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20 Jahre AK Asyl - 5.11.2006
Integrationspolitik vor Ort

 

(th) Den Festakt zu seinem 20. Geburtstag beging der Arbeitskreis Asyl im großen Rahmen in der Mörikehalle und belegte, dass er aus der Mitte der Gemeinschaft heraus sich um die kümmert, die an ihrem Rand anlegen.

Die Grußworte, Musik- und Theaterbeiträge verfolgten am 21. Oktober so viele eingeborene und zugewanderte Nürtinger Bürger, Kommunalpolitiker - allerdings keine Vertreter der Mehrheitsfraktionen im Gemeinderat CDU und Freie Wähler - und Repräsentanten sowie Gäste von außerhalb, dass die vorgesehen Bestuhlung ständig ergänzt werden musste. In Ihren Grußworten machten Ragini Wahl. Oberbürgermeister Heirich und Udo Dreutler vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg deutlich, dass sie die als Flüchtlinge gekommenen Mitbürger aus anderen Ländern als Bereicherung für die Stadt verstehen, erinnerten aber auch daran, dass viele nicht in Deutschland bleiben konnten und mit ungewissen Aussichten wieder in ihre Herkunftsländer geschickt wurden. Alle Redner setzten Hoffnungen in die diskutierte gesetzliche Altfallregelung, durch die Flüchtlinge, die bereits lange Zeit in Deutschland leben, ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten sollen. Ragini Wahl begrüßte die Resolution des Kirchheimer Gemeinderates für diese Regelung und Oberbürgermeister Heirich bekannte, dass er eine entsprechende Initiative in Nürtingen unterstützen würde (Ob der Mehrheit des Gemeinderates dieses Thema am Herzen liegt erscheint angesichts der Abwesenheit von Vertretern der größten Fraktionen im Gemeinderat aber fraglich, d. Säz.). Udo Dreutler gab allerdings zu Bedenken, dass von dieser Regelung junge Menschen aus Afghanistan oder dem Irak nicht erfasst werden, die man wieder in ihre Herkunftsländer schicken will mit dem Argument, sie würden dort für den Neuaufbau gebraucht.

Gerade die Beiträge von Flüchtlingen in Nürtingen verdeutlichten die Schwierigkeiten, denen sie bei der Aufnahme in einem anderen Land nicht nur durch komplizierte Verwaltungsverfahren, sondern schon durch die fremde Sprache und Alltagskultur gegenüberstehen. So berichtete Komi Avowlanou, der aus Togo stammt, über die Briefe, die er von offiziellen Stellen bekam, in denen er als Sehr geehrter Herr angesprochen wurde und die mit freundlichen Grüßen endeten. Er freute sich, dass er da wohl Freunde hatte. Nach einiger Zeit wunderte er sich aber, dass seine Freund nur Briefe schrieben und nie zu Besuch kamen. Als er mit diesen Briefen zum AK Asyl kam, war es höchste Zeit auf diese Briefe rechtlich zu reagieren.

Anlässlich des runden Jubiläums ist an der Evangelischen Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg eine Festschrift erarbeitet worden, die die Arbeit des Arbeitskreis Asyl in seinen vielen Facetten beleuchtet. Darin enthalten ist eine Auflistung der verschiedenen Aktivitäten, zu denen die Begleitung von Flüchtlingen im Asylverfahren, ihre Begleitung in persönlichen Krisen, finanzielle Einzelhilfe, Vermittlung und Unterstützung von Sprachkursen und die Förderung von Kinder-Ferienplätzen ebenso gehört, wie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (natürlich auch in der Nürtinger Stattzeitung) zu Integrationsfragen, zu Einzelfällen oder über Herkunftsländer. Die Beiträge über die Aufgaben des AK Asyl und die Erfahrungen von Flüchtlingen machen unter anderem deutlich, wie wichtig es für die Kontinuität und die Qualität dieser Integrationsarbeit es ist, dass sie über lange Zeit von einem festen Stamm von Mitarbeitern geprägt wird, wie besonders Ragini Wahl, deren Namen geradezu zum Synonym für den AK Asyl geworden ist. In der Festschrift schreibt sie „In all diesen Jahren war die Arbeit des AK Asyl immer tangiert von den gesellschaftlichen Entwicklungen, die oft genug sehr beunruhigend waren, Flüchtlinge verängstigten und einschüchterten und uns die Lobbyarbeit erschwerten: die hitzig geführten Debatten vor der Asylrechtsänderung 1993, die zahllosen Übergriffe auf ausländische Menschen, brennende Asylbewerberunterkünfte in den 90er Jahren und die fehlende Einsicht, dass wir längst ein Einwanderungsland geworden waren. Diese Entwicklungen hinterließen ihre Spuren. Hoffnungen für eine freundlichere Asylpolitik keimten bei uns mit der Debatte um ein neues Zuwanderungsgesetz ab Ende der 90er Jahre auf. Nachhaltige Verbesserungen stehen aber leider noch immer aus.“ In der Kombination von ehrenamtlicher Asylbewerberbegleitung durch den AK Asyl und hauptamtlicher Betreuung durch aus öffentlichen Mitteln bezahlte Sozialarbeiter haben die Ehrenamtlichen den Vorteil, ihr Anliegen freier bei Behördenvertretern vortragen zu können, während es in anderen Situationen sinnvoller sein kann, wenn sich Hauptamtliche für sie einsetzen. Für Uli Bürger, früher als Sozialarbeiter beim Deutschen Roten Kreuz zuständig für die Flüchtlinge in Nürtingen, regt die Zusammenarbeit von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräften auch die Reflektion über die eigene Tätigkeit an und die gesamte Arbeit wird dadurch menschlicher und offener gehalten und die erforderliche Sensibilität bleibt bei allen erhalten.

