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  Kommunalpolitik
 
Keiner will die FKN aus Nürtingen herausekeln! - 24.11.2010
Idee für Weinerlebnisland am Neckar

 

„Keiner will die FKN aus Nürtingen herausekeln!“, so Oberbürgermeister Otmar Heirich zu Beginn der Gemeinderatssitzung als Einleitung zur Präsentation der Herren Arne Schumacher und Roland Hannemann. Diese stellten mit Powerpointfolien ihren Traum vor: ein Weinerlebnisland, kurz WEL, soll in der Fabrik und Villa Melchior an der Neckarstraße entstehen.

Das Gebäude in der Neckarstraße 11 ist seit der Instandbesetzung durch die Freie Kunstschule (heute: –akademie) Nürtingen (FKN) vor 33 Jahren nicht mehr nennenswert renoviert worden. Die Freie Kunstakademie hat in den letzten Jahren in die Innensanierung investiert mit der Zusicherung, dass die Stadt eine einfache Dachsanierung vornimmt. Bei einer Besichtigung wurde jedoch klar, dass der Sanierungsbedarf so groß ist, dass er den Stadtsäckel in dieser schwierigen Zeit sprengen würde. Also wurde nach Alternativen gesucht. Was man nicht reparieren kann, kann man ja verkaufen, hat sich OB Otmar Heirich wirtschaftlich richtig gedacht und bevollmächtigt gefühlt, mit einer Gruppe von Interessenten Kontakt aufzunehmen.

Für das Weinerlebnisland gibt es hier eine Durchgangsstraße, einen pittoresken Neckar und ein Ambiente, das sich mit 3 Millionen Euro sanieren lässt. 500 Gäste sollen täglich aus einem Einzugsgebiet mit 2,5 Millionen Einwohnern angelockt werden. Nürtingen profitiere ganz klar von dieser Investition – nicht nur weil die Stadt dann ein sanierungsbedürftiges Gebäude los ist. Ziel sei es, kunden- und serviceorientiert hochwertigen Wein mit fachgerechter Beratung anzubieten. Dazu brauche es ein ansprechendes Ambiente, Anreize zum Bummeln, die das Einkaufen zum Erlebnis machen. Alle Sinne sollen angesprochen werden. Eine Weinakademie, die Angebotsvielfalt und Schwerpunktthemen lassen zusammen eine Magnetwirkung entstehen. Das Betreibermodell sieht vor, 40 bis 60 Weingüter mit 1200 Weinen, vor allem „deutsch national“, in einem Shop-in-Shop-System zu vermarkten. Weinnahe Angebote wie Käse, Gläser und Deko für die Gastronomie ergänzen die Weinshops. Eine Gastronomie mit nationalen Gerichten und eine Weinstube, Kulturevents und Veranstaltungen an jedem Wochenende (!) sollen das Angebot ergänzen. Das Konzept ist tatsächlich einzigartig und noch nie dagewesen - doch ist es auch überall zu verwirklichen.
Die Präsentation endete mit dem Satz „Nürtingen braucht kein Weinerlebnisland – aber ein Weinerlebnisland ist ein Zugpferd“, der Peter Rauscher (Nürtinger Liste / Grüne) am besten gefiel.

Die Wirkung auf die Innenstadt war eine Frage die Helmut Nauendorf (Freie Wähler) und auch andere sehr interessierte. Arne Schumacher und Roland Hannemann konnten sie nicht ganz überzeugen, dass sich von den an der Durchfahrt gehinderten Autofahrern und Besuchern des WEL einige über den Neckar in die Innenstadt wagen. Dieter Braunmüller (Nürtinger Liste / Grüne) wies auf Studien hin, die belegen, dass Frequenzbringer wie ein WEL in die Innenstadt gehörten, weil „cash&carry“-Einrichtungen auf der grünen Wiese zum „Drumrumfahren“ verleiteten und die Innenstädte ausbluten lassen. Achim Maier (Junge Bürger) schlug die Nürtinger Kelter – das äußere Werkhaus, in dem zur Zeit Ateliers untergebracht sind und das auch sehr sanierungsbedürftig ist - als alternativen Standort vor. Doch die WEL-Betreiber sagten eindeutig, dass ihnen nur der Standort am Neckar auf Grund seiner Lage sinnvoll erscheint. Sie machten auch keinen Hehl daraus, dass Endlosdiskussionen sie von der Investition in Nürtingen abhalten und Plan B in einer anderen Stadt verfolgen lassen werde.

