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Informationen über Roma - 20.6.2015
Veranstaltung von NFANT mit Jovica Arvanitelli vom hiesigen Landesverband des Verbands Deutscher Sinti und Roma

 
(mw) Bis auf den letzten Platz gefüllt war die Kulturkantine der Alten Seegrasspinnerei bei der vom Netzwerk Flüchtlingsarbeit Nürtingen (NFANT) ausgerichteten Veranstaltung. Viele Roma, vor allem aus den Flüchtlingsunterkünften, waren gekommen, aber auch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus Nürtingen und Umgebung. Aber auch generell Interessierte waren unter den Zuhörern. Jovica Arvanitelli informierte in Deutsch und mitunter in der Sprache Romanes über die Lebensituation und Geschichte deutscher Sinti und Roma, wie auch über die Situation in Ländern wie Mazedonien und beantwortete in einem weiteren Teil zahlreiche Fragen aus dem Publikum.
 
"Genau solche Vorträge sind das, was wir brauchen!", stellte eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin aus Nürtingen noch während der Veranstaltung in einem Redebeitrag fest. Der Referent wusste, wovon er spricht. Drei Jahre hat Jovica Arvanitelli selber in einem Flüchtlingsdorf gelebt. Auch in gelben Baucontainern. Jetzt ist er Leiter der Beratungsstelle für nicht deutsche Roma in Mannheim, wo der Sitz des "Verbands Deutscher Sinti und Roma Landesverband Baden-Württemberg" ist, bei dem er Vorstandsmitglied ist. Dort, wo er herstammt, im Kosovo, gab es in den 90er-Jahren einen "massiven antiziganistischen Pogrom gegen Roma", berichtete der hautnah Betroffene. "Dies war übrigens in allen Gegenden, in denen Roma lebten, auch in denen, die gar nicht mit dem Krieg zu tun haben", stellte Jovica Aravanitelli heraus. Nach der Flucht oder besser Vertreibung der Roma übernahmen Mitglieder der albanischen Bevölkerungsmehrheit deren Häuser, auch im Falle von Jovica Arvanitellis Familie. Die neuen Bewohner halten sich die rechtmäßigen Besitzer mit Waffengewalt vom Leib. Doch dies sei nur symptomatisch und ein Beispiel für die Westbalkanländer nach dem Schüren der ethnischen Spannungen. "Unter Tito waren die besten Zeiten für die Roma, viele durften studieren", reflektierte Jovica Arvanitelli nachdenklich. Auch als Kosovo bis ins Jahr 2008 noch von der UNO verwaltet wurde - genauer von der "United Nations Interim Administration Mission in Kosovo" (kurz UNMIK) - habe die UNMIK aus Deutschland abgeschobene Minderheitenangehörige, also Roma, Ashkali und Ägypter, postwendend nach Deutschland zurück geschickt, wegen der unhaltbaren humanitären Situation. Heute habe die UNMIK im unabhängigen Kosovo nichts mehr zu sagen, und Deutschland mit Kosovo ein Abkommen zur Rückübernahme schließen können.

Doch bevor er auf die Fluchtursachen kam, die Roma aus den Westbalkanländern wie Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo betrifft, gab der Referent grundlegende Informationen über Sinti und Roma, die in ihren Heimatländern historisch gewachsene Minderheiten bilden, so auch in Deutschland. Dort leben Sinti seit mehr als 600 Jahren - bevor es Deutschland überhaupt gab.

Er zeigte Beispiele des Antiziganismus auf, wie er sich zuhauf in der Kunst und in den Alltagsmedien ausbreitet. Dieser sei so groß, auch hier in Deutschland, dass sich Sinti und Roma mehrheitlich nicht outen - zu groß seien landauf, landab die Nachteile auf Grund der Vorurteile. Am Beispiel der bekannten Schlagersängerin Marianne Rosenberg, einer deutschen Sintezza, sehe man diese Furcht vor dem Nicht-Outen. Lange verschwieg sie auf Anraten ihres Managers und auf Wunsch ihres Vaters, dass sie einer Berliner Sintifamilie angehört. Erst spät, als ihre Karriere unangefochten und die Großfamilie einverstanden war, machte sie ihre Zugehörigkeit bewusst öffentlich. Wie sehr solche Vorurteile und Antiziganismen an den Haaren herbeigezogen sind, zeigte der Referent an den so genannten Gastarbeiter-Roma der 60er- und 70-Jahre auf, aus der Türkei, aus Griechenland, und aus dem damaligen Jugoslawien. In großem Anteil seien diese „Gastarbeiter“ Roma, wie der Leiter der Beratungsstelle klarstellte. Entgegen allen Klischees fassten diese unerkannt schnell Fuß. Sie hätten sich aber mehrheitlich nicht als Roma geoutet, und tun dies auch heute nicht, weil sie Nachteile aufgrund des Antiziganismus hätten. 
 
