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  Zukunftsfähiges NT
 
Geschichten aus dem Reich der Nachhaltigkeit - 1.7.2018
Harald Welzer referierte über das gute Leben in Zeiten des Wachstumszwanges

 

(forumNT) Beim Thema „Das gute Leben“ denken viele an die einschlägigen Glücksratgeber, in denen von Achtsamkeit, Entschleunigung, Mitgefühl und einigem mehr die Rede ist. In seinem Vortrag am vergangenen Donnerstag ging der Sozialpsychologe Harald Welzer über diesen individualistischen Blickwinkel hinaus und beleuchtete das Thema vor allem gesellschaftspolitisch. Der Vortrag, zu dem rund 170 Zuhörer in den kleinen Saal der Nürtinger Stadthalle K3N kamen, war eine Kooperation zwischen der Nürtinger Volkshochschule und dem Forum zukunftsfähiges Nürtingen.

Für die VHS bildetet dieser den Abschluss und Höhepunkt ihres Semesterschwerpunktes „Das gute Leben“ und für das Forum ist Welzer ohnehin ein wichtiger Inspirator. Inzwischen gilt er als eine Art  Popstar der Postwachstumsbewegung. So war den Welzers Vortrag auch in keiner Weise akademisch angestaubt, vielmehr redete er frei, locker, mitunter etwas zu flapsig - für das Publikum auf alle Fälle recht unterhaltsam.

Zunächst las Welzer aus seiner „täglichen Pflichtlektüre“, der Bild-Zeitung, vor und begründete dies damit, dass vor allem hier die herkömmlichen Geschichten über das gute Leben zu finden seien. Diese müsse man vor Augen haben, wenn man im Gegensatz dazu Geschichten über ein ökologisch eingefärbtes gute Leben erzählen wolle.

Der Bericht eines Bild-Redakteurs, der in fünf Tagen mit Billigfliegern rund um die Welt jettete und an jedem Ort, wo er für ein paar Stunden Halt machte, die herausragenden Sehenswürdigkeiten besuchte, war denn auch geeignet, die Kontrastfolie zu Welzers Sichtweise auf ein gutes Leben abzugeben.

Doch Welzer erhob nicht den mahnenden Zeigefinger – und zwar deshalb, weil er einen moralisierenden, gar apokalyptischen Ton für nicht für geeignet hält, die Sache der Nachhaltigkeit und Ökologie voranzubringen. Vielmehr sehe er seine Aufgabe darin, den Mainstream-Geschichten andere gegenüberzustellen, in denen ein nachhaltiges Leben nicht als Verzicht, sondern als Bereicherung und Erfüllung gezeichnet wird.

Damit drehte er die gewohnte Perspektive um: Werde mit einem ökologisch verantwortlich geführten Leben meist Einschränkung und Rückschritt verbunden, so führte Welzer umgekehrt vor Augen, auf was wir alle verzichten müssen, wenn wir beispielsweise in unseren Großstädten wie Stuttgart zwölf Prozent der Fläche parkenden Autos vorbehalten: Das gesamte Stadtleben leide darunter – nicht nur die Atemwege wegen des Feinstaubs, sondern auch die kommunikative Lebendigkeit, weil die Menschen nicht mehr an öffentlichen Plätzen sich begegnen würden. Hierzu merkte Welzer an, dass alle Revolutionen in der Geschichte von solch öffentlichen Plätzen ausgegangen seien.

Auch in einer anderen Hinsicht drehte Welzer den Spieß um: Wenn ökologisch bewussten Menschen vorgehalten würde, ihre Lebensweise würde nicht funktionieren, weil sie entweder in die Steinzeit zurückführe oder nicht konsequent durchzuhalten sei, so stellte Welzer dem Mainstream der Gesellschaft die Frage, warum er so gutgläubig an einem Experiment teilnehmen würde, das ganz sicher zum Scheitern verurteilt sei: Denn unendliches Wachstum sei in einer endlichen Welt schlichtweg nicht möglich.

Für Welzer sind Kennzeichen eines guten Lebens: persönliche und politische Freiheit, Sicherheit wie ihn ein Rechtsstaat gewährt sowie erfüllende persönliche Beziehungen zu anderen Menschen. Materieller Wohlstand gehört für Welzer nur insofern zu einem guten Leben, als er ökologisch vertretbar sei.

Insofern fördere unsere auf ein unendliches Wachstum ausgerichtete Politik nicht ein gutes Leben, sondern verhindere es letztendlich. Doch Welzer beließ es nicht bei dieser Kritik, vielmehr forderte er auch sein Nürtinger Publikum auf, zukünftig Geschichten zu erzählen, die ein anderes, ein nachhaltiges Leben zeigten. Welzer selbst tut dies mit den Publikationen seiner Stiftung Futerzwei, in denen vorbildliche nachhaltige Projekte vorgestellt werden. Damit diese aber nicht als vereinzelte Orchideen wahrgenommen würden, braucht es auch einer gesellschaftspolitischen Perspektive, die Welzer und seine Mitstreiter in seinem Futurzwei-Magazin entwickeln.

Fotos: Sven Simon

 

 

 


 


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