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  Zukunftsfähiges NT
 
Standortfaktor Hölderlin - 28.4.2016
Thomas Oser referierte im Rathaus über die Rolle von Kunst und Kultur in einer Stadt

  (forumNT) Der Titel „Standortfaktor Hölderlin“ ließ womöglich erwarten, es ginge in dem Vortrag am 24. April im Nürtinger Rathaus darum, wie mit Hölderlin & Co. die Stadt besser vermarktet werden könne. Dies war zwar nicht der Fall, um den Zusammenhang von Ökonomie auf der einen sowie Kunst und Kultur auf der anderen Seite ging es allerdings schon.

Der Nürtinger Philosoph Thomas Oser fragte nämlich im Rahmen der Vortragsreihe „Forum zukunftsfähige Stadt – Nürtingen“ danach, wie mittels Kunst und Kultur ökonomische Zwänge womöglich überwunden könnten. In der Folge lud er dazu ein, die Stadt – insbesondere Nürtingen – als eine soziale Skulptur zu betrachten und diese mitzugestalten.

Mit Hölderlin setzte der Vortrag ein – und das gleich mit einer speziellen Nürtinger Note: Thomas Oser wunderte sich nämlich über die Ausgestaltung des hiesigen Hölderlin-Brunnens: Diesen ziert bekanntlich eine Strophe des Dichters, in dem einseitig die niederdrückende Ohnmacht von uns Menschen ausgedrückt wird. Weil Hölderlin aber auch ganz gegenteilige Ansichten zu bieten hat, regte Oser an, auch folgenden Satz in der Stadt öffentlich sichtbar zu machen: „Der Mensch ist aber ein Gott, so bald er Mensch ist. Und ist er ein Gott, so ist er schön.“

Im Folgenden unternahm es Oser das Negative unserer Zeit zu fassen: Während Hölderlin seinerzeit in der Erfahrung des Abgetrenntseins von der göttlichen Natur das Negative gesehen habe, müsse dieses heute mehr in ökonomischen Kategorien gefasst werden. „Wir leiden unter ökonomischen Zwängen, die die Wirtschaft zu stetigem Wachstum antreibe“, sagte Oser. Dies habe nicht nur die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen zur Folge, sondern auch die ungeheure Überlastung des einzelnen Menschen, die sich nicht zuletzt in einem beständigen Zeitmangel ausdrücke.

Weil er keine Welterlösungslehre verkünden wollte, beschränkte sich Oser im Weiteren auf das Blickfeld einer konkreten Stadt: Diese könne sich von globalen Abhängigkeiten zumindest ein Stück weit lösen, wenn sie die lokale und regionale Wertschöpfung stärke. Oser entwarf das Bild einer zukunftsfähigen Stadt, von dem einige Facetten bereits in anderen Vorträgen der Reihe „Forum zukunftsfähige Stadt - Nürtingen“ dargestellt wurden: Postwachstums-Ökonomie, solidarische Landwirtschaft, Repair Café.

Zu seinem Kernthema gelangte Oser zurück, indem er die Rolle von Kunst und Kultur in einer solch zukunftsfähigen Stadt aufzeigte. Hier berief er sich auf ein Epigramm Hölderlins: „Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben! / Siehst du das eine recht, siehst du das andere auch.“ Hierin sah Oser nicht nur einen Hinweis auf den traditionellen, sondern auch auf einen erweiterten Kunstbegriff im Sinne von Josef Beuys. Beide Male ginge es jedoch – wenn auch unter unterschiedlichem Vorzeichen – um den Bezug der Kunst zum Leben.

Oser berief sich auf den Nürtinger Künstler und Kunstdozenten Andreas Mayer-Brennenstuhl, der herausgearbeitet hat, dass Kunst zwei Aufgaben hätte: Zum einen ginge es darum, dass sie in Freiräumen entwickelt und erprobt werde und so den Künstler und den Betrachter persönlich verwandle; zum andern darum, dass die Kunst ihre soziale Aufgabe erfülle und konkrete Lebensfelder mitgestalte.

Damit gelangte Oser zu seiner zweiten Nürtinger Portalgestalt: K. H. Türk, der Gründer der Freien Kunstakademie, war in seinen Gedanken und in seinem Tun nämlich sehr von Beuys inspiriert. Der soziale Aspekt der Kunst lag Türk nämlich immer am Herzen, auch wenn er sich in der Praxis weitgehend auf die „heilende Kraft der Kunst“ für das Individuum beschränkte. Türk zog aber Menschen nach Nürtingen, die hier die Idee der sozialen Skulptur verwirklichen wollten.

Oser zeichnete im Weiteren einige Aspekte der kulturellen Geschichte Nürtingens von der Gründung der Kunstschule im Jahr 1977 bis heute nach und ging dabei vor allem auf die Kultursommer-Initiative ein, welche ab 1986 sieben Jahre lang die Hölderlinstadt über zwei oder drei Sommerwochen prägte. Oser sah darin nicht nur eine temporäre soziale Skulptur, sondern machte auch deutlich, dass daraus der Kulturverein Provisorium und die Kinder-Kultur-Werkstatt, damit die letztlich auch die Alte Seegrasspinnerei hervorgegangen sei.

Im letzten Teil seines Vortrags lud Oser dann die unterschiedlichen Akteure in Nürtingen ein, die Stadt als soziale Skulptur zu betrachten und diese mitzugestalten. Er regte an, dass die Kunstschaffenden und zivilgesellschaftlich Engagierte stärker kooperieren sollten. Erstere könnten sich auch dem Sozialen widmen,  letztere könnten sich mehr einem künstlerischen Geist öffnen. Den Kulturträgern schlug Oser vor – ähnlich wie bei den Kultursommern – zu kooperieren, nur eben permanent. Ein Kunst- und Kulturzentrum hieß Oser allerdings nicht für gut, weil ein solches Kunst und Kultur in einen Sonderraum verbanne und dadurch auch eine Professionalisierung im schlechten Sinne drohe.

Den Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung und Wirtschaft legte er insbesondere ans Herz, Kunst und Kultur nicht nur zu Marketingzwecken zu nutzen, vielmehr zu erkennen, dass das kommunale Leben auf kulturelle Voraussetzungen beruhe, die politisch und ökonomisch nicht geschaffen werden können. Deshalb machte sich Oser dafür stark, insbesondere die freien Kulturträger und die Kunstschaffenden vor Ort zu fördern, weil diese die Atmosphäre in der Stadt maßgeblich prägten.

Auch den Hochschulen der Stadt gab Oser etwas mit: Die Freie Kunstakademie könnte einen Studiengang „Die Stadt als soziale Skulptur“ einrichten und so den Bezug zu Nürtingen, der Türk immer wichtig war, zu stärken. 

Die Integration der Kunst- und Theatertherapie in die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt hieß der Referent für gut, weil damit viele Chancen der Kooperation verbunden seien. Die Hochschule solle aber soziale Nachhaltigkeit, die sie mit der Kunsttherapie nun neben der ökonomischen und ökologischen auch abdecke, nicht als Reparaturleistung für Schäden verstehen, die eine unmenschliche Wirtschaft verursache. Vielmehr müsse es, so Oser, darum gehen, künstlerisch inspirierte Modelle einer dem Menschen und der Natur dienlichen Wirtschaft zu entwickeln. Um den Stellenwert der Kunst in der Hochschule angemessen zum Ausdruck zu bringen, sollte diese in Zukunft „Hochschule für Umwelt, Kunsttherapie und Wirtschaft heißen – oder kurz: HfUKW. 

Fotos: Swen Simon


 


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