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  Kommunalpolitik
 
Vertreter der Firma und der Stadtverwaltung setzten sich für Boss-Planung ein - 25.4.2008
OB: Künftig keine neuen Bauflächen

 

(th) Nachdem die Verwaltung und der Gemeinderat sich in den vergangenen Wochen bereits zum Teil nichtöffentlich mit der Ansiedlung eines Distributionszentrums der Firma Boss auf dem Großen Forst beschäftigt hatten, wurde am vergangenen Montag auch die Öffentlichkeit durch eine Bürgerversammlung in die Beratung einbezogen. Der große Saal der Stadthalle konnte die Menge interessierter Bürgerinnen und Bürger an diesem Montagabend nicht fassen. Stattdessen mussten viele Besucher die Diskussion im kleinen Saal als Übertragung verfolgen.

Nach seiner Begrüßung erinnerte Oberbürgermeister Heirich an die Planungsgeschichte des Gewerbegebietes Großer Forst. Er würde die Ansiedlung von Boss an dieser Stelle begrüßen, da der Betrieb nur geringe Emissionen verursachen, aber zahlreiche Arbeitsplätze schaffen und Gewerbesteuer in sechsstelliger Höhe zahlen würde. Eine andere Fläche, als der Große Forst stehe dafür nicht zur Verfügung, da von den nicht bereits bebauten Flächen mindestens 50 % in irgendeiner Weise unter Schutz stünden. Dies habe Nürtingen kürzlich auch eine Auszeichnung eingebracht.

Architekt Kai Bierich vom Büro Wulf und Partner stellte in blumiger Architektenprosa das bauliche Konzept für das Distributionszentrum vor. Er räumte ein, dass ein Gebäude von zunächst 160 x 180 m und im Endausbau 300 x 180 m mit einer Höhe von 15 bis 20 m in der Landschaft sichtbar sein wird. Als Referenz für seine Gestaltungsüberlegungen zog er unter anderem einen Steinbruch heran, der trotz seiner Größe durch die Oberflächenstruktur der Felsen gegliedert wird. So war er mit seinem Entwurf bestrebt, den Baukörper durch horizontale Differenzierung zu unterteilen und dem Gebäude eine hochwertige Fassade als Kleid sowie extensive Dachbegrünung als Hut anzuziehen. Das Ergebnis dieser „ganz neuen Architektursprache“, fand er, sieht aus, wie ein „aufgeblasener Heuschober“.

Bevor die anwesenden Bürgerinnen und Bürger Gelegenheit bekamen ihre Ansichten und Fragen zu dem Projekt zu äußern, übergaben Vertreter der Schutzgemeinschaft Großer Forst dem Oberbürgermeister über 5000 Unterschriften gegen eine Bebauung der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Regine Glück von der Schutzgemeinschaft bezeichnete diese Unterschriften als ein deutliches Meinungsbild von Nürtingern und Besuchern aus umliegenden Gemeinden. Wenn es für ein Bürgerbegehren erforderlich ist, werde die Schutzgemeinschaft neue Unterschriften sammeln. Sie begrüßte die Gelegenheit zur Diskussion des Vorhabens an diesem Abend und wünschte sich eine Erörterung ohne persönliche Angriffe auf die eine oder andere Seite.

Diesem Wunsch schlossen sich der Oberbürgermeister und der Moderator der anschließenden Diskussionsrunden, Klaus Fischer, an. Bei den folgenden Redebeiträgen aus dem Publikum überwogen die kritischen Äußerungen: in 25 Wortmeldungen sahen nur 3 Bürger das Projekt positiv. Von den Kritikern wurde gegen die Bebauung im Allgemeinen eingewandt, dass die Entwicklung der Lebensmittelpreise in jüngster Zeit zeige, wie wichtig die Erhaltung hochwertiger landwirtschaftlicher Flächen sei. Einer der betroffenen Landwirte empfahl den Gemeinderäten am Tag der Entscheidung über das Projekt ohne Frühstück zur Arbeit zu gehen, auf das Mittagessen und Zwischenmahlzeiten zu verzichten und dann am Abend auf ihren Bauch zu hören.

Dazu sagte Oberbürgermeister Heirich, dass für die kommenden Generationen eine intakte Umwelt genauso wichtig sei, wie Arbeitsplätze. Nach seinen Worten soll dies tatsächlich das letzte neue Gewerbegebiet in Nürtingen sein. Im kommenden Flächennutzungsplan sollen keine weiteren Bauflächen mehr ausgewiesen werden. Durch die Ausbringung des hochwertigen Bodens von den Bauflächen auf geringwertigere landwirtschaftliche Flächen soll dort die Produktivität verbessert werden.

