Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Kurznachrichten
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Veranstaltungstipp
Foto der Woche
EssBar

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Reisen
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Kinderzeitung
Was kochsch du?
Gabi Zapf (Roman)
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Zukunftsfähiges NT
 
Weniger ist meist mehr - 25.11.2014
Weniger Wirtschaftswachstum - mehr Kopffreiheit

  (to) „Er hat ja gar nichts an!“ - so tönte am vergangenen Mittwochabend in der Freien Kunstakademie immer wieder eine helle, mitunter schrille Kinderstimme in verschiedenen Lautstärken; zu sehen waren zugleich eine Vielzahl blanker Kleiderbügel, die an Ständern hingen: Empfangen wurden so von der Filderstädter Künstlerin Marion Musch die rund 60 Zuhörer von Otmar Braunes Vortrag „Was kommt nach der Wachstumsparty?“, der im Rahmen der Reihe „Forum zukunftsfähige Stadt – Nürtingen“ in Kooperation mit der VHS stattfand.
 
Aus Kindertagen lag dieser Satz sicher noch den meisten im Ohr, ist er doch dem berühmten Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ entnommen: Ein garderobenverliebter Kaiser sitzt hier zwei Betrügern auf, die vorgeben ihm die vorzüglichsten Kleider zu weben, welche nur die Dummen nicht sehen könnten. Alle heucheln mit, bis eben ein Knabe den besagten Satz ausruft… Diese bedenkenswerte Geschichte war ein gutes Sprungbrett für Otmar Braune: Er behauptete nämlich gleich anfangs, dass alle diejenigen, welche die Alternativlosigkeit wirtschaftlichen Wachstums predigen, sich in nichts von den Kammerherren unterscheiden, welche im Märchen die nicht vorhandene Schleppe des Kaisers trugen.
 
Otmar Braune, aktiv beim BUND und Träger des Eies der Heckschnärre, bot eine Vielzahl von Argumenten auf – ökologische, soziale, selbst psychologische –, warum wirtschaftliches Wachstum in der heutigen Form keine Zukunft habe. Zusammenfassend zitierte er den Satz des amerikanischen Ökonomen Kenneth Boulding: „Jeder der glaubt, dass andauerndes Wachstum in einer endlichen Welt für immer weitergehen kann, ist entweder verrückt oder ein Wirtschaftswissenschaftler.“
 
Doch nicht nur die gegenwärtige Wirtschaftspolitik, auch grüne Alternativen, die ein nachhaltiges oder intelligentes Wachstum vorschlagen, kritisierte Otmar Braune. Effizienzsteigerungen, wie sie Ernst-Ulrich von Weizäcker in seinem Buch „Faktor Fünf – Die Formel für nachhaltiges Wachstum“ vorschlägt, seien zwar unabdingbar. Sie führten allerdings nicht zu den erhofften Einsparungen an Ressourcen, wenn diese sogleich durch mehr Verbrauch und anderweitigen Konsum, wie z.B. Flugreisen in ferne Länder, kompensiert würden.
 
Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass allein mit Effizienzsteigerung und dem Umstieg auf erneuerbare Energien das Zwei-Grad-Ziel beim Klimaschutz nicht erreicht werden kann, wenn die Wirtschaft in den Industrieländern immer weiter wachsen soll. Doch was ist die Alternative?
 
An dieser Stelle brachte Otmar Braune den Ökonomen Niko Paech ins Spiel, der ein Modell einer Wirtschaft entwickelt hat, die nicht auf permanentes Wachstum angewiesen ist. Diese sogenannte Postwachstums-Ökonomie hat Niko Paech 2012 auch schon in Nürtingen vorgestellt.
 
Otmar Braune vertrieb die Ängste, wonach ein wirtschaftliches Schrumpfen uns Westler in steinzeitliche Höhlen zurücktriebe: „Eine Postwachstums-Gesellschaft ist nicht nur ökologisch verträglicher, sondern erlaubt zudem ein sozial verantwortlicheres und persönlich erfüllenderes Leben“. Zugleich kann sie technisch und kommunikativ auf modernstem Stand sowie politisch zutiefst demokratisch sein. Nicht Spekulanten und Lobbyisten zwängen die Politik zu wachstumssteigernden Maßnahmen, vielmehr organisierten sich die Bürger in einer Postwachstums-Gesellschaft selbst und bestimmten was gut für sie und die gesamte Mitwelt sei.
 
Als Beispiel führte Otmar Braune unter anderem das Bioenergiedorf Untermaßholderbach bei Öhringen ins Feld, wo die Bürger vor Kurzem ihre gesamte Energieversorgung selbst in die Hand genommen haben. Angesichts weltweiter Krisen sei es unabdingbar, dass sich die Kommunen und Regionen darauf einstellen, durch eine Regionalökonomie wenigstens eine Grundversorgung unabhängig vom globalen Markt zu ermöglichen. Nur so könnten sie widerstandsfähiger (resilient) werden und die Bürger im Krisenfall vor massivem Wohlstandsverlust bewahren.
 
Deshalb regte Otmar Braune gegen Ende an, dass man sich auch in Nürtingen Gedanken machen solle, wie dieser Schritt vor Ort gelingen könne – an erster Stelle stünde sicherlich die dezentrale Energieversorgung, aber auch an die Stärkung der regionalen Wirtschaft und Landwirtschaft sei zu denken, wofür eine Regionalwährung vielleicht hilfreich sein könnte.
 
Am Ende des Vortrags, der manchmal trotz der ernsten Problematik auch zum Schmunzeln war, stand ein Bonmot von Niko Paech: „Postwachstum wird kommen by design or by desaster“ – übersetzt: „… in Form gestalteter Prozesse oder infolge von Katastrophen“.

 
Die Vortragsreihe wird am 28. Januar im Wasserwerk Nürtingen fortgesetzt: Dort wird Andreas Mayer-Brennenstuhl dann einen Bogen von den Turbinen und Fließbewegungen des Neckars zur Situation von Kunst und Kultur in der Hölderlinstadt schlagen. Zuvor gibt es am 12. Dezember um 17 Uhr in der Alten Seegrasspinnerei die zweite „zukunftsfähige Suppenküche“, in der Bürgerinnen und Bürger Projekte und Ideen für ein zukunftsfähiges Nürtingen vorstellen und beraten können. Näheres zum Forum unter: 07022- 216 166.


 


Anzeigen




Impressum
© 2004-2017 Nürtinger STATTzeitung