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Zukunftsfähige Landwirtschaft - 11.3.2016

  Klaus Gräff sprach im Februar in der Reihe „Forum zukunftsfähige Stadt – Nürtingen“ zum Thema  „(T)olle Scholle? Wie lassen sich 10 Milliarden Menschen ernähren?“ in der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt. Thomas Oser hat sich mit ihm unterhalten.

Hallo Herr Gräff. In manchen Filmen wird vom bäuerlichen Leben ein idyllisches Bild gezeichnet. Gilt nicht aber vielmehr: Urlaub auf dem Bauernhof ja, aber dort arbeiten und leben…?
Die Arbeit auf dem Lande gilt heute als überdurchschnittlich anstrengend mit wenig Urlaub und Freizeit – zudem eingebettet in unüberschaubare Preiskämpfe. Da braucht es andere Konzepte wie z. B. urbane Landwirtschaft. Diese wird heute auch deshalb wieder attraktiv, weil ihre Orts- und Naturnähe als unverzichtbare Aspekte eines guten Lebens anerkannt sind. Hier sucht man nach Kompensation für den Verlust der verloren gegangenen Idylle eines Landlebens, die es wahrscheinlich nie gab, aber immer in den Träumen ihren Platz hatte. Mit unseren heutigen Möglichkeiten können diese Vorstellungen jedoch real werden: Wir Menschen sind die Gestalter, wenn wir uns dessen bewusst werden.

Was macht Landwirten heutzutage vor allem zu schaffen – hierzulande und global betrachtet?
Die Boden-, aber auch die Nahrungsmittel-Spekulation. Landwirte stehen heute unter einem enormen Druck, weil die Großabnehmer mit unlauteren Mitteln die Preise drücken. Auch die Konsumenten wollen immer billigere Lebensmittel haben. Das führt global zu einem Verdrängungswettbewerb, aus dem es kaum noch ein Entrinnen gibt. Dazu kommen noch die Bodenerosion und humuszehrende Anbauverfahren.

Die Vereinten Nationen erwarten, dass 2050 rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wie können diese ernährt werden? Führt ein Weg an den multinationalen Agrokonzernen mit ihrer Gentechnik, ihren Pestiziden und ihrem patentierten Saatgut vorbei?
Wir könnten heute schon mit der Menge der jährlich erzeugten Nahrungsmittel zwölf Milliarden Menschen ernähren. Das hat der UN-Sonderberichterstatter und Globalisierungskritiker Jean Ziegler nachgewiesen. Das Problem sind die ungerechte globale Verteilung und die Verschwendung von Nahrungsmitteln. Bei einer klügeren Ernährungsweise, z.B. mit weniger Fleisch, und durch Permakultur, also einer besonders naturnahen Form der Landwirtschaft,  könnte nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Nahrungsmittel gesteigert werden.  Intensiv betriebene Wüstenbegrünungsprogramme könnten darüber hinaus zum einen die Ernährungssouveränität in den betroffen Gebieten wieder sichern sowie zum anderen einen wirklichen Beitrag zum Klimaschutz und damit auch zur Flüchtlingsthematik leisten. Kurz gesagt: Nicht das Bevölkerungswachstum ist das Problem, sondern die rücksichtslose Lebensweise nagt an unseren Existenzgrundlagen!

Welche negativen Folgen hat die wachsende Vormachtstellung der Agrokonzerne?
Ihr Selbstverständnis führt momentan zur Ausdünnung resilienter Strukturen: Nicht nur die Pflanzen werden weniger widerstandsfähig, auch die kleinbäuerliche Kultur wird bedroht. Letztere ist das aber noch immer das eigentlich Rückgrat der Welternährung. Beides hat der von der Weltbank initiierte Weltagrarbericht von 2008 gezeigt.

Welche Alternativen zur Agroindustrie werden aktuell diskutiert und welche werden schon konkret umgesetzt?
Einige habe ich eben ja schon genannt. Im Grunde geht es darum, mehr in Kreisläufen zu denken: Energie produzieren, Sortenerhalt erlernen, Humuswirtschaft. Auch das Verhältnis von Produzent und Konsument ist neu zu begreifen: demokratischer, kooperativer und solidarischer. In diesem Zusammenhang ist die solidarische Landwirtschaft (SOLAWI) zu nennen, die in den USA sehr verbreitet ist und auch in Deutschland im Kommen ist. In Nürtingen gibt es beispielsweise den Hopfenhof auf der Oberensinger Höhe, der dieses Konzept neuerdings verfolgt: Der Landwirt und seine Konsumenten bestimmen gemeinsam, was und wie angebaut wird. Letztere garantieren dem Bauern einen festen und fairen Preis für seine Nahrungsmittel.

Worin besteht die generelle Attraktivität solcher alternativer Ansätze?
... in ihrer relativ einfachen Machbarkeit und in ihrer Fähigkeit, wesentliche Probleme in der Welt entscheidend einer (Auf)Lösung entgegenzuführen. Generell gilt: Mehr Qualität und Quantität sind möglich, wenn man sich der Natur und ihrem unendlichen Wissensspeicher bewusst wird, sich an ihr ausrichtet und den Menschen in die Prozesse mit einbezieht.

Sind die genannten alternativen landwirtschaftlichen Wirtschaftsweisen wie Permakultur und SOLAWI nicht bloß Ausdruck einer zu vernachlässigenden Nischenkultur?
Gewiss sie sind bislang noch in den Randzonen, aber sie streben nun zur Mitte.

Wie müssten sich Gesellschaft und Wirtschaft im Ganzen verändern, damit diese alternativen Ansätze eine größere Chance auf Realisierung hätten?
Eine weitere Stärkung von demokratischen und partizipativen Prozessen ist unausweichlich. Zudem muss sich die Marktwirtschaft transformieren: hin zu mehr kooperativen und weniger zu rein profitorientierten Formen. Schließlich ist ein globales Miteinander, in welchem die lokalen Akteure kompetent und souverän sind, unerlässlich. All dies muss sich bei den vier Grundsäulen unseres gesellschaftlichen Lebens vollziehen: Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft.

Herr Gräff, Sie sind unter anderem der Koordinator der genannten SOLAWI-Initiative in Nürtingen: Was gefällt Ihnen besonders an dieser Aufgabe?
Ich kann hier an einem neuen Zeitgeist arbeiten und ich spüre immer wieder das Gefühl von Dankbarkeit, weil ich Erfahrungen in einem noch unbekannten Bereich machen darf und diese auch weitergeben kann.

Vielen Dank für das Interview.

Info:
Klaus Gräff, diplomierter Agrar-Ingenieur aus Tübingen, unterstützt und betreut seit 2010 den Aufbau solidarischer Landwirtschaften in Baden-Württemberg (u.a. die Gruppe „Solidarische Landwirtschaft Hopfenhof“ in Nürtingen) und er möchte neue kooperativ- synergetische Wirtschaftsstrukturen insbesondere im Raum Neckar-Alb anstoßen.



 


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