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  Zukunftsfähiges NT
 
Zwischen Naturliebe und prometheischem Furor - 1.8.2015
Beim siebten denk-art Café ging es um Ernst Bloch und die Allianztechnik

  (forumNT) „Das ist doch alternativlos.“ Diesen Ausspruch hört man in letzter Zeit oft – allzu oft, meinte Michael Weingarten beim siebten denk-art Café über den Philosophen Ernst Bloch anlässlich dessen 130. Geburtstages. Damit hatte der Professor aus Stuttgart den philosophischen Gewährsmann im Gepäck, für den es immer einen offenen Möglichkeitsraum gab.

Bloch hatte Ende der fünfziger Jahre sein dreibändiges Werk „Das Prinzip Hoffnung“ veröffentlicht, in dem er eine philosophische Landkarte konkreter Utopien entworfen hat. Geschrieben hatte er dieses während seines Exils in den Vereinigten Staaten. Nach dem Krieg ließ sich der überzeugte Marxist dann zunächst in der DDR nieder: Ab 1949 bekleidete er den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Leipzig und avancierte damit gewissermaßen zum Staatsphilosophen der DDR.

Doch im Zuge des ungarischen Volksaufstandes kann es zum Dissens zwischen SED-Regime und Bloch, in dessen Folge der Philosoph zwangsweise emeritiert wurde. Nach dem Bau der Berliner Mauer kehrte Bloch 1961 von einer Reise in den Westen nicht mehr in die DDR zurück: In Tübingen nahm Bloch, inzwischen hochbetagt, eine Gastprofessur an. 1967 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Studentenbewegung, die sich teilweise auf seine Schriften berief, begleitete er mit kritischem Wohlwollen.

Weingarten wies auf folgende Zusammenhänge hin: Ein wesentlicher Grund, warum der Philosoph der Hoffnung für die Studentenbewegung attraktiv gewesen sei, sei dessen These, wonach wir Menschen noch unfertige Wesen seien, die in eine prinzipiell offene Zukunft blickten und diese auch weitgehend frei gestalten könnten. Die Möglichkeiten, die in uns angelegt seien, seien keine fixen, vorgegebenen Muster, sondern vielmehr offene Spielräume. Diese stellten für Bloch keine luftigen idealistischen Gebilde („wishful thinking“) dar, sondern ein Reservoir an konkreten Utopien – Utopien mithin, die mit objektiven Tendenzen der gesellschaftlichen Wirklichkeit vermittelt seien.

Zum speziellen Thema dieses Vormittags – Blochs Konzeption einer Allianztechnik – gelangte Weingarten, als er auf den Naturbegriff des Denkers der konkreten Utopie zu sprechen kam: Dieser habe ab Mitte der 1920er-Jahre die Natur in seine Philosophie einbezogen: Im Unterschied zu damals vorherrschenden mechanistischen Theorien habe Bloch diese als etwas Lebendiges und Wirkendes begriffen und damit an die Lehren Goethes und Schellings angeknüpft.

Doch Bloch sei über diese beiden noch hinausgegangen, indem er auch die Natur als etwas gesehen habe, das noch in Möglichkeit sei: Die Evolution sei Bloch zufolge nicht abgeschlossen, sondern hätte ähnlich wie die menschliche Geschichte eine offene Zukunft vor sich. Diese hänge aber, so interpretierte Weingarten Bloch, wesentlich von der Mitwirkung des Menschen ab.

Damit war nun das Gespräch bei der Frage nach der Technik angelangt, denn vor allem mittels ihrer verwandle beziehungsweise korrumpiere der Mensch tatkräftig seine natürlichen Voraussetzungen. In diesem Zusammenhang zitierte Weingarten ein scharfes Diktum des kapitalismuskritischen Bloch: „Unsere bisherigen Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland und vom Landesinnern weiß sie nichts.“

Demgegenüber ziele Bloch, so Weingarten, auf ein neues Verständnis von Technik – eine, die innerlich mit der Natur vermittelt sei, indem sie mit den selbst organisierenden natürlichen Kräften verbündet sei und mit diesen in einen Dialog trete. Diese geniale Vision verhinderte aber nicht, dass sich Bloch mit einigen seiner diesbezüglichen Ansichten gewaltig verstiegen hat. So wies Weingarten darauf hin, dass der Denker aufgrund seines allzu prometheischen Furors so hochriskante Technologien wie die Atomkraft begeistert begrüßt habe – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass diese nicht Profitinteressen diene, sondern sozialistisch verwaltet würde.

Der Referent versuchte diese und ähnliche Blochsche Irrtümer zu korrigieren, indem er einen anderen Leitsatz des Philosophen in Erinnerung rief: Neue Technologien dürften die zukünftigen Möglichkeiten des Menschen und der Natur nicht infrage stellen und schon gar nicht zunichtemachen. Damit führte Weingarten den „Utopisten“ Bloch ein Stück weit an seinen Antipoden Hans Jonas heran, der in seinem Buch „Prinzip Verantwortung“ etwas Ähnliches gefordert hatte.

Doch trotz dieser Abschwächung des utopischen Impetus von Blochs Technik-Philosophie waren nicht alle der fast vierzig Gäste mit dem Philosophen der Hoffnung einig: Wenn auch der Gedanke von der inneren Vermittlung zwischen Mensch und Natur löblich sei, schieße Bloch aber über das Ziel hinaus, wenn er letztlich Mensch und Natur in eins werfe. Die Folge sei, dass dann alles menschliche Tun als natürlich gerechtfertigt werden könne.

Wie immer bei einem denk-art Café gab es auch dieses Mal eine künstlerische Einstimmung: Andreas Mayer-Brennenstuhl von der nn-akademie, die ihren Namen von Blochs Begriff des Noch-Nicht entliehen hat, verteilte zu den Klängen der Oper „Fidelio“, Blochs Lieblingsoper, Fernrohre aus Pappe, mit denen man schon mal Utopia anvisieren konnte.

Das denk-art Café geht nun erst einmal in die Sommerpause und öffnet wieder am 18. Oktober: Dann wird Thomas Oser die Gäste fragen, ob und inwiefern Überfluss zu einem guten menschlichen Leben gehört.


 


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