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  Zukunftsfähiges NT
 
Wege zu einem gelingenden Aufwachsen - 25.6.2016
Gespräch mit dem Pädagogen und Buchautor Henning Köhler

 

(forumNT) Der Schulstadt Nürtingen steht es gut zu Gesicht, pädagogische Debatte zu führen. Deshalb hat die Netzwerkinitiative „Gelingendes Aufwachsen in Nürtingen“, die Teil des Forums zukunftsfähiges Nürtingen ist, Henning Köhler vom hiesigen Janusz Korczak-Institut für kommenden Donnerstag um 19.30 Uhr in die Alte Seegrasspinnerei zu einem Vortrag eingeladen. Er  wird darüber referieren, was Kindheit ausmacht, worunter Kinder in unserer Gesellschaft leiden und wie diesen Missständen abzuhelfen ist.

Thomas Oser: „Das Kind als fragendes, staunendes, forschendes, kommunikatives und gestaltungsorientiertes Wesen“, heißt es im Abstract zu Ihrem Vortrag. Ist das nicht eine zu romantische Sicht?

Henning Köhler: Ob zu romantisch, weiß ich nicht, aber romantisch … ja, sicher. Wenn mich jemand einen Kindheitsromantiker (oder auch Sozialromantiker) nennt, fasse ich das als Kompliment auf. Die Wendung „Pädagogik vom Kinde aus“ verdanken wir dem Neuromantiker Rainer Maria Rilke. Man muss bedenken: Die romantische Kindheitsidee brach mit dem Augustinischen Hirngespinst vom Erbsünde-kranken Kind. Augustinus behauptete, mit jedem Kind komme ein Keim des Bösen zur Welt, welcher ausgetilgt werden müsse. Gestalten wie  Comenius, Rousseau, Pestalozzi, Fröbel u.a. rechneten mit der religiös argumentierenden kinderfeindlichen Paranoia ab und versuchten – allerdings ohne großen Erfolg –, eine kopernikanische Wende des pädagogischen Denkens einzuleiten. Bei ihnen überkreuzte sich der anthropologische Optimismus idealistischer Prägung mit romantischen Motiven.

Wer gehört zu den fortschrittlichen Pädagogen und was zeichnet den Mainstream aus?

Fortschrittliche Pädagogik führt die Pestalozzianische Tradition weiter, in der z.B. Janusz Korczak, Rudolf Steiner oder Maria Montessori standen. Nicht zu vergessen die große Astrid Lindgren. Der Mainstream des pädagogischen Denkens ist bis heute augustinisch, wenn auch ohne Theologie. Vor allem in letzter Zeit kommt diese alte Obsession wieder stark auf. Denken Sie an das ganze Gerede von den Tyrannen-Kindern. Man kann aber anhand entwicklungspsychologischer Phänomene zeigen, dass tatsächlich jedes Kind primär ein fragendes, staunendes, forschendes, kommunikatives und gestaltungsorientiertes Wesen ist. Pädagogik sollte darin bestehen, diese wunderbaren Grundgesten zu affirmieren.
Womit haben die Kinder in unserer modernen Gesellschaft vor allem zu kämpfen?

Sie haben mit manchem zu kämpfen, was unter der Überschrift „Zivilisationseinflüsse“ oder „nachteilig veränderte Lebenswelten“ steht. Einiges hat sich übrigens auch verbessert in den letzten 50 Jahren. Das ist ein sehr komplexes Thema, ich komme im Vortrag und im philosophischen Café darauf zurück. Am meisten beunruhigt mich eine grassierende strukturelle und mentale Kinderfeindlichkeit, die als solche gar nicht kenntlich wird, weil man sie für den Gipfel der aufgeklärten pädagogischen Vernunft hält. Plakativ ausgedrückt: Kinder haben zu funktionieren. Anderenfalls werden „Maßnahmen“ eingeleitet. Maßnahmen gegen das Ärgernis des Nichtfunktionierens. Es gibt viele interessante Bezeichnungen für diese Maßnahmen: Fördermaßnahmen, Eingliederungshilfemaßnahmen, Maßnahmen „zur Automatisierung erwünschten Verhaltens“, wie es in einem Fachbuch heißt. Aber „Funktionieren ist ein anderes Wort für Totsein“ (Georg Seeßlen). Kinder spüren das.

Was brauchen Kinder im Gegensatz dazu?