Auch durch die kontinuierliche Arbeit des AK Asyl sind in Nürtingen die Rahmenbedingungen für die Integration der Flüchtlinge insgesamt nicht schlecht. Die Frage ist aber auch, was machen die Flüchtlinge aus dieser Situation? Ein Teil weiß um die guten Bedingungen und nutzt sie. So entstehen zum Beispiel die Erfolgsgeschichten, wie die, die Beate Steinhilber in ihrer Laudatio skizziert hat von dem Kurden, der als junger Mann nach Nürtingen kam und inzwischen als selbstständiger Unternehmer Arbeitsplätze auch für andere Flüchtlinge bietet. Ein anderer Teil macht etwas aus den Möglichkeiten in Nürtingen bis ihm ein Fehltritt unterläuft und er die Folgen zu spüren bekommt und dann vielleicht abrutscht. Eine dritte Gruppe versucht sich hier ihre eigene Welt zu gestalten, sich einen Alltag zu träumen um zu überleben, was für uns Einheimische manchmal eine merkwürdige Welt ist, worin aber auch eine Kraft zur Veränderung enthalten ist, die wir auch positiv sehen können.

Nicht exemplarisch, sondern illustrierend sind die vier Porträts von Flüchtlingen in Nürtingen, die die Festschrift enthält. All diesen Geschichten gemeinsam ist die Bedeutung des Erlernens und der Vermittlung der deutschen Sprache als Basis der Integration. Da ist die Berufsschullehrerin aus Westafrika, die dort wegen ihrer politischen Arbeit eingesperrt worden war und sofort nach ihrer Freilassung aus dem Land geflohen ist, in dem sie ihre fünf Kinder zurücklassen musste. In Nürtingen musste sie zunächst Deutsch lernen und sich mit Sozialhilfe durchschlagen. Jetzt hofft sie auf einen Job als Putzfrau und hat nur per Telefon Kontakt zu ihren Kindern. Ein Angolaner hat, nachdem er die Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat, den Hauptschulabschluss gemacht, eine Bäckerlehre abgeschlossen und arbeitet nun in einer großen Bäckerei. Er sagt inzwischen von sich, dass er ein halber Deutscher geworden ist. Die Geschichte von Nadja zeigt, dass eine Verbesserung noch nicht Glück reicht. Die Protestantin ist aus dem Iran geflohen, fühlt sich aber auch in Deutschland eingeengt durch die Beschränkungen für Asylbewerber, die schwierige fremde Sprache und die Trennung von Familie und Freunden. Auf der Flucht vor Diktatur und Bürgerkrieg in ihrem Heimatland wurde die Familie von Serina aus Somalia jahrelang auseinandergerissen. Erst kamen zwei der Töchter nach Deutschland, nach einem Jahr gelangte sie selbst in die Bundesrepublik, während ihr Mann und die jüngste Tochter noch zurückblieben. Sie reisten schließlich nach Ägypten, von wo ihr Mann mit einem Boot das Mittelmeer überqueren wollte und seitdem verschollen ist. Erst nach Jahren gelang es schließlich die jüngste Tochter aus Kairo nach Deutschland zu holen. Nach diesen Erlebnissen ist es schön zu lesen, dass die Kinder sich in Nürtingen zu Hause fühlen und hier keinerlei negative Erfahrungen gemacht haben.

Der Arbeitskreis Asyl, der vor 20 Jahren als Initiative Nürtinger BürgerInnen gegründet wurde, ist inzwischen Teil eines vielfältigen Netzwerkes von Institutionen, die sich für BürgerInnen mit Flucht- und Migrationshintergrund einsetzen. Teil dieses Netzwerkes ist auch der Arbeitskreis Leben, mit dem der AK Asyl gemeinsam die Gruppe Karibuni (das Swahili-Wort bedeutet „Willkommen, komm herein“) gegründet hat, in der Ehrenamtliche Flüchtlingen helfen die Erfahrungen von Krieg, Folter, Verfolgung, Misshandlungen und Flucht zu bearbeiten, die mit einer Aufenthaltsgenehmigung ja nicht ausgelöscht werden.

 


 


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