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  Zukunftsfähiges NT
 
Arbeit mit Flüchtlingen: Global denken, lokal handeln - 28.11.2015
Melanie Skiba und Ragini Wahl sprachen im Rathaus in der Reihe „Forum zukunftsfähige Stadt – Nürtingen“

  (forumNT) Die Flüchtlinge drohen am Rande der Gesellschaft zu bleiben, deshalb sollte über sie wenigstens mitten in einer Stadt gesprochen werden: So sahen es das Forum zukunftsfähiges Nürtingen und die Volkshochschule und luden zu dem Vortrag „Gute Flüchtlinge, schlechte Flüchtlinge?“ in die Glashalle des Nürtinger Rathauses ein. Melanie Skiba vom baden-württembergischen Flüchtlingsrat beleuchtete vor über hundert Zuhörern die globale Seite des Themas, Ragini Wahl vom Nürtinger Netzwerk Flüchtlingsarbeit (NFANT) zog daraus Konsequenzen für die Arbeit vor Ort.

Frau Skiba rückte zunächst einmal die Dimensionen zurecht, die hierzulande in aufgeregten Debatten oft verzerrt würden: Demnach seien zurzeit weltweit rund sechzig Millionen Menschen auf der Flucht, doch nur drei Prozent von ihnen erreichten die Länder des globalen Nordens. Der Rest käme aus dem eigenen Land nicht hinaus oder gelangte allenfalls in die jeweiligen Anrainerstaaten. Zudem würden in Deutschland weit weniger Asylanträge gestellt als Flüchtlinge ins Land kämen: In 2014 seien es lediglich 350.000 gewesen und nicht über das Doppelte, wie häufig angenommen würde.

Die Referentin verwahrte sich dagegen, zwischen „guten“ und „schlechten“ Flüchtlingen zu unterscheiden, wobei mit letzteren so genannte Wirtschaftsflüchtlinge gemeint waren. Zum einen fordere das Asylgesetz jeden Einzelfall zu prüfen, zum anderen seien die globalen Ursachen für Flucht genauer ins Auge zu fassen: Politische Verfolgungen und Kriege seien nur die Spitze des Migrations-Eisberges, häufiger litten die Menschen unter einer unwürdigen wirtschaftlichen Not und diese hätten bis zu einem gewissen Grad die reicheren Länder zu verantworten. Denn diese lebten wirtschaftlich und ökologisch auf Kosten der ärmeren Länder: So würden deren lokale Märkte mit Billigprodukten aus dem Westen überschwemmt, wodurch die einheimischen Produzenten für ihre Waren keine Absatzmöglichkeiten mehr fänden.

Außerdem verursache vor allem der globale Norden durch seinen unmäßigen Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß den Klimawandel, der vornehmlich aber die armen Länder im Süden träfe. Nicht zu vergessen sei, dass viele Kriege, die Fluchtbewegungen nach sich ziehen, durch den Klimawandel mitverursacht seien. Und diese Problematik werde in Zukunft sogar noch an Bedeutung gewinnen.

Diese Zusammenhänge vor Augen führte Ragini Wahl (Foto) Perspektiven für kommunale Flüchtlingsarbeit aus: Sie bemängelte, dass meist – und sie nahm Nürtingen da nicht ganz aus – ein Gesamtkonzept fehle: Verwaltung, Gemeinderat, soziale Träger, Polizei und Ehrenamtliche müssten geregelt und professionell zusammenarbeiten, wobei es die vorrangige Aufgabe der Hauptamtlichen sei, die Rahmenbedingungen festzulegen. In diesem Zusammenhang regte später die NT14-Stadträtin Julia Rieger an, den Flüchtlingstisch wieder zu aktivieren, bei dem früher alle diese Akteure zusammen gekommen seien.

Frau Wahl ergriff im Weiteren entschieden Partei für die Flüchtlinge: Diese seien alle nach dem Gleichheitsgrundsatz und als mündige Mitbürger zu behandeln: „Ein erwachsener Flüchtling ist kein Kind, das betreut werden muss“, sagte sie. Es solle, so die Referentin, keine Programme ausschließlich für Flüchtlinge geben, vielmehr solle man diese – wo immer möglich –  in der Mitte unserer Gesellschaft aufnehmen. Zugleich dürfe aber die kulturellen Eigenheiten der Asylbewerber und Asylanten nicht alleiniger Maßstab der Flüchtlingsarbeit sein, vielmehr müsse man im Dialog immer wieder von Neuem zu Kompromissen gelangen.

Eine wichtige Forderung von Ragini Wahl lautete: „Kein Flüchtlingsunterkunft mit mehr als 100 Personen!“ Nur durch eine verstärkt dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge könne vermieden werden, dass der einzelne Flüchtling zu einem Aktenzeichen würde: Integration gelinge vielmehr nur durch persönlichen Kontakt.

In dieser Hinsicht erfüllten die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, von denen es in Nürtingen rund 200 gäbe, eine äußerst wichtige Funktion: Diese kämen nämlich persönlich näher an die einzelnen Flüchtlinge heran. Dies könne natürlich auch belastend sein, weshalb Frau Wahl die Stadtverwaltung aufforderte, die Ehrenamtlichen in vielerlei Hinsicht zu unterstützen: So sollten die Spitzen der Stadt sie insbesondere vor Anfeindungen von Populisten schützen.

In der anschließenden Diskussion, bei der sich unter anderem Vertreter der Kirchen, der sozialen Träger und der Stadt beteiligten, wurde angemahnt, dass vor allem die sozialen Träger der Flüchtlingsarbeit wie die Bruderhausdiakonie und der Trägerverein Freies Kinderhaus mehr Planungssicherheit bräuchten. Bürgermeisterin Claudia Grau gab zu bedenken, dass man andere soziale Brennpunkte wie Altersarmut nicht wegen des Flüchtlingsthemas vernachlässigen solle. Von dem Abend hätte sie sich zwar mehr konkrete Ansätze für die Flüchtlingsarbeit in Nürtingen erhofft, zugleich sei es aber ein guter Ansatz, das Rathaus als einen Ort zu nutzen, an dem öffentlich – und möglicherweise auch verwaltungskritisch – über Themen gesprochen wird, die die Nürtinger umtrieben.

Während der Veranstaltungen wurden zwei Bilder von Flüchtlingskindern gezeigt, die im Rahmen eines kunsttherapeutischen Projekts von Nina Raber gemalt wurden: Sie zeigten Körper-Silhouetten, wobei die erste von dem Kind selbst gemalt wurde und die zweite von einem Partnerkind, welches symbolisch für eine Person in Deutschland steht, die ihm hier Halt gibt. Das zentrale Bild an diesem Abend stammte von dem aus Äthiopien stammenden und in Nürtingen lebenden Maler Tesfaye Urgessa: Sein Bild „Holy Criminals“ hat zum Hintergrund, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe von der Polizei weit häufiger kontrolliert und als Kriminelle verdächtigt werden als Menschen weißer Hautfarbe. 

Fotos: Sven Simon


 


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