Sie brauchen, um sich lebendig zu fühlen, viel Zeit zum Spielen. Es gibt nichts Nützlicheres für Kinder, als nutzlose Dinge zu tun. Ich meine: nutzlos nach den verqueren Maßstäben der Erwachsenenwelt. Man will „starke Kinder“: durchsetzungsstark,  diszipliniert, erfolgreich. „Kids fit machen“, lautet der dümmliche pädagogische Wahlspruch des beginnenden 21. Jahrhunderts. Fit für den kalten Wind, der ihnen um die Ohren blasen wird in unserer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. Nur erweist sich das leider immer häufiger als schwere Fehlkalkulation.  2015 erreichte die Verschreibungshäufigkeit von Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche in Deutschland einen neuen Höchststand. Der Hamburger Psychiater Michael Schule-Markworth schlug jüngst Alarm mit seinem Buch „Burnout-Kids“. Er stellt dem heutigen Schulsystem ein verheerendes Zeugnis aus. Beschuldigen wir nicht immer die Eltern. Sie stehen ja auch unter Druck.
Welches sind die tiefer liegenden Ursachen der Missstände?
Die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben u.a. dahin geführt, dass kein Verständnis für Kinder, philosophisch hochtrabend ausgedrückt: für den Seinsmodus der Kindlichkeit mehr vorhanden ist (nachdem sich das zwischen Mitte der 1960er und Anfang der 1980er Jahre etwas gebessert hatte). Kinder werden als „belieferungsbedürftige Mängelwesen“ wahrgenommen, wie es die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer ausdrückt. Neil Postman hatte recht, als er 1986 „das Verschwinden der Kindheit“ prognostizierte. Sie verschwindet als Qualität aus dem Bewusstseinshorizont einer immer größeren Anzahl von Menschen. Meines Erachtens zeigt sich darin ein Problem des Denkens, nämlich des vorherrschenden Welt- und Menschenbildes. Es gibt eine neue, mächtige säkulare Religion mit drei Göttern. Sie richtet kaum weniger Schaden an, als es herkömmliche Religionen getan haben und noch tun. Wir haben uns im Westen der Heiligen Dreifaltigkeit des neuen Biologismus, des Technizismus und des Ökonomismus ausgeliefert. Die Kindheitsidee hat in diesem Kontext keinen Platz.

Was bräuchte es für ein gelingendes Aufwachsen?

Kinder brauchen Freiheit, Liebe, Geborgenheit und, wo nötig, eine ruhige, sichere Führhand. Damit ist umrissen, was Pädagogik essentiell bedeutet. Alles andere muss demgegenüber zurücktreten. Ansonsten gilt ein Leitsatz Rudolf Steiners: „Es gibt drei wirksame Erziehungsmittel: Furcht, Ehrgeiz, Liebe. Wir verzichten auf die beiden ersten.“ Das richtige Maß an Grenzen und Regeln findet sich, wenn man den Vorsatz fasst, sie niemals lieblos zu ziehen bzw. aufzustellen – und nur wenn es wirklich erforderlich ist. Im Übrigen sagte ich ja schon: Kinder brauchen viel, viel Zeit zum Spielen. Zudem müssen wir über die Entfremdung von der Natur nachdenken. Das ist ein ganz konkretes Problem. Es geht zu Lasten der sensorischen Reifung. Hier sind natürlich auch die neuen Medien ein Thema.

Gibt es hoffnungsfroh stimmende Beispiele, Trends, Projekte?

Ja. Einige freie Schulen, Modellschulen, Alternativschulen – und Kindergärten – machen viel richtig. Sie versuchen, die engen Freiräume für wahre Pädagogik optimal zu nutzen. Reinhard Kahls Filme („Treibhäuser der Zukunft“) sind wirklich sehenswert und ermutigend. Aber wir müssten von den vereinheitlichenden staatlichen Vorschriften weg. In Deutschland auch von der Schulpflicht. Das ganze Post-PISA-Theater hat nur alles unnötig verschlimmert.

Wie schätzen Sie die Lage in Nürtingen ein?

Das entzieht sich meiner Detailkenntnis. Es gibt die Waldorfschule, den Waldorfkindergarten, einen Waldkindergarten. Keine dieser Einrichtungen hat mich je zu Rate gezogen. Ich hospitiere weiß Gott wo, berate Kollegien, begleite Gründungsinitiativen, nicht jedoch in meiner Heimatstadt. Aber ein Wort zur Lokalpolitik, ausgesprochen von einem blutigen politischen Laien: Der Philosoph und Architekt Marc Augé hat geschrieben, was uns heute fehle in den Städten, seien „Orte zum Verweilen“, gerade auch für Kinder. Unüberwachte und doch geschützte Orte, wo man durchatmen, zu sich finden, träumen, spielen, etwas Kreatives tun kann, allein oder mit anderen.

Zur Person:
Henning Köhler (geb. 1951) ist Heilpädagoge, Kinder- und Jugendtherapeut sowie Buchautor. 1986 gründete er das Janusz-Korczak-Institut, das heute seinen Sitz in Nürtingen hat. Er fühlt sich dem polnischen Pädagogen Janusz Korczak verpflichtet, der kompromisslos für das Kind Partei ergriff und deshalb letztlich 1942 in einem Konzentrationslager zu Tode kam.
Henning Köhler hält am Donnerstag, 30. Juni, um 19.30 Uhr im Innenhof der Alten Seegrasspinnerei den Vortrag mit dem Titel „Gelingendes Aufwachsen“. Am Sonntag, 10. Juli, ist er um 11 Uhr im philosophischen Café denk.art in der Seegrasspinnerei zu Gast und gibt dort Impulse zu einer „Philosophie der Kindheit“.



 


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