Dem konkreten Vorhaben wurde zum Beispiel entgegengehalten, dass dem Finanzinvestor Permira als Mehrheitsaktionär von Boss nicht zu trauen sei, wie die Durchsetzung einer Sonderdividende zu Lasten der Eigenkapitalquote der Firma zeige, es sei zu erwarten, dass der Modekonzern in einigen Jahren gewinnbringend aufgeteilt und verkauft werde. Außerdem benötige ein Lager- und Versandzentrum nicht so viele Arbeitsplätze, wie angekündigt.

Ralf Schneider, Direktor für Logistik bei Boss, hatte schon in seinem Eingangsstatement die Investitionen, die seine Firma in das Distributionszentrum für Hängewaren in Metzingen steckt, als Beleg dafür angeführt, dass Permira am Erfolg von Boss interessiert sei. Zum einen wird demnächst eine zusätzliche Kinder-Bekleidungs-Linie gestartet, zum anderen verkauft die Firma immer mehr Produkte in eigenen Hugo Boss-Shops, für die die Auszeichnung und Sicherung übernommen werden müsse. Er geht in der ersten Ausbauphase von 400 Arbeitsplätzen in Nürtingen aus. Der Qualitätsanspruch von Boss erfordere es, dass die Waren für die einzelnen Wiederverkaufsstellen nicht maschinell zusammengestellt, sondern sorgfältig von Hand verpackt werden.

Weitere Einwände bezogen sich darauf, dass die großflächige Versiegelung zu Problemen bei der Ableitung des Niederschlagswassers führe, das bisher auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen versickern könne. Hans Schussmann, der das Projekt bei Boss managt erläuterte, dass Niederschlagswasser zu einem großen Teil auf dem begrünten Dach zurückgehalten und dann kontrolliert über den Seebach in den Neckar geleitet würde. Ein sachkundiger Vertreter des BUND bezweifelte allerdings, dass der Seebach dafür ausreiche. Otmar Braune hielt den Vertretern der Firma vor, dass der Betrieb den Strombedarf von ganz Nürtingen um 20 % im ersten Bauabschnitt und um 40 % im Endausbau erhöhe, was für Hans Schussmann nur eine lösbare Versorgungsfrage ist. Andere Bürger wiesen darauf hin, dass zum Beispiel in Laichingen großflächige Gewerbebrachen zur Verfügung stünden, deren Nutzung nicht zu einem weiteren Landschaftsverbrauch führen würden. Dort seien aber die Gebäude nicht für das geplante Distributionszentrum geeignet, wie Ralf Schneider erklärte.

In zahlreichen Beiträgen wurde auch das Vorgehen von Oberbürgermeister Heirich kritisiert, der weder den Gemeinderat noch die Öffentlichkeit unverzüglich über die Hintergründe des Projektes informiert habe, sondern vertraulich mit Boss verhandelt habe und auch im Gemeinderat durch nichtöffentliche Beratungen die Einbeziehung der Bürgerschafft verhindere. Dies widerspreche dem Profil der bürgerorientierten Stadt.

Kommentar
Trotz großer Aufregung bei Kritikern wie Befürwortern des Distributionszentrums im Großen Forst über das Projekt bzw. über die Kritik daran, waren die meisten Ausführungen in der Stadthalle von sachlichen Argumenten geprägt, auch wenn die nicht jeder hören wollte. Es gab keine Handgreiflichkeiten und auch die mitgebrachten Protestschilder wurden kaum eingesetzt. Wenn Oberbürgermeister Heirich Umwelt und Arbeitsplätze als gleichwertig ansieht, dann zeigt er damit rhetorisch Verständnis für die Kritiker des Vorhabens, legt aber auch geschickt nahe, dass man das eine ohne Nachteil gegen das andere austauschen kann. An dieser Möglichkeit und der Notwendigkeit zweifeln aber die Kritiker. Wenn in brachgefallene Gewerbeflächen in Laichingen nur die noch vorhandenen Gebäude einer Neubebauung im Wege stehen, dann sollte das aus regionalplanerischer Sicht mit dem Ziel des Flächenrecyclings doch genauer geprüft werden, auch wenn der Stadt Nürtingen damit Gewerbesteuer und Arbeitsplätze entgingen. Manche Befürchtungen der Kritiker kann erst die Zeit belegen oder widerlegen – wenn man denn das Risiko eingehen will.

Thomas Hauptmann


 


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