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Biopiraten im Regenwald - 3.10.2012
Was haben wir damit zu tun?

 

(th) Für Dr. Rainer Putz hatte sich nach seinem Biologie-Studium ein Jugendtraum erfüllt: er konnte für das Max-Planck-Institut drei Jahre lang im Amazonas-Regenwald forschen und die Faszination aber auch die Bedrohung dieses Teils der Erde unmittelbar erleben. Aus dieser Erfahrung heraus hat er nach seiner Rückkehr mit Gleichgesinnten in Freiburg das Regenwaldinstitut gegründet, das angewandte Projektarbeit mit der ansässigen Bevölkerung zum Schutz der Regenwälder betreibt. Am vergangenen Mittwoch war Dr. Rainer Putz im Rahmen des Semesterschwerpunktes "Wem gehört die Erde?" der Nürtinger Volkshochschule in Zusammenarbeit mit dem Eine-Welt-Laden zu einem Vortrag in die Glashalle des Rathauses gekommen und erzählte den Zuhörern vom Regenwald.

Der tropische Regenwald hat sein natürliches Verbreitungsgebiet in den Ländern am Äquator, das heißt, in Indonesien, Äquatorialafrika und in Amazonien, wovon Dr. Rainer Putz Vortrag vor allem handelte. Der Amazonasregenwald umfasst eine Fläche von ca. 5 Millionen Quadratkilometern, das ist so viel, wie halb Europa. Seine Hauptwasserader, der Amazonas, ist der längste Fluss der Welt, der in seinem Unterlauf bis zu 100 km breit ist und mehr Wasser enthält, als die sechs nächstkleineren Flüsse der Erde zusammen! Ein Charakteristikum des Regenwaldes ist seine ungeheure Artenvielfalt. Auf einem Hektar Regenwald wurden bis zu 500 verschiedene Baumarten gezählt. Auf einem einzelnen ausgewachsenen Regenwaldbaum können wiederum Tausende Tier- und Pflanzenarten leben, wobei sich die Vorkommen von einem Baum zum nächsten um bis zu 95 % unterscheiden. Nur so kann man verstehen, dass die Biologen davon ausgehen, dass im Regenwald drei Viertel aller Tier- und Pflanzenarten unseres Planeten leben – und davon sind erst 80 % dokumentiert worden!

Dabei sind die Böden und Flüsse des Regenwaldes äußerst nährstoffarm. Der Rio Negro, ein Nebenfluss des Amazonas, enthält praktisch keine Nährstoffe – aber Tausende Fischarten. Wie kann das sein? Dr. Putz erklärte, dass im Juni der Rio Negro für viele Wochen den Regenwald überflutet. Dadurch gelangen die Fische in den Wald, wo einige Arten Mikroorganismen von den untergetauchten Blättern weiden, andere sich sogar von den ins Wasser fallenden Früchten ernähren. Damit legen sie sich genügend Reserven zu, um überleben zu können, wenn der Rio Negro wieder in sein Bett zurückkehrt und die Fische den Wald wieder verlassen müssen (wenn sie nicht als Basis der Nahrungspyramide von Raubfischen gefressen werden).

Erst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann die brasilianische Regierung den Regenwald durch den Bau von Straßen zu erschließen, um an die im Untergrund lagernden Rohstoffe zu gelangen. Damit machten sie den Urwald auch für Holzfäller zugänglich, die die tropischen Edelhölzer rodeten. Anschließend hoffte die Landwirtschaft auf üppige Erträge aus dem Boden, der diesen vielfältigen Wald hervorgebracht hatte. Aber sie musste feststellen, dass die entwaldeten Böden wenig produktiv waren und schon nach wenigen Jahren landwirtschaftlicher Nutzung vollkommen ausgelaugt waren. Wie Dr. Putz erläuterte, lebt der Regenwald nicht von Nährstoffen im Boden, sondern von den Nährstoffen in den Pflanzen, die sofort von anderen Pflanzen genutzt werden, wenn eine Pflanze abstirbt. Weil aber das Angebot an unkultivierter Regenwaldfläche so groß ist, wird immer weiter gerodet und die Fläche für kurze Zeit landwirtschaftlich genutzt. Auf den Flächen wird insbesondere Soja angebaut, das als Futtermittel nach Amerika und Europa exportiert wird, wo die Nachfrage seit der BSE-Seuche stark angestiegen ist, um das Vieh und Geflügel für unseren Fleischkonsum zu erzeugen. So kommt mit dem Fleisch auch ein Stück zerstörter Regenwald auf unsere Teller, mahnte der Referent. Weitere Anbauflächen werden seit neuestem für den Anbau von Energiepflanzen zur Erzeugung von Biotreibstoffen genutzt.

Durch die Brandrodung gelangt CO2 in die Atmosphäre, das den Klimawandel vorantreibt. Die Auswirkungen sind auch in Amazonien zu spüren. So führen die Flüsse nicht nur einmal im Jahr Hochwasser, sondern mehrmals und dann herrscht wieder monatelange Trockenheit. Diese Wetterbedingungen können den Regenwald weiter gefährden und das hätte wiederum globale Auswirkungen. Klimaforscher gehen davon aus, dass es ohne den tropischen Regenwald bei uns weniger Niederschläge gäbe und die herkömmliche Landwirtschaft nicht mehr funktionieren würde. Wenn der Regenwald zerstört wird, sterben auch Unmengen von Pflanzen- und Tierarten aus, die (abgesehen von ihrem Eigenwert als Teil der Natur) vielfältige unbekannte Nutzen haben können. Zahlreiche Medikamente wurzeln quasi im Regenwald. Pharmakonzerne schicken ihre Kundschafter zu den einheimischen Schamanen, um Informationen über Pflanzenanwendungen zu bekommen. Damit beginnt die Biopiraterie, mit der nicht nur die Rohstoffausbeutung, sondern die Aneignung von traditionellem Wissen gemeint ist, womit ein öffentliches Gut für private Profite genutzt wird. Internationale Vereinbarungen, wie das TRIPS (Trade Related Aspects of Intellectual Property Rights - handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums) -Abkommen, werden genutzt, um Tiere und Pflanzen bzw. ihre Verarbeitung patentieren zu lassen, wenn nicht nachgewiesen werden kann, dass es sich dabei um ein bereits praktiziertes Verfahren handelt. So konnte Dr. Rainer Putz anhand eines brasilianischen Schriftstücks aus den 1940er Jahren die traditionelle Verarbeitung der mit dem Kakao verwandten Cupuaçu-Frucht belegen und so dazu beitragen, dass eine japanische Firma kein Patent für die Verarbeitung des ölhaltigen Samens anmelden konnte.

Das Regenwaldinstitut vermarktet mit seinem Regenwaldladen Produkte aus den Pflanzen des Regenwaldes im Fairhandel und in den Eine-Welt-Läden (auch in Nürtingen), die vollständig bis hin zu den deutschsprachigen Etiketten vor Ort hergestellt wurden, so dass die gesamte Wertschöpfung im Regenwald bleibt und eine bessere Alternative zu dessen Rodung und kurzfristigen landwirtschaftlichen Nutzung bietet. Das Sortiment umfasst exotische Öle, Schmuck  und Lebensmittel, wie die besonders aromatische Schokolade aus Wildkakao. Da ist der Schutz des Regenwaldes ein reiner Genuss!


 


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