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  Umwelt
 
Agrarökologische Aspekte der Welternährung - 3.7.2012
wenig ermutigend

 

(th) Professor Andreas Bürkert, Leiter des Fachgebiets „Ökologischer Pflanzenbau und Agrarökosystem- forschung in den Tropen und Subtropen“ an der Universität Kassel-Witzenhausen zeigte zu Beginn des dritten Vortrags der Reihe über die Anforderungen der Welternährung in kurzen Stichworten die Rahmenbedingungen der heutigen Ernährungssituation und Nahrungsmittel- erzeugung auf: durchschnittlich zunehmender Wohlstand, weiterhin bestehender Hunger, Klimaveränderung, Artensterben, Naturkatastrophen. Zur Ausgangssituation gehört auch, dass in Nordamerika und Europa eher gute und in Afrika und Südamerika eher schlechte Böden verbreitet sind. Trotzdem müssten bis zum Jahr 2050 80 bis 120 % mehr Nahrungsmittel erzeugt werden, um dem Bevölkerungswachstum und dem Trend zu mehr Fleischverzehr insbesondere in den sich entwickelnden Ländern zu genügen.

Steigende Kosten

Die steigende Nachfrage auf dem Nahrungsmittelmarkt führt durch die markteigenen Mechanismen zu Preissteigerungen und macht Nahrungsmittel zu interessanten Objekten der Spekulation, was zu einer weiteren Steigerung der Preise führt.

Klassische Lösungsansätze

Möglichkeiten zur Ausweitung der Anbauflächen gibt es unter anderem in Sibirien, wo auch durch den Einfluss der globalen Erwärmung extensive Weideflächen auf bisherigen Permafrostböden umgepflügt und zum Weizenanbau genutzt werden könnten. Die Folgen wären aber auch eine zusätzliche Freisetzung von Kohlendioxid, das zum Klimawandel beiträgt. In Afrika könnten hingegen Feuchtsavannen trockengelegt und für den Getreideanbau genutzt werden. Da viele dieser Flächen aber als Schutzgebiete für Vögel und andere Tierarten dienen, würde das zu einer weiteren Reduzierung der Tierwelt führen. China hat seine Ernährungsprobleme zum Teil dadurch gelöst, dass es Wüstenflächen mit fossilem Grundwasser bewässert, das nicht durch aktuelle Niederschläge, sondern vor Tausenden von Jahren entstanden ist, und so immerhin 300 bis 400 Millionen Menschen versorgt. Das wird aber nur noch etwa 10 Jahre lang möglich sein und danach muss die Nahrung für diese Menschen woanders her kommen.

Die Befürworter der Gentechnik argumentieren unter anderem, dass man Reis so verändern könne, dass er auch Vitamin A enthalte (Golden Rice), das in seinem Verbreitungsgebiet eher mangelhaft vertreten ist. Andreas Bürkert hielt dem entgegen, dass andere gentechnische Veränderungen von Reissorten dem Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln dienen und dadurch verhindern, dass Unkräuter, die wie hierzulande Brennnesseln, Löwenzahn und Co. durchaus essbar und relativ vitaminreich sind, verwertet werden können.

Alternativen

Damit kam Andreas Bürkert zu aussichtsreicheren Ansätzen der Verbesserung der Nahrungsmittelproduktion. So könne man in trockenen Gebieten mit sparsamer Tröpfchenbewässerung erfolgreich Sanddorn anbauen, dessen Beeren nur zum Teil direkt verzehrt werden, sondern auch weiterverarbeitet und dann gehandelt werden, wodurch Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten entstehen. Ebenso könne der Einsatz von Stickstoffdünger optimiert werden, der nicht nach dem Motto ‚viel hilft viel‘, sondern wohl dosiert zur richtigen Zeit angewandt werden sollte. Eine hochproduktive Bodennutzung stelle auch die städtische Landwirtschaft dar, die in sich entwickelnden Ländern oft von Landwirten betrieben wird, die von sich verschlechternden Anbaubedingungen in die Städte vertrieben wurden. Dabei hat die begrüßenswerte Umwandlung von städtischen Reststoffen in Nahrungsmittel auch problematische Aspekte: Ziegen, die organische Abfälle und Papier fressen, nehmen dabei oft auch Plastik auf, das ihnen schadet; zur Düngung und Bewässerung genutztes Abwasser beherbergt Koli-Bakterien, die nur bei gründlicher Reinigung der produzierten Lebensmittel unproblematisch sind. Durch Pflanzenanbau und Tierhaltung auf städtischen Brachflächen können zum Beispiel Schwermetalle, die als Altlasten im Boden schlummern, in die Nahrungskette gelangen.

Kommentar

Andreas Bürkert skizzierte große Herausforderungen für die künftige Nahrungsmittelproduktion, zeigte die Schattenseiten traditioneller Lösungsangebote (zusätzliche Anbauflächen, Gentechnik) auf, stellte Alternativen mit geringem Wirkungsgrad vor und hatte keine Perspektive, wie die Welternährung sichergestellt werden könnte.

(Thomas Hauptmann)

Diskussion

Im Gespräch mit den trotz dem iberischen EM-Halbfinalspiel zahlreichen Zuhörern nicht nur aus der Studentenschaft verwarf Andreas Bürkert die Verbreitung der vegetarischen Ernährung zur Reduzierung des Nahrungsmittelbedarfs als geeigneten Lösungsansatz, da er dafür restriktive Maßnahmen für notwendig hielt, die einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung widersprächen.

Die ökologische Landwirtschaft bietet nach seinen Kenntnissen keine Möglichkeit, die gesamte Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren, insbesondere wegen fehlender Pflanzennährstoffe. Studien mit anderslautenden Ergebnissen seien nicht zutreffend. Ökologische Landwirtschaft sei hingegen ein geeignetes Mittel, um die landwirtschaftliche Wertschöpfung und damit die Einkommenssituation zu verbessern.

Auf die Frage, ob mit dem Verbrauch der Erdölreserven nicht auch ein Ende der Kunstdüngerproduktion verbunden sei, antwortete Andreas Bürkert, dass Stickstoff gegebenenfalls durch den Anbau von Leguminosen aus der Luft gewonnen werden müsse. Zur Phosphatversorgung plädierte er für die Verwendung von Klärschlamm als Düngemittel, was auf Grund von Schwermetallbelastungen und Arzneimittelresten in Deutschland eingestellt wurde.

Für die zukünftige Entwicklung erwartet er einerseits, dass die Weltbevölkerung nicht in dem Maß anwächst, wie prognostiziert, dass vermehrt Meeresalgen und industrielle Photosynthese die landwirtschaftliche Produktion ergänzen, dass neben der konventionellen Landwirtschaft die ökologische Landwirtschaft eine größere Rolle spielt und außer Nahrungsmitteln vermehrt auch Agrarrohstoffe wie (Textil-) Fasern und Energiepflanzen produziert werden.


 


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