Knapp schrammte die Diskussion an einer Kulturdebatte vorbei, da die WEL Kultur als Deko für ihre Geschäftsidee und einen wichtigen Kooperationspunkt ansahen, sich aber nicht näher festlegen wollten. Der Hölderlingarten solle aufgewertet und die denkmalgeschützten Gebäude liebevoll und detailliert saniert werden. Jedoch soll auch ein Gebäude zur Straße hin ergänzt und ein Zelt für Weinlager auf dem Grundstück Neckarstraße 9 aufgebaut werden.

Kritik an der Geschäftsidee von Schumacher und Hannemann hatte seinen Ursprung nicht nur an Zweifeln, ob diese „funktioniert“ (reichen die Parkplätze für die 500 Besucher, die jeweils 2 Stunden flanieren und degustieren sollen?) und ob der gewünschte Effekt für Nürtingens Innenstadt erreicht wird, sondern war ein Ergebnis des unglücklichen Verfahrens, das der Oberbürgermeister mit dem Ältestenrat beschlossen hatte. Nicht nur Thaddäus Kunzmann (CDU) und Achim Maier wiesen darauf hin, dass zuerst über den Verbleib der FKN und ein Konzept für die gesamte Situation an der Neckarstraße hätte entschieden werden müssen und dann erst Gespräche mit potentiellen Investoren und damit ein Ausschreibungsverfahren in die Wege geleitet werden könne. Auch die FKN müsse das Recht haben, sich in diesem Gremium darzustellen, zumal sie mit einem neuen Konzept und einem neuen Führungsteam aufwartet. „Gleiches Recht für alle“ so Reinmar Wipper (Nürtinger Liste / Grüne). Die Weinerlebnislandträumer täten ihm richtig leid, dass sie so zwischen die Fronten geraten und einer Situation ausgesetzt sind, in der Kommerz und Kultur scheinbar gegeneinander ausgespielt werden – wie Hans-Wolfgang Wetzel (SPD) mit Bezug auf zahlreiche Leserbriefe und die Stellungnahme der Kulturschaffenden in Nürtingen anmerkte. Er verwahrte sich dagegen und fühlte sich ungerecht behandelt, denn es gehe hier keinesfalls um entweder das eine oder das andere. Ein WEL und auch vor allem die Kunstschulen seien ein Alleinstellungsmerkmal (ein Wort das ziemlich oft verwendet wurde an diesem Abend). Auch Dr. Otto Unger (Freie Wähler) verwies auf das Erbe der Schul- und Hochschulstadt Nürtingen, das es zu erhalten gelte – wenn auch nicht unbedingt an diesem Standort.

Hans-Wolfgang Wetzel verwies auf das Datum der Sitzung, den 9.11., und verglich die Situation mit Ulbrichts Satz “niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“ und versicherte sich selbst, dem Gemeinderat und den zahlreichen Zuhörern aus der Kulturszene „niemand hat die Absicht die FKN aus Nürtingen heraus zu drängen“ – eine Äußerung, die mit viel Gelächter quittiert wurde, denn wie jeder weiß verwirklichte Ulbricht glatt das Gegenteil von dem was er versicherte.

Oberbürgermeister Otmar Heirich schloss die Debatte mit den Worten, dass die Kunstakademie in Nürtingen bleiben solle und sie in den Ausschüssen Gelegenheit bekomme, ihr neues Konzept darzustellen, um daraufhin gemeinsam einen geeigneten Ersatzstandort zu suchen. In der Gemeinderatssitzung im Dezember soll dann entschieden werden.

Kommentar:
Gleiches Recht für alle – gleiche Bedürfnisse für alle:
Bei einer Präsentation der FKN, zu der auch die Gemeinderäte eingeladen waren und nur sehr spärlich kamen, hat die FKN sehr deutlich gemacht, warum das Ambiente für sie so wichtig ist. Was die Investoren so reizt an diesem Gelände ist auch das Flair, das die Kunstschule für ein anregendes Lernklima braucht. Dies lässt sich nicht so leicht ersetzen. In der Suche nach einer Lösung ist mehr Fantasie verlangt als einen Ersatzstandort zu suchen. Vielleicht lässt sich ja auch vor Ort etwas finden, wenn man bestimmte Parameter verändert, z.B. mehr Zeit, mehr Eigenleistung usw. Auch die FKN hat einen Plan B – in Fellbach.

Die FKN darf sich im Kulturausschuss und im Verwaltungsausschuss darstellen – und hoffentlich dann auch im Gemeinderat, wie es dem WEL erlaubt war. Auch das neue Beteiligungsinstrument der Foren, das seit neuestem in der Gemeindeordnung verankert ist, sollte genutzt werden. Das Kulturforum hat dazu eigens einen Sprecher gewählt, der den Ausschüssen beratend zur Seite stehen kann. 

Julia Rieger


 


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