Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Kurznachrichten
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Veranstaltungstipp
Foto der Woche
EssBar
LesBar

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Reisen
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Was kochsch du?
Gabi Zapf (Roman)
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Zukunftsfähiges NT
 
„Unsere Sehnsucht nach Resonanz ist riesengroß“ - 3.5.2017
Im 21. Café denk.art ging es um die Beziehungen des Menschen zur Welt

 

(forumNT) Das Café denk.art am Sonntag nach Ostern zum Thema „Resonanz“ stieß auf eine ungemein große Resonanz: Fast siebzig Zuhörer füllten die Alte Seegrasspinnerei und folgten zunächst den Ausführungen des Nürtinger Philosophen Thomas Oser zur so genannten Resonanz-Theorie des Soziologen Hartmut Rosa.

Im Anschluss daran wurde im Plenum auch darüber diskutiert, ob diese eine Antwort auf die Frage zu bieten hat, warum uns der Klimawandel relativ kalt lässt. Dieses spezielle Thema war geboten, weil die 21. Auflage des Café denk.art im Rahmen der Nürtinger Energietage stattfand, die vom Klimaschutzmanager der Stadt veranstaltet wurden.

Zunächst würdigte und kritisierte Oser allerdings den Gesamtentwurf des Jenenser Soziologen: Dass Rosa mit seinem Thema einen zentralen Nerv unserer Zeit getroffen habe, beweise schon allein die Tatsache, dass sein gut 800 Seiten starkes Buch „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ von 2016 bereits fünf Mal aufgelegt wurde.

Dies sei, so Oser, kein Zufall, denn Resonanzerfahrungen, worunter positive  Beziehungserlebnisse zu verstehen seien, seien in unserer spätmodernen Welt mit ihren Optimierungszwängen und ihren beschleunigten Abläufen ein kostbares Gut: „Unsere Sehnsucht nach Resonanz ist riesengroß,“ sagte Oser.

Resonanz erführen wir beispielsweise, wenn unser Lächeln erwidert wird, wenn wir mit unserem Liebespartner in Gleichklang sind, wenn die Katze, die wir streicheln, anfängt zu schnurren, wenn wir ein Ding oder ein Kunstwerk schön finden. Resonanz sei aber, so Oser, nicht einfach nur ein angenehmes Gefühl, auch schmerzhafte Erfahrungen wie Trauer und die harsche Kritik eines Freundes fielen darunter. Entscheidend dafür, ob etwas resonant sei, sei der wirkliche Kontakt mit uns oder jemand anderem. 

Oser würdigte Rosas Konzept insofern, als in ihm unser Glück vor allem an der dialogischen  Beziehungsqualität unseres Lebens festgemacht würde und nur bis zum einem gewissen Grad an den uns verfügbaren Ressourcen. Davon ausgehend kritisiere Rosa gesellschaftliche Dynamiken wie den herrschenden Wachstumszwang und die damit einhergehende Beschleunigung, welche positive Beziehungserlebnisse behinderten oder gar verunmöglichten.

Rosa verbleibe aber, so Oser, nicht im Negative: Unsere spätmoderne Zeit sehe er nicht nur kritisch, sondern auch als eine, die mit einer neuen „Resonanzsensibilität“ einher gehe. In seiner Phänomenologie der Resonanzerfahrungen käme dann sogar ein ungebrochener utopischer Geist zum Ausdruck.

Oser hielt sich aber auch nicht mit Kritik an der so genannten Resonanz-Theorie zurück. Dass diese auf überaus wackligen Beine steht, führte der Nürtinger Physiker Alfred Dürr vor, indem er mit Hilfe von Versuchen mit Metronomen nachwies, dass der Soziologe Rosa nicht viel von den physikalischen Grundlagen des Phänomens verstehe. Oser bemängelte darüber hinaus, dass Rosa ein physikalisches Phänomen auf alle Lebensbereiche zu übertrage.

Auch Rosas Ausweg, Resonanz nur als eine Metapher zu verstehen, löse das Problem nicht – im Gegenteil: Seine Theorie stelle dann letztlich nichts anderes als eine einzige Suggestion dar, die alles erklären solle, letztlich aber gar nichts erkläre.

Höchst bedenklich sei zudem, dass die unmittelbare Erfahrung von Resonanz kein Kriterium dafür an die Hand gäbe, ob diese auch tatsächlich wünschenswert sei. Oser erläuterte dies unter anderem am Phänomen des Faschismus, der sich sehr gut darauf verstanden hätte, Resonanzräume zu schaffen. Um diese Praktiken wirklich zu kritisieren, bräuchte es differenzierte Kriterien, die sich nicht der unmittelbaren Erfahrung entnehmen ließen. Wie virulent dieses Thema aktuell sei, wurde deutlich, als ein Gast bemerkte, dass auch der Rechtspopulismus die Resonanzsehnsüchte der Bürger anspreche und damit relativ erfolgreich sei.

Rosa differenziere zwar an manchen Stellen den Resonanzbegriff, aber im Grunde wäre es besser, so Oser, er würde statt von einer Resonanz-Theorie von einer Philosophie dialogischer Beziehungen sprechen. Dies entspreche auch mehr Rosas Intention.

Etwas kurz bemessen war nach alldem der Austausch über Rosas Antworten auf die ökologische Krise. Der übermäßige Ressourcenverbrauch ist ihm zufolge Ausdruck davon, dass wir der Welt und der Natur weitgehend gleichgültig gegenüber stehen beziehungsweise dass diese uns gegenüber zu verstummen droht. Dies sei das Grundproblem, das es zu lösen gelte. Rein technische Lösungen wie Effizienzsteigerung oder „grünere“ Produkte führten dagegen allein nicht aus der Krise.

Auch ein erhöhtes Umweltbewusstsein allein würde nicht weiterhelfen: Eine Studie habe nämlich gezeigt, dass gerade umweltbewusste Menschen einen hohen ökologischen Fußabdruck hinterließen. Sie würden zwar „grüner“, aber dafür weitaus mehr konsumieren als beispielsweise ein Hartz-4-Empfänger.

Eine Besonderheit des Klimawandels sei es, so Oser, dass die Folgen unseres heutigen Lebensstils sich erst in dreißig Jahren auswirkten, uns fehle somit eine direkte Reaktion der Natur auf unser Tun. Zu diesem Aspekt verwies Oser auf Rosas Mahnung, wieder lebendige Beziehungen zu den nachfolgenden Generationen zu kultivieren wie dies in vor- und außermodernen Gesellschaften selbstverständlich sei.

Bamba und Charlott Amsberg umrahmten dieses Café denk.art mit zwei Pink-Floyd-Songs: Während das zu Anfang gesungene Lied „Comfortably Numb“ einen isolierten und abgestumpften Menschen beschreibt, kommt in dem Song „Eclipsed“ unser Verbundensein mit der Welt zum Ausdruck.

Zum nächsten Café denk.art über das politische Denken Hannah Arendts am 21. Mai haben das Forum zukunftsfähiges Nürtingen, das nn-institut und die Volkshochschule die Philosophin Christine Engel in die Alte Seegrasspinnerei eingeladen. 



 


Anzeigen




Impressum
© 2004-2017 Nürtinger STATTzeitung