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  Kommunalpolitik
 
Maientagsrede 2008 der Landjugend - 7.6.2008

 

(mai) Mit Spannung wurde dieses Jahr die Rede der Landjugend bei der Brotübergabe am Maientag erwartet. In feierlichem Rahmen standen sich betroffene Gegner und Befürworter des geplanten Gewerbegebietes Großer Forst gegenüber.

Bei der traditionellen "Brotübergabe" übergibt die Landjugend dem Stadtoberhaupt einen Korb mit Brot und Wein und seiner Gattin einen Strauß Wiesenblumen - auf dass immer "Brot und Wein" in der Stadt und die Stadt vor Unheil bewahrt sei. Außerdem führt sie den Festzug durch die Stadt Nürtingen an und trägt volkstümliche Tänze vor.

Traditionell bekommt der Oberbürgermeister Einheimisches. Weil der Nürtinger Landwirtschaft der Verlust besten Ackerlandes droht, bekam er dieses Jahr einen kleinen Korb mit einem abgepackten Beef, einer Flasche Südafrikanischen Wein und ein abgepacktes, kleines, vorgeschnittenes Reisbrot, als Symbol für die weiter fortschreitende Flächenversiegelung in Deutschland. Die Frau des Oberbürgermeisters erhielt einen Strauß Vergissmeinnicht, als Erinnerung, dass es nicht selbstverständlich ist, jeden Tag ausreichend essen und trinken zu können.

Nicht alle Nürtinger konnten bei der Brotübergabe anwesend sein, deshalb veröffentlichen wir hier die Rede der Landjugend in ungekürzter Fassung:

Brotübergabe der Landjugend Nürtingen
Maientagsrede 2008
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Heirich,
sehr geehrte Frau Heirich, sehr geehrte Damen und Herren des Stadtrats und der Verwaltung, liebe Mitwirkende und Gäste des Maientags der Stadt Nürtingen.
Traditionell stehen wir hier vor dem Stadtoberhaupt der Stadt Nürtingen zur Brotübergabe. Traditionell - Wir haben uns dieses Jahr etwas mit dem Begriff der Tradition beschäftigt, was es bedeutet. Im eigentlichen Wortsinn vom lateinischen "tradere" ist es die Überlieferung, die Weitergabe von Handlungsmustern, von Überzeugungen und Bräuchen. Tradition ist in dieser Hinsicht das kulturelle Erbe, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Es basiert auf Wissen, Können und Erfahrungen und moralischen Regeln. Der Begriff Tradition bedeutet auch, dass es einen Ursprung hat. Damit wird deutlich, dass die Botschaft, der Wunsch und die Hoffnung dass immer Brot und Wein in der Stadt Nürtingen sei, nicht zu allen Zeiten eine Selbstverständlichkeit war, sondern dass Hunger und Durst schon zu großer Not bei den Bürgern in der Stadt Nürtingen geführt hat.
Kaum jemand von den Teilnehmern am Maientag heute wird die Situation Hunger kennen. Das unterscheidet uns von etwa 1/7 der Weltbevölkerung, knapp 1 Milliarde Menschen, die an Hunger leiden. Täglich sterben 20.000 Menschen daran, überwiegend Kinder. Wir werden diese Problematik in Nürtingen, in der Region und in Deutschland nicht allein lösen können – aber wir tragen Mitverantwortung und könnten dazu beitragen, sie nicht weiter zu verstärken. Denn nur auf fruchtbarem Boden können Lebensmittel erzeugt werden. Täglich in Deutschland über 100 ha bzw. allein in Baden-Württemberg 9 ha, fast ausnahmslos Ackerland, eine Fläche von 14 Fußballfeldern jeden Tag, der Lebensmittelerzeugung auf Dauer zu entziehen, halten wir für uns Alle und besonders für die nach uns kommenden Generationen nicht mehr für verantwortbar.
Ein Umdenken scheint hier dringend erforderlich. Und so wie wir eingangs die Tradition wahrgenommen haben, so ist es die Verpflichtung der Bauernfamilien, Böden fruchtbar zu erhalten um Sie an die nächste Generation weitergeben zu können. Die Welt wächst zusammen, und es macht uns Sorge, dass der Kampf um Nahrungsmittel und Energie nach Einschätzung vieler hochrangiger und wesentlich gebildeteren Persönlichkeiten als unsereins, eine große Bedrohung für den Weltfrieden darstellt.
Aktuelle Situationen wie derzeit bei Schweinefleisch und geringfügig zu viel Milch am Markt haben kurzfristig massive Auswirkungen auf die Preise, der gesamte Trend geht jedoch beim Bedarf stetig nach oben. Wie gnadenlos dies auch auf uns Auswirkungen hat, ist an den Energiepreisen und der Abhängigkeit bereits heute deutlich zu spüren.
Auch Tradition ist, weil es einem die Erfahrung und die Kenntnis lehrt, dass Arbeit und Bildung Grundvoraussetzungen für das Leben sind. Bildung nicht nur, weil sie die Grundlage für das Miteinander ist, so wie es Georg Wilhelm Friederich Hegel, ein Studienkollege und Zimmergenosse Hölderlins beschrieben hat:
"Bildung ist das Vermögen, Dinge vom Standpunkt eines anderen aus betrachten zu können". Bildung ist die Grundlage für ein Bestehen im Leben, für sich und für Andere zu sorgen. Und Arbeit ist die Grundlage für Einkommen, für Familie, für sozialen Frieden und für Menschlichkeit.
Keiner will und niemand sollte Güter wie Freiheit, Familie, Frieden, Essen, Arbeit oder Gesundheit gegeneinander Aufwiegen oder Abgrenzen. Die jeweilige Möglichkeit, wie möglichst vieles davon sinnvoll und vor allem nachhaltig umgesetzt werden kann, ist die sicherlich schwierige, aber gemeinsam auch möglich zu lösende Anforderung an unsere jetzige Zeit. Um deutlich zu machen, dass Lebensmittel heute wirklich knapp sind, und längst nicht mehr eine Frage der mangelnden Verteilung, sondern eine Frage der notwendigen Kaufkraft, haben wir heute ein Reisbrot – war jüngst selbst im Wohlstandsland USA rationiert, argentinisches Rindfleisch – die Präsidentin Kirchner dort hatte die Ausfuhr wegen mangelnder Eigenversorgung mit Strafzoll belegt, und einen südafrikanischen Wein.
Die Blumen, es sind Vergissmeinnicht, sollen ein Zeichen sein dass man sich daran erinnert dass es eben keine Selbstverständlichkeit ist jeden Tag ausreichend Essen und Trinken zu können und dies nur durch Landbewirtschaftung ermöglicht wird. Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Heirich, wir übergeben Ihnen hiermit diesen Korb mit der Hoffnung für die Stadt Nürtingen und ihre Bürger, dass sie vor Katastrophen bewahrt wird, Frieden herrscht und dass immer ausreichend Essen und Trinken in der Stadt sei. Wir wünschen dem Maientag einen guten Verlauf und Allen, insbesondere den Kindern, viel Freude.
Danke


 


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