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  Umwelt
 
25 Jahre nach Tschernobyl - Erste Erfahrungen zu Fukushima - 29.11.2011
Professor Lengfelder: „Unglaublich – aber wahr!“

 

(mw) Inwieweit kann man 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl verlässliche Aussagen über Folgen – vor allem gesundheitlicher Art – machen? Kann man schon etwas zu den Auswirkungen von Fukushima sagen? Dass dies geht, dass dies trotz aller profunder Wissensgrundlage verständlich geht, und dass aber mehrere offizielle Stellungnahmen auf unglaubliche Weise verharmlosen oder gar unwahr sind, das bewies Prof. Lengfelder in der Kreuzkirche in Nürtingen, wo er nach seinem faktenreichen Vortrag lange Zeit viele Fragen beantwortete.

Auf Einladung der Nürtinger Regionalgruppe der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW ) und des Arbeitskreises Friedenswochen war Professor Lengfelder nach Nürtingen gekommen. Der emeritierte Strahlenbiologe der Uni München gilt als profunder Kenner solcher Strahlenfolgen und vor allem als jemand, der die Wahrheit nicht verschweigt und auch nachweisbar dokumentierte Desinformationen aufzeigt, ohne aber zu überzeichnen. Außerdem setzt er sich massiv und konkret für Strahlenopfer ein. Prof. Lengfelder war inzwischen mehr als 150 mal in der Katastrophenregion, vor allem in Belarus (Weißrussland), das mit einem Fallout von 70 Prozent des radioaktiven Materials am stärksten verstrahlt wurde, da Tschernobyl, das in der Ukraine lokalisiert ist, nahe an der Grenze zu Weißrussland liegt und zur Zeit der Havarie vorwiegend nordöstliche Luftströmung herrschte. Seit 1990 erforscht er die gesundheitlichen Folgen des Fallouts und im selben Jahr hat er das unabhängige, ausschließlich über Spenden finanzierte „Otto Hug Strahleninstitut“ gegründet, das er auch heute noch leitet. Der Zweck dieses Instituts ist es, Strahlenopfern medizinische und humanitäre Hilfe zu leisten. So hat er neben anderen Hilfsprogrammen für Strahlenopfer eine in Gomel in Weißrussland eine komplette Diagnostik- und Therapieeinheit für Schilddrüsenerkrankungen eingerichtet, und versorgt sie seither mit dem nötigen Material und Fachwissen.

„In einer Demokratie ist es notwendig, dass der Bürger etwas Wahres erfahren kann!“

