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  Geschichte
 
Die Nummer 51 auf der Liste in den Tod - 31.1.2019
Mathilde S. wurde 1941 in Hadamar ermordet

  Am „Denk-Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen und Umgebung. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Mathilde S.

Nur wenig ist in Nürtingen über Mathilde S. bekannt. Und auch die Spuren, die sie im Gottlob-Weißer-Haus der Diakonissenanstalt Schwäbisch-Hall hinterließ, wo sie mehr als dreißig Jahre lebte, wurden ausgelöscht. Nichts mehr sollte an die Gräueltaten erinnern, bei denen 1940/ 41 das NS-Regime im Deutschen Reich mehr als 70.000 psychisch Kranke und geistig Behinderte in Gaskammern ermordete. Eine von ihnen war Mathilde S. aus Nürtingen.

Im Jahr 1871 in Hofs bei Leutkirch geboren, hatten sie und ihre Geschwister schon früh die Mutter durch Tod verloren. Als ihr Vater Johann Georg S., Landjäger von Beruf, im Jahr 1877 in Nürtingen seine zweite Frau heiratete, kam Mathilde mit hierher. Von 1890 bis zu seinem Ruhestand 1904 war der Vater als Oberamtsdiener tätig. Die Familie wohnte zu dieser Zeit in einer Dienstwohnung in der Kirchstraße. Ihr Vater starb 1914, die Stiefmutter 1918.

Im Alter von 29 Jahren erkrankte die ledige Mathilde S. an einer psychischen Krankheit. Deshalb wurde sie im Oktober 1910 im Gottlob-Weiser-Haus der Diakonissenanstalt in Schwäbisch Hall aufgenommen. Ihre Patientenakte ist nicht mehr auffindbar. Allerdings kann im Nürtinger Stadtarchiv in einem Protokoll der Armendeputation nachgelesen werden, dass Mathilde S. im Jahr 1920 „ihr Vermögen aufgebraucht“ hatte. Daraufhin beschloss die hiesige Ortsarmenpflege, ihre Verpflegungskosten in Schwäbisch Hall zu übernehmen.

Die Räumung der Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall

Im Jahr 1940 war sie 69 Jahre alt und seit vierzig Jahren krank. Noch immer lebte Mathilde S. - gut beschützt - in der Heilanstalt Schwäbisch Hall. Als im Juli 1940 eine Mahnung des Reichsinnenministeriums bezüglich der Meldepflicht von Behinderten die Haller Diakonissenanstalt erreichte, füllten die leitenden Mitarbeiter die Meldebögen aus. Für die Kranken, die sie meldeten, war dies das Todesurteil. Den Ernst der Situation für die ihnen Anvertrauten erkannten alle. In den kommenden Wochen setzte sich der zuständige Pfarrer mit Angehörigen der Patienten in Verbindung, um sie dazu zu bewegen, ihre kranken Familienmitglieder nach Hause zu holen.

Da die Gebäude der Diakonissenanstalt für von den Nazis so genannte „Volksdeutsche“ aus Bessarabien geräumt werden mussten, wurde zudem versucht, für 550 geistig behinderte Menschen Unterkünfte in anderen Anstalten der Inneren Mission zu finden. Nur die damals so genannte Staatsirrenanstalt Weinsberg, die der so genannten Euthanasie-Aktion als Zwischenanstalt auf dem Weg in die Gaskammern diente, erklärte sich zur Aufnahme von 240 Patienten bereit. Dort war Platz für Nachfolgende, da die ersten eigenen Patienten dieser Heilanstalt schon nach Grafeneck „verlegt“, aber in der dortigen Gaskammer getötet worden waren. So kam Mathilde S. am 19. November 1940 in Weinsberg an. Von Anfang an stand fest, dass sie sich dort „nur vorübergehend“ aufhalten sollte.

Einige Monate später, genau am 10. März 1941, war Mathilde S. wieder unterwegs, dieses Mal in einem so genannten grauen Bus. Der ehemalige Postbus war für diese Zwecke jetzt grau lackiert, die Fenster des Busses mit Farbe überstrichen. So konnte niemand weder hinein- noch hinausschauen. Offiziell war der Bus mit „unbekanntem Ziel unterwegs“, heute weiß man, dass sein Ziel die Gaskammer der sogenannten Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg an der Lahn war. Die Transportliste für die Fahrt am 10. März 1941 ist noch vorhanden. Unter der laufenden Nummer 51 ist hier der Name von Mathilde S. aufgeführt. Eine zweite Nürtingerin, Rosa S. (1893 – 1941), saß im selben Bus. Wie Mathilde S. wurde auch sie noch am Tag der Ankunft in Hadamar durch Kohlenmonoxidgas getötet. Maria Katharina M., die 1892 in Tübingen geboren wurde und ihre Kindheit in Nürtingen verbrachte, brachte man von der Anstalt Heggbach über Weinsberg nach Hadamar. Sie erlitt im April 1941 dasselbe Schicksal. 

Hadamar heute

Anders als in Grafeneck blieben in der ehemaligen Landesheilanstalt Hadamar die historischen Räume erhalten. Nach dem Krieg zu einer Gedenkstätte mit Dauerausstellung und Archiv mit Gedenkbuch umgebaut, zeugen sie von den unmenschlichen Gräueltaten eines verbrecherischen Regimes, das unheilbar Kranke unter anderem als „Ballastexistenzen“ betrachtete und sie deshalb auf so grausame Art entsorgte.

Im Untergeschoss des damaligen Hauptgebäudes befindet sich die 1941 als Duschraum getarnte Gaskammer - nur etwa zwölf Quadratmeter groß, der Boden mit schwarz-weiß-gemusterten Kacheln gefliest. Bedrückend auf die Besucher wirken auch der ehemalige Sezierraum und die beiden Krematorien, aus denen 1942 die Öfen ausgebaut wurden. Die denkmalgeschützte Busgarage auf dem Außengelände wurde restauriert und steht heute wenige Meter vom Originalstandort entfernt.  

Mehr als 10.000 Menschen wurden von Januar bis August 1941 in Hadamar mit Kohlenmonoxidgas getötet und sofort in den koksbeheizten Öfen eingeäschert. Wenige Tage  nach der Ermordung erhielten Angehörige und Standesämter gefälschte Sterbeurkunden mit einer „natürlichen“ Todesursache. Offiziell soll Mathilde S. an einem Hirnschlag gestorben sein, zwei Wochen später, in der Heilanstalt Sonnenstein bei Pirna in Sachsen.


Dieser Artikel ist der 21. im Rahmen einer Serie, in der wir die Menschen hinter dem „Denk-Ort“ präsentieren. Mehr über Mathilde S. kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren.


Text: Anne Schaude



 


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