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  Jugend
 
Interview mit dem Anstaltsleiter der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim - 9.5.2008

 

(Spongo) Zwei SPONGO-Redakteure fragten sich, wie es wohl wirklich ist, im Jugendknast zu sitzen. Das wissen sie mittlerweile. Sie hatten die Chance, einen Tag im Jugendknast in Adelsheim zu verbringen um die Insassen kennen zu lernen. Sie erfuhren, dass es hier anders zugeht als gedacht: Hier prügelt man nicht, sondern macht sogar Zeitung. Dr. Walter ist der Anstaltsleiter der JVA Adelsheim.

Spongo: Seit wann sind Sie Leiter der JVA Adelsheim?

Herr Walter: Seit 1979 bin ich Anstaltsleiter. Diese Jugendstrafanstalt leite ich seit 1989.

Spongo:  Was sind Ihre Aufgaben?

Herr Walter: Sie haben ja gesehen, dass eine solche Anstalt ein sehr großer Apparat ist. Zur Zeit haben wir circa 270 Mitarbeiter und etwas mehr als 400 Gefangene. Das ist sogar vergleichsweise wenig. Es hat Zeiten gegeben, in denen wir an die 500 Gefangene hatten.
Des Weiteren ist das hier auch ein großer Produktionsbetrieb, in dem sehr viele unterschiedliche Professionen arbeiten. Man könnte sagen, dass meine Aufgabe darin besteht, das Ganze zu managen. Ein Schulleiter draußen hat in manchen Beziehungen ähnliche Aufgaben, welche allerdings stärker eingeschränkt sind, weil er nicht der Chef eines Unternehmens ist, das Millionen Umsatz macht und produziert. Aber auch, weil es dort nicht so viele unterschiedliche Professionen gibt wie bei uns. Wir haben Theologen, Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer, Ärzte, Psychiater und Soziologen. Alles, was es so an Berufen gibt, kommt bei uns vor.

Spongo: Was macht die Arbeit für Sie interessant? Was macht Ihnen besonders Spaß?

Herr Walter: Gerade das Interdisziplinäre, das ich eben schon erwähnt habe. Es macht Spaß mit vielen verschiedenen Professionen zusammen zu arbeiten und nicht, wie es sonst bei Juristen der Fall ist, im eigenen Saft zu schmoren. Der Normalfall wäre der, dass ich als Staatsanwalt mit anderen Staatsanwälten zu tun hätte. Oder als Richter mit anderen Richtern. Das ist eine Monokultur. Bei uns ist Multikulti.

Spongo: Was macht Ihnen keinen Spaß?

Herr Walter: Da gibt es eigentlich wenige Dinge. (überlegt) Da ich jetzt schon ewig im Strafvollzug tätig bin, muss ich zugeben, dass es mir manchmal lästig ist, wenn uralte Vorurteile immer noch das Denken bestimmen. Also zum Beispiel dieser Gegensatz, dass wir prinzipiell immer die Opfer und andere die Täter sind. Denn Täter sind wir alle – und Opfer auch.

Spongo: Was sind die größten Unterschiede zwischen Jugendstrafvollzug und normalem Strafvollzug?

Herr Walter: Der Unterschied soll sein, dass unsere Einrichtung erzieherisch ausgestaltet zu sein hat, soviel steht schon in den Gesetzen. Das Problem ist nur, dass nicht klar ist, was eigentlich ‚erzieherisch’ ist. Unter der Flagge Erziehung wird aller Orten Unterschiedliches propagiert, weil dieser Begriff sehr allgemein ist. Ich verstehe Erziehung als Förderung junger Menschen und insoweit unterscheiden wir uns vom Erwachsenenvollzug ganz deutlich. Nach meinem Dafürhalten sollte man an den Fähigkeiten, Potenzen, Ressourcen junger Menschen ansetzen. Das ist die einzige Möglichkeit, um deren Zukunft zu gewinnen. Wenn es Ihnen aber um Vergangenheitsverarbeitung geht, dann setzen Sie eher an den Defiziten an. Da bin ich persönlich nicht dafür. Nicht weil ich es für falsch halte, sondern weil ich meine, dass es nicht zukunftsträchtig ist, wenn ich mit Ihnen immer über das rede, was Sie falsch gemacht haben. Das bringt Sie nur wenig voran. Wir sollten uns mehr mit den Dingen beschäftigen, die die Zukunft strukturieren.

Spongo: Sie haben auch Seelsorger hier in der Anstalt.

Herr Walter: Ja, zwei, manchmal drei.

Spongo: Wird diese psychologische Betreuung häufig in Anspruch genommen?

Herr Walter: Viel häufiger als draußen. Die Insassen sind natürlich, obwohl sie das nach außen hin selten demonstrieren, oft in Nöten. Diese Probleme sind allerdings in so einer Gesellschaft von jungen Männern schwer thematisierbar. Denn keiner will der Schwache sein. Keiner will Schwäche zeigen, weil er nämlich befürchten muss, dass diese sofort ausgenutzt wird. Deswegen zieht jeder in der Öffentlichkeit, also beim Hofgang, im Betrieb oder in der Schule das härteste Gesicht auf, das er kann.

Spongo: Gab es schon Suizide oder Selbstmordversuche?

