Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Ausgewähltes
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Veranstaltungstipp
Foto der Woche
EssBar
LesBar
Leserbriefe
Kleinanzeigen
Hochschule

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Was kochsch du?
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Geschichte
 
Der Nürtinger NS-Täter Oskar Riegraf - 9.12.2019

  (bd) Im Rahmen der 40. „Eine-Welt-Tage und Friedenswochen Nürtingen“ sprach Manuel Werner von der „Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus“ über den Nürtinger NS-Täter Oskar Riegraf. Viele interessierte Zuhörer waren in den Bürgertreff gekommen. Es war das erste Mal, dass in Nürtingen ein „Täter“ mit seiner eher ungewöhnlichen NS-Karriere vorgestellt wurde.

Werner erschloss diese Karriere sozusagen rückwärts und begann mit den letzten Tagen des 2. Weltkrieges, in denen Oskar Riegraf auf der Schwäbischen Alb letzte Aufgebote erzwingen wollte.

Er richtete im April 1945 auf dem Heuberg bei Stetten am Kalten Markt das „Freikorps Adolf Hitler“ ein. Ab dem 1. April begann er „Panzer-Vernichtungstrupps“ auszubilden. Seine Familie hatte er in der Nähe in Meßstetten untergebracht. Am 20. April 1945 drohte die Besetzung Meßstettens durch die Franzosen, herbeigeeilte NS-Funktionäre verlangten die Verteidigung des Ortes, machten sich selbst aber aus dem Staub.

Annette Planck, selber auch Mitglied der Gedenkinitiative, las aus Tagebuchaufzeichnungen einer damals jungen Meßstetterin, und ließ so spürbar werden, in welche Todesangst die Befehle der NSDAP-Funktionäre die Menschen versetzte.
Oskar Riegraf, der in unmittelbarer Nähe war, erhielt am selben Tag eine Nachricht, dass seine Familie in Gefahr sei. Außerdem seien in Meßstetten weiße Fahnen gehisst worden. So fuhr Riegraf nach Meßstetten. Zuerst brachte er seine Familie in Sicherheit. Einige Bürger und Gemeinderäte zitierte er daraufhin ins Rathaus und erklärte, vermummt, mit einer Pistole in der Hand, ein Standgericht durchzuführen. Er erschoss den Lamm-Wirt Martin Stengel, der Altbürgermeister Friedrich Maier wurde von seinen Begleitern erschossen. Anschließend wurden auf die Wirtschaft zum „Lamm“ Panzerfäuste abgefeuert, die einen Teil des Hauses zerstörten. Die Leichen der beiden getöteten Männer wurden erst am nächsten Tag von Frauen geborgen. Kurze Zeit später war der Heuberg - wie vorauszusehen gewesen war - französisch besetzt. Oskar Riegraf wurde am 12. Juni 1945 verhaftet.

Manuel Werner stellte dann die Frage: Was für ein Mensch war Oskar Riegraf? Oskar Riegraf war schon seit frühester Jugend ein glühender Nationalsozialist. 1911 in Fellbach geboren, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf, schaffte es aber trotzdem ans Gymnasium bis zum Abitur. Er studierte ab 1930 Theologie im Stift in Tübingen und trat gleichzeitig in die NSDAP ein, was damals nicht als unmöglich angesehen wurde. Er sei also ein „alter Kämpfer“ gewesen, so Manuel Werner. Ab 1933, nach der Machtübernahme durch die NSDAP,  arbeitete Oskar Riegraf hauptamtlich als Funktionär in der Partei. 1935 trat er aus dem Evangelischen Stift aus, obwohl er im Hintergrund kirchliche Protektion genoss. Im Februar 1938 wurde er Führer des „HJ-Banns 436 Hohenneuffen“ und zog nach Nürtingen, wo er auch Stadtrat wurde. Er wohnte mit seiner Familie zur Miete in der Neckarsteige.

Fanatisch trat er am 25. November 1938 bei der Kampagne gegen den Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan auf, der von der Kanzel aus die Schändung der Synagogen in der Reichspogromnacht verurteilt hatte. Die NSDAP-Kreisleitung unter Eugen Wahler und Wilhelm Gruel organisierte einen Mob, der von Nürtingen aus in Fahrzeugen nach Oberlenningen gebracht wurde. Nach einer agitatorischen Rede von Riegraf wurde Julius von Jan brutal zusammengeschlagen und in „Schutzhaft“ genommen.

Von 1939 an war Riegraf Soldat. Er nahm aktiv am Überfall auf Dänemark teil. Er war begeistert von der „Riesenkraft eines Körpers von Millionen von Männern“ . Ab 1942 war er Oberleutnant. Schließlich stellte er das „Freikorps Adolf Hitler“ auf dem Truppenübungsplatz Heuberg auf.

Am 12. Juni 1945 wurde Riegraf verhaftet und in Karlsruhe von den Amerikanern interniert. Im Juni 1947 gelang ihm vor der Vollstreckung eines Haftbefehls die Flucht aus dem Internierungskrankenhaus. Auf der sogenannten „Nord-Schiene“ der Nazi-Emigration gelang ihm die Ausreise nach Kanada. Dort kam er wieder mit seiner Familie zusammen - was in Nürtingen durchaus bekannt war, wie Klaus Harpprecht in seinen Erinnerungen berichtet. Riegrafs Verbrechen blieben ungesühnt.

Die Zuhörerschaft war beeindruckt von den Ausführungen des Referenten, die durch Fotografien der Menschen, Örtlichkeiten und Dokumente anschaulich und berührend wurden.
Es gab einige Beiträge von Zuhörern, die belegten, dass Erinnerungen an Oskar Riegraf und sein Umfeld in Nürtingen vorhanden waren, aber öffentlich nicht darüber gesprochen wurde. So, wie es auch Klaus Harpprecht in seinen Erinnerungen schildert.

Barbara Dürr






 


Anzeigen



Impressum
© 2004-2020 Nürtinger STATTzeitung