„Es wird kein lustiger Abend“, so leitete Dr. Lengfelder in der voll besetzten Kreuzkirche in das Thema ein. Die mediale Berichterstattung mit Fakten über Fukushima – man hört derzeit ja wenig darüber – erinnert bei uns an die Berichterstattung zu den Folgen über Tschernobyl damals. Doch „gerade in einer Demokratie“ sei „es notwendig, dass der Bürger etwas Wahres erfahren kann“. Bereits bei der Vorstellung solider Daten zu Tschernobyl waren die Zuhörer sehr erstaunt, denn sie wussten beispielsweise nicht, dass es auch in Tschernobyl ein Erdbeben gegeben hatte, 20 Sekunden vor der Havarie. Es hatte sich nicht um ein Experiment gehandelt, wie am häufigsten behauptet wird und nicht um eine Fehlbedienung. Gerne wird nach einem Störfall anderswo auf modernere Standards im Lande verweisen. Vor einem Erdbeben seien wir auch nicht gefeit. Auch in Basel hat es im Mittelalter durchaus ein gewaltiges Erdbeben gegeben, das einen Großteil der Stadt zerstört hat. Was würde dies für Biblis bedeuten? Überhaupt folgen Flüsse meist tektonischen Störungen, und an Flüssen sind die Atomkraftwerke meist angesiedelt, wegen des Kühlwassers. Weiter dürfe man nicht übersehen, dass auch weit außerhalb der Sperrkreise und Evakuierungszonen um havarierte Kraftwerke wegen der inhomogenen Verteilung des Fallouts Unheil geschehe. 2800 km von Tschernobyl entfernt haben zigtausende von Renen und Schafen notgeschlachtet werden müssen. In 3000 km Entfernung, in Südbayern, gebe es sowohl Gebiete, die nicht belastet sind, und Gebiete, die belastet sind. Die Entfernung sage nichts aus über die Betroffenheit. Sogar in ein- und demselben Landkreis, in Miesbach, gebe es in der südlichen Hälfte Pilze mit 10- 15.000 Becquerel, das sei Sondermüll, im Norden dieses Landkreises nicht. Dies erkläre sich zum größten Teil durch Regenfälle, die die Radioaktivität in ganz bestimmten Regionen aus der Luft gewaschen haben. „Nicht nur die radioaktive Wolke“ sei „entscheidend, sondern: Wie ist der Wind? Wo regnet es?“ Als Bevölkerung müsse man sich daher darauf verlassen können, dass die Regierung, sprich die Behörden, die Bürger, für deren Wohl sie zu sorgen hätten, mit einer zuverlässigen und wahrheitsgemäßen Informationspolitik informieren, vor allem darüber: Wo wehen die radioaktiven Wolken hin? Wie lange weht es? Wo liegen die belasteten Zonen?, und dies mit qualifizierten Landkarten, die immer wieder aktualisiert werden. Aber schon die Begriffe GAU und Super-GAU bringen Politiker durcheinander, ein GAU sei – griffig gesagt - ein Unfall, von dem die Betreiber ausgehen, dass er passiert, und ein Super-GAU das, was darüber hinausgehe.

Fakten und Desinformationen

Die Totgeburtenrate weicht in Ländern im Osten Europas ab 1986 deutlich von der normalen Rate ab. In Weißrussland waren bereits Ende 1990 Schilddrüsenkarzinome bei Kindern 30-fach höher als insgesamt in den 10 Jahren vor Tschernobyl. Das alles kann man exakt diagnostizieren und perfekt zu 100 Prozent nachweisen. Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Vereinten Nationen (UNO), habe unwahre Behauptungen der „Internationalen Atomenergie-Organisation“ (IAEO) zu Tschernobylfolgen nicht korrigiert, sondern oft sogar übernommen. Hintergrund sei ein Vertrag, der die Interessen der IAEA schütze und „gewisse Einschränkungen zur Wahrung vertraulicher Informationen“ erlaube. Die Weltöffentlichkeit werde von der IAEA, und der UNO mit WHO, die deren Duktus übernähmen, belogen. So vermelde die UNO, dass es keinen signifikanten Anstieg bei der Schilddrüsenkrebsrate gebe. Auch in Bayern gibt es – so Lengfelder – eine deutliche Erhöhung der Schilddrüsenkrebsrate. Aber viele Kliniken seien nicht bereit gewesen, dem Otto Hug Institut ihre Zahlen hierzu zu geben. Sie hätten offensichtlich Angst vor Politikern gehabt, die auf den Etat und Angelegenheiten von Klinken Einfluss nehmen können. 1991 ließ der Weltkongress der IAEA in Wien im Namen der UNO verlauten: „... aber es gab keine Gesundheitsstörungen, die direkt ... zugeordnet werden können“. „Das ist unglaublich, aber wahr!“ kommentiere Dr. Lengfelder. Er fragte dann: „Wer hat von solchen Aussagen einen Nutzen?“, und machte auf Verstrickungen zum Beispiel der USA aufmerksam, die sich vor lange schon schwebenden Schadensersatzklagen von durch Radiojod verstrahlten US-Bürgern in zig Milliardenhöhe schütze, das in einem illegalen Experiment in Harford absichtlich abgeblasen worden war.
Weiter sage auch die deutsche Katastrophenschutzpolitik, dass ab einem Alter von 45 Jahren Jodtabletten als Schutz vor verstrahlten Jodpartikeln, die sich nach einer Reaktorkatastrophe massiv in der Schilddrüse anreichern, nichts mehr nützen. Doch Untersuchungen zeigen, dass der Schilddrüsenkrebs in Weißrussland bei Erwachsenen über 45 Jahren zwischen 1976 bis 2000 stark anstieg, eine Folge der früheren Verstrahlung. Warum macht die Katastrophenschutzpolitik dann solche Aussagen? Erwerb und Bevorratung solcher Jodtabletten erzeugen Kosten. Ob diese in erforderlicher Menge an ihren drei Orten gelagert werden, stellte Lengfelder in Frage. Auf alle Fälle seien sie „niemals rechtzeitig da“. Besser sei es, sie im Hause vorrätig zu haben. „Informationen werden systematisch weggedrückt“, doch mehr noch: Prof. Jacoby, ein langjähriges Mitglied der Strahlenschutzkommission (SSK), die das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) in allen Angelegenheiten des Schutzes vor ionisierenden und nicht-ionisierenden Strahlen berät, habe im Bayerischen Fernsehen 1986 gesagt: „Wer an Krebs durch Tschernobyl stirbt, stirbt schon nicht mehr an anderen Ursachen, denn sterben müssen wir alle“.