Im Jahr 1407 seien Sinti und Roma hierzulande, in Hildesheim, zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden. Bereits im Jahr 1724 seien beispielsweise in Bayreuth an einem Tag fünfzehn Sinti und Roma öffentlich gehängt worden, die als „Weibsbilder“ und „Zigeuner“ bezeichnet wurden, das jüngste Mädchen fünfzehn, die älteste Frau 98 Jahre alt, und zur weiteren Abschreckung hängen gelassen. Solche urkundlichen Zeugnisse zeigten das Grauen, das für Sinti und Roma in Auschwitz seinen fürchterlichen Höhepunkt fand. Positiv für die Bewusstseinsbildung sei in den 80er-Jahren der "Hungerstreik von 12 Sinti in Dachau" zu vermelden, und 1982 war auch das Gründungsjahr des "Zentralrats Deutscher Sinti und Roma", 1986 das des Landesverbandes Baden-Württemberg, als dessen Vertreter Jovica Arvanitelli fungierte.

Bildung stellte er als eine Schlüsselfunktion heraus. Dies erläuterte er am Beispiel der Sintezza Hildergard Lagrenne, einer "gebürtigen Mannheimerin", nach der eine Bildungsstiftung benannt wurde, die von Sinti und Roma gegründet wurde.
 
Der Referent zeigte danach Fotos von einer Fahrt nach Mazedonien. Dadurch lenkte er den Blick wieder auf die Herkunftsländer von Roma-Flüchtlingen. Wie selbstverständlich konnte die Delegation aus dem Bus heraus das Hakenkreuz an einer Hauswand fotografieren, und Männer, die stolz darauf waren. Ein Vertreter der Bevölkerungsmehrheit, von Beruf erfolgreicher Schrotthändler, verbrennt auf einem anderen Foto Plastik in Massen, die schweren schwarzen Giftwolken ziehen in die Shutka, einen offiziell "Šuto Orizari" genannten Vorort bei Skopje, in denen zehntausende Roma leben, von denen keine Zweitausend Arbeit haben, einem Ghetto für Roma. Wäre dieses Stadtviertel eines der Mehrheitsbevölkerung, hörte diese Belästigung schnell auf. Aber auf diese Weise atme die Bevölkerung halt das Gift und den Rauch ein, von Lobby keine Rede. Die politischen Verhältnisse in Mazedonien seien katastrophal. Regierungsgegner seien erst jüngst illegal abgehört worden, auch die Justiz und die Polizei sei in weiten Bereichen korrupt. Von Medienfreiheit und anständigen Wahlen könne keine Rede sein. Dennoch sei Mazedonien wie andere Westbalkanstaaten von unserer Regierung als so genanntes sicheres Herkunftsland eingestuft worden, um Flüchtlinge schneller und unkomplizierter ablehnen und abschieben zu können. Von Serbien erzählte Jovica Arvanitelli, dass dort Roma aus Registern ausgetragen werden. Auf diese Weise sei niemand mehr für sie zuständig. Was werde aus ihnen?
 
In der Fragerunde kamen vor allem Fragen von Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern auf. Oft waren sie an konkrete Ereignisse und Schicksale gebunden. Trauriges Resümee war, dass man ohne Anwalt leider nicht zu seinem Recht komme. Doch wovon sollen die betroffenen Flüchtlinge Anwälte zahlen? Hoffnungsvoll war das große Publikumsinteresse. "Jetzt ist mir so viel klarer geworden", sagte eine Helferin aus Köngen, die zwei Mal in der Woche Roma-Flüchtlingskindern Hausaufgabenhilfe gibt, am Schluss der Veranstaltung. 


 


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