Herr Walter: Es gab bisher, Gott sei Dank, wenig gelungene Selbstmorde.
Bei den Selbstmordversuchen muss man zwischen zweien unterscheiden: Dem ernst gemeinten, der sehr selten ist, und dem sehr viel häufiger vorkommenden demonstrativen Selbstmordversuch. Das heißt: eigentlich ein Schrei nach Zuwendung, nach Aufmerksamkeit. Das kommt vielleicht zwei-, dreimal im Jahr vor. Die ernst gemeinten sind erfreulich selten, kommen aber auch alle fünf Jahre vor. Das ist dann sehr schwierig.

Spongo: Kommt es auch innerhalb der JVA zu Straftaten und auch Gewalt, so wie es in den Medien öfters berichtet wird?

Herr Walter: So wie es berichtet wird, stimmt es nicht. Es  ist ja fast nachvollziehbar, dass man über Einrichtungen, über die man nichts weiß, weil sie der Öffentlichkeit hinter undurchsichtigen Mauern verborgen sind, viel ‚herumgeheimnist’ und rätselt, was dort alles stattfindet. Daher versuchen wir  möglichst viele Leute herein zu lassen. (zögert, schaut aus dem Fenster) Im Moment läuft der Hofgang. Schauen Sie mal aus dem Fenster. Die Gefangenen aus dem geschlossenen Bereich sind jetzt dort draußen im Hof. Die einen sitzen auf der Bank, die anderen laufen herum, die dritten spielen an der Streetballanlage. Und so wie Sie das jetzt sehen, sieht das an 363 Tage im Jahr aus. Und an ein oder zwei Tagen im Jahr kommt es vor, dass es Zank und Streit gibt. Darüber berichten dann Medien, über den Rest nicht. Das ist der Alltag, so sieht er aus.
Zu diesem Thema würde ich also sagen: Gemessen daran, dass nach menschlichem Ermessen bei uns die schwierigsten jungen Männer Baden-Württembergs versammelt sein müssten, ist es ganz erstaunlich friedlich.
Es gibt übrigens auch einen Beleg dafür, der vielleicht Lehrer interessieren wird: Die Gewerbelehrer, die bei uns arbeiten, etwa 25 an der Zahl, sagen, sie kämen gern hierher, da in einer solchen Anstalt mehr Struktur ist als draußen. Das liegt daran, dass die Regeln hier sehr deutlich sind. Deutlicher als an der Schule. Wer liest an der Schule wirklich die Hausordnung? Ich habe sie nie gelesen und habe auch nicht viele gekannt, die sie gelesen haben. Hier liest sie natürlich erst recht keiner. Nur sind bei uns die Regeln so deutlich, dass man sie kaum einem erklären muss. Die sind, wenn sie so wollen, sichtbar. Wer den vorgeschriebenen Weg verlässt, wird erleben, dass der Alarm losgeht und dass aus allen Ecken Beamte auf ihn zulaufen, ihn am Wickel packen und denjenigen dann in sein Ursprungshaus zurückbringen. Und dann wird er wahrscheinlich erleben, dass er zu den fünf oder sechs Gefangenen gehört, denen nicht erlaubt ist frei durch die Anstalt zu laufen, sondern die mit Eskorte gehen. Und sehr bald weiß er dann auch, dass es viel schöner ist, wenn man selber laufen darf und nicht immer einer nebenher geht.   

Spongo: Wie ist aus Ihrer Sicht das Verhältnis zwischen den Jugendlichen und den Vollzugsbeamten?

Herr Walter: Absolut entspannt. Wir haben hier, im Gegensatz zu manchen anderen Anstalten, seit vielen Jahren großen Wert auf bürgerliche Umgangsformen gelegt. Also auf normale Höflichkeitsformen. Und alles, was man in anderen Anstalten noch an militärischen Relikten findet, finden Sie bei uns nicht. Das einzige sind die Uniformen, aber die werden von der Landesjustizverwaltung vorgegeben. Wenn es nach mir ginge, gäbe es keine.

Spongo: Warum nicht?

Herr Walter: Weil wir sie nicht brauchen. Ich weiß das, weil ich es schon einmal in einer anderen Anstalt  fünf, sechs Jahre lang ohne Uniformen ausprobiert habe. Im Jugendvollzug geht es prima, weil Unterschiede schon allein am Alter deutlich werden. Da brauchen Sie die Uniform nicht als Unterscheidungsmerkmal. Als damals den Beamten freigestellt wurde, ob sie Uniform tragen wollen oder nicht, trug die eine Hälfte keine Uniform mehr, weil sie meinte auf diese Weise besser zurecht zu kommen, während die andere Hälfte weiterhin Uniform trug und meinte so besser zurecht kommen zu können. Witzigerweise hat anschließend jede der beiden Gruppen darauf geschworen, dass das, was sie meinen, auch richtig ist.

Spongo: Eine letzte Frage noch. Gab es schon einmal Ausbruchsversuche oder sogar erfolgreiche Ausbrüche?

Herr Walter: Nach der letzten Messung, die wir hatten, kam es etwa alle acht Jahre vor, dass einmal einer über die Mauer gekommen ist. Regelmäßig natürlich mit mechanischer oder fremder Hilfe. Denn drüberspringen kann man nicht.

Spongo: Dann bedanken wir uns für das Gespräch.

Herr Walter: Keine Ursache. Ich bedaure ja nur die Leute, die das, was ich jetzt in aller Ausführlichkeit erzählt habe, nachher so kürzen müssen, dass man es auch lesen kann. 

Aus: SPONGO, Schülerzeitung des HÖGY, 
Text: Dominique Epple


 


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