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  Umwelt
 
Klima-Café kratzt an den Pforten der Philosophie - 21.4.2016
Für tiefer gehende Diskussion fehlte die Zeit

 

(th) Die diesjährigen Nürtinger Energietage begannen am Wochenende mit einem philosophischen Klima-Café unter Leitung von Thomas Oser. Der neue Nürtinger Klimaschutzmanager Thomas Kleiser betonte in seiner Begrüßung, dass Klimaschutz mehr als die Energiewende von fossiler zu regenerativer Energieerzeugung ist und freute sich auf eine nicht nur technische sondern auch philosophische Behandlung des Themas.

Thomas Oser eröffnete das Gespräch mit einem Witz für Klimaschützer: Treffen sich zwei Planeten. Der eine meint: „Du siehst aber schlecht aus.“ Und der andere sagt „Ja, ich habe homo sapiens.“ Da tröstet ihn sein Kollege „das geht vorbei.“ Für den Philososphen geht es beim Thema Klimaschutz daher um die Frage, ob der Mensch als Lebewesen verschwindet oder ob er aufhört eine Belastung für die Erde zu sein. „Was ist nötig, damit wir nicht nur überleben, sondern auch gut leben? Kann die Begrenzung des Klimawandels eine Chance für den Lebenswandel sein?“

Warum sind wir so gelassen?

Bevor diese Fragen erörtert werden konnten, präsentierten Otmar Braune und Sven Simon von der BUND-Gruppe Fakten und Konzepte. Otmar Braune stellte in seinem Impulsreferat ausführlich den aktuellen Stand dar. Dass der Klimawandel schon begonnen hat, belegte er mit der Häufung von milden Wintern in den vergangenen 25 Jahren und erinnerte an das Hagelunwetter im Sommer 2013. Er fragte sich, warum die Menschheit angesichts dessen noch so gelassen ist. Offenbar fiele es schwer, konsequent Gegenmaßnahmen zu ergreifen, weil
• der Klimawandel auch durch Emissionen der Vergangenheit verursacht wird und daher keine unmittelbaren Verbesserungen erzielt werden können,
• jeder meint, dass erstmal andere etwas tun sollten (die Amerikaner, die Chinesen), weil sonst das eigene Handeln wirkungslos sei,
• die Folgen des Klimawandels die schwächeren Länder stärker trifft, als die Länder, die die meisten Klimagase emittieren,
• es natürlich unterschiedliche Interessen gibt
• und weil es für Politiker kein gutes Wahlkampfthema ist
Mit dem vehementen Einwurf, dass die Darstellung gar nicht auf das Thema Atomkraft eingehe, machte Alfred Dürr zumindest deutlich, dass der Klimaschutz zudem nur eines von verschiedenen Themen des Umweltschutzes ist, die Veränderungen erfordern und komplex miteinander verflochten sind.
Immerhin haben sich 2015 auf der Klimakonferenz in Paris 195 Staaten auf das Ziel geeinigt, den zu erwartenden globalen Temperaturanstieg unter 2 °, möglichst nur bei 1,5 ° zu halten. Aber es gibt noch keinen Masterplan, wie das erreicht werden soll. Immerhin würde das bedeuten, dass jeder Mensch pro Jahr noch 2,7 Tonnen Kohlendioxidausstoß verursachen dürfte, anstatt zur Zeit in Deutschland 11 Tonnen.
Otmar Braune machte deutlich, dass es dafür nicht ausreicht, Energie aus regenerativen Quellen zu gewinnen. Nach dem Postwachstumsökonomen Niko Paech sei es außerdem nötig, den Konsum auf unsere Bedürfnisse zu reduzieren, anstatt ihn entsprechend dem Angebot zu steigern. Dafür würde weniger Arbeit erforderlich sein und auch weniger Arbeit nachgefragt. Die freie Zeit könnte man für Aufgaben zur Eigenversorgung im Garten, für Reparaturen, für handwerkliche Arbeiten sowie zur Betreuung und Pflege von Mitmenschen nutzen. Außerdem müsste die Regionalökonomie gestärkt und die Industrie entsprechend umstrukturiert werden. Otmar Braune vermutete aber, dass die heutigen Politiker auf eine Verringerung des Konsums sofort panisch mit einem Konjunkturprogramm zur Ankurbelung des Wachstums reagieren würden.

Veränderungen müssen den Menschen ergreifen

Sven Simon griff den Faden auf und zeigte am Beispiel der Mobilität, dass die als Schlüssel zum Klimaschutz gepriesene technische Entkopplung von Leistung und Kohlendioxidausstoß nicht zum Ziel führen werde. Autos bräuchten heute zwar weniger Kraftstoff als früher, aber der Kraftstoffverbrauch pro Einwohner steige trotzdem, weil die Leute größere Autos kauften und damit mehr Kilometer zurücklegten. Auch er plädierte daher dafür, bei den Menschen anzusetzen, die andere Werte schätzen und sich anders verhalten müssten.

Die anschließenden Beiträge aus dem gut zwanzigköpfigen Publikum demonstrierten die Vielfalt der individuellen Blickpunkte. Der Gewerkschafter Helmut Hartmann meinte, man könnte nur dann genügsam sein, wenn man ein ordentliches Einkommen habe. Pit Lohse von der Alten Seegrasspinnerei hielt dagegen, dass materieller Wohlstand keine sichere Voraussetzung für ein glückliches Leben ist. Anderen war es wichtig, mehr Fantasie und Kunst ins Leben zu bringen. An den Pforten der Philosophie kratzten die Einwände, dass man in einer freien Gesellschaft niemandem vorschreiben könne, wie viel er oder sie (ver)brauchen dürfe. Einen Schlusspunkt setzte der Hinweis, dass Änderung von Einstellungen oft durch einschneidende Erlebnisse bewirkt würden, aber auch durch gute Vorbilder, die wir alle sein könnten.

Meinung

Das Klima-Café bot viele interessante Anregungen, konnte die Erwartungen einer philosophischen Erörterung aber nicht erfüllen. Zunächst nahmen die Impulsvorträge mit den Reaktionen darauf bereits mehr als die Hälfte der zur Verfügung stehenden Zeit ein, obwohl sie doch nur Anregungen für das anschließende Gespräch liefern sollten. Die Diskussion des Publikums hätte in dieser Weise auch nach jeder anderen Veranstaltung der Energiewoche stattfinden können. Aber es fehlte die Zeit, um nach der Darlegung eigener Positionen zu den Sinnfragen der Philosophie zu kommen, die dahinter aufblitzten: was ist ein gutes Leben, wenn es nicht in maximalem Konsum besteht? Gibt es Grenzen für die Freiheit?

Thomas Hauptmann


 


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