zur Zeit des Datums, das auf der Karte stand, war er jedoch bereits ermordet. Die Familie verlor dadurch auch ihren Ernährer.

Die Töchter wurden als „Halbjüdinnen“ eingestuft und behandelt

Seine Töchter wurden gemäß dem im Nürtinger Landratsamt und der Stadt damals behördlich fixierten Rassenwahn der Nationalsozialisten als „Halbjüdinnen“ bzw. „Mischlinge ersten Grades“ eingestuft und deswegen schlecht behandelt. Bald waren sie als „die Wolff-Töchter“ oder „die Wolff-Schwestern“ allbekannt.

„Und das war dann nicht mehr auszuhalten“

Eines der Mädchen ging in dem Schulgebäude des heutigen Max-Planck-Gymnasium, dem früheren „Realprogymnasium“, zur Schule. Damals als „Jüdische Mischlinge“ Bezeichnete wurden behördlicherseits mit Erlass vom 9.9.1942 von höheren Schulen an Volksschulen zurück verwiesen. Doch die Tochter von Heinrich Wolff verließ bereits 1938 das Nürtinger Progymnasium, weil sie von ihren Mitschülerinnen auf das schwerste gemobbt wurde. Diese waren im Nürtinger Bund Deutscher Mädel dazu aufgehetzt worden. Diese Tochter berichtet: „Das ist dann so schlimm gewesen, daß die Mitschüler einen, ja, wie kann man das sagen, einen eben psychisch geplagt haben. Und das war dann nicht mehr auszuhalten, ich bin dann von der Schule weggegangen, weil es einfach nicht mehr möglich war.“

Nach diesen traumatischen Erfahrungen besuchte sie keine andere Schule mehr und half anfangs ihrer Mutter bei der nun notwendig gewordenen Heimarbeit. Schließlich musste sie in einer Metall verarbeitenden Fabrik an ihrem Wohnort als Hilfsarbeiterin arbeiten. Wenn ihr auf der Straße andere Kinder begegneten, wandten diese sich sofort ab und liefen weg. Wie sie wurde auch die übrige Familie geschnitten.

Es war geplant, auch die Töchter kurz vor Kriegsende zu erschießen

Auch sie sollten noch kurz vor Kriegsende in der Reiterkaserne in Cannstatt erschossen werden, doch die amerikanische Armee hatte, bevor es dazu gekommen war, den Kessel um Stuttgart so gut wie geschlossen. Zuvor war das Nürtinger Arbeitsamt bestrebt gewesen, die drei Schwestern gemeinsam in eine Firma zum Arbeiten zu schicken, denn – wie einer der Töchter erläutert - „darum ging es ja, deshalb haben sie alle in eine Firma stecken wollen, damit sie alle gleich beieinander gehabt hätten, wenn der Tag dann gekommen wäre, dass sie einen abgeholt hätten.“

Text: Manuel Werner



 


Anzeigen




Impressum
© 2004-2018 Nürtinger STATTzeitung