Fukushima – „Nicht einmal die Sowjets haben ihre Bevölkerung derartig belogen!“

Tschernobyl war von der Sowjetunion nach dem Super-GAU von Anfang an als Stufe 7
der „Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse“ (INES) gemeldet worden. Aber wie war dies in Japan gehandhabt worden, dieses Jahr? Obwohl bereits an 3 Reaktoren ein Super-GAU eingetreten war, obwohl an Fotos erkennbar war, dass sie nur noch einen Haufen Schrott darstellten, brachten die japanische Regierung die Meldung, dass sie sich derzeit bemühen, die Pumpen wieder zum Laufen zu bringen, die Blöcke wieder an das Stromnetz anzuschließen und die  japanische Atomaufsichtsbehörde stufte Fukushima zunächst als Stufe 4 der INES-Skala ein, das „Institute for Science and International Security (ISIS) dann auf Stufe 6. Erst spät kam es zur Einstufung in die Höchststufe 7 („katastrophaler Unfall“), also so hoch wie die Katastrophe von Tschernobyl. Auch sei die Bevölkerung so gut wie nicht informiert worden. Der größte Teil der Strahlung sei anfangs in den Pazifik geraten, doch dann habe der Wind gedreht, und auch in einem 600 km von Fukushima entfernten Gebiet konnte man 250 Mikrosievert pro Stunde messen. Bei einem solchen Wert müsste man diese Gegend sofort evakuieren, so Lengfelder. Die Evakuierungszone wurde aber schließlich auf einen Radius von 30 km begrenzt. Die „Japanese Nuclear Safety Commission“ ließ am 8. Augúst 2011 über die Belastung einer Zone von 20 km oder mehr vermelden: „Observations ... found relatively higher dose rates locally. They however do not reach the level that might affect people’s health“. Letzte Woche habe man radioaktives Xenon nachgewiesen. Das bedeute, dass die Kernschmelze noch im Gange sei, der radioaktive Prozess noch nicht zu Ende sei. Auch sei der Grenzwert für Kinder einfach heraufgesetzt worden auf 20 Mikrosievert pro Jahr. Ebenso die Grenzwerte für Nahrungsmittel. In der Sowjetunion war damals die Stadt Prypjat mit ihren 45.000 Bewohnern in 3 Stunden evakuiert worden, die Bürger seien in Unterkünfte mit normalen Betten und Küche in einem relativ sauberen Gebiet untergebracht worden. Auch heute seien im reichen Japan Tausende in Turnhallen untergebracht: „Das ist eine Schande!“ Vor allem aber haben Bürger wie gesagt ein Recht auf eine zuverlässige und wahrheitsgemäße Informationspolitik. „Nicht einmal die Sowjets haben vor 25 Jahren ihre Bevölkerung nach dem Super-GAU von Tschernobyl ihre Bevölkerung derartig belogen“, so Lengfelder.


 


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