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  Umwelt
 
Peter Scharfenberger hat einen Traum - 6.7.2016
Streuobstwiesen sollen Weltkulturerbe werden

  (th) STTZ Herr Scharfenberger, warum engagieren Sie sich für die Streuobstlandschaft?
PS Ich bin Baumpfleger und ich fühle mich sehr wohl in dieser Landschaft. Es ist eine sehr menschliche Landschaft. Sie wurde vom Menschen 2000 Jahre lang intensiv geprägt seit sie von einer ursprünglichen Waldlandschaft zu einer gemischten Kulturlandschaft umgewandelt wurde.

STTZ Und nun wollen Sie, dass die Streuobstwiesen als Weltkulturerbe anerkannt werden?
PS Angefangen hat das mit einem Arbeitsunfall: Ich hatte mir in die Hand gesägt, kam ins Krankenhaus und lag da ein paar Tage. Dort hatte ich die Vision von den Fetzen des ehemals dichten Streuobstteppichs, die mein Herz ergriffen hat.
Es geht um die gesamte Streuobstlandschaft mit den Wiesen und den Siedlungen, die ganz wichtig sind dafür. Die Streuobstwiesen sind als Obst-Gürtel um Siedlungen herum angelegt worden. In der gemischten Landwirtschaft wurden die Streuobstwiesen mehrfunktionell genutzt. Die Baumsphäre liefert die Früchte, auf den Wiesen darunter wurde das Vieh gehalten und die Erde wurde als Äckerle oder als Gärtle genutzt. Diese gemischte Landwirtschaft war lange Zeit die Landwirtschaft schlechthin. Es gibt schöne Darstellungen von Nürtingen aus dem 18. Jahrhundert, die diese Gliederung der Landschaft sehr gut zeigen. Man kann das auch heute noch in diesem mittleren Neckarraum ganz gut erkennen. Und es geht nicht nur um Baden-Württemberg, da die Streuobstlandschaft über viele Jahrhunderte der gängige Obstbau nördlich der Alpen gewesen ist. Sicherlich ließen schon die Römer um ihre Kastelle und um die villae rusticae, die Versorgungsbauernhöfe, Obst anbauen, was dann von den Klöstern, später von städtischen und stadtnahen Gemeinschaften, Bürger und schließlich der Landwirtschaft übernommen wurde. Diese Art des Obstbaues gibt es im nördlichen Mitteleuropa in etwa zehn Ländern: Deutschland mit den größten zusammenhängenden Beständen in Baden-Württemberg, Österreich, wo er stark zurückgegangen ist, die Schweiz, Frankreich im Elsaß und an der Atlantikküste – Calvados – wo Streuobstbau sehr stark vertreten ist und sehr berühmte Produkte hervorbringt, England, das viel Streuobst hatte, wo es komplett runtergehauen wurde und jetzt intensiv aufgebaut wird, Polen, Tschechien, die Slowakei, Rumänien und sogar Südnorwegen.

STTZ Wie soll die Streuobstlandschaft in all diesen Ländern auf die UNESCO-Liste kommen?
PS Es soll ein serieller Antrag gestellt werden für ein grenzübergreifendes materielles kulturlandschaftliches Weltkulturerbe, das noch betrieben wird mit den dazugehörenden alltagskulturellen Wirkungen. So wie bei uns im Herbst die Leute mit ihren Anhängerle rauskutschieren, ihre Äpfel auflesen und zum Mosten oder zum Brennen bringen. Die einzelnen Nationen, die an dem Antrag teilnehmen möchten, sollen für ihr Land das Verfahren in Gang setzen. Wenn die Verfahren eine bestimmte Reife erreicht haben und die Anträge auf den Tentativlisten (Vorschlagslisten) der einzelnen Länder stehen, können die Anträge zu einem Sammelantrag zusammengefasst werden, bei dem eines der Länder die Anführerschaft übernimmt und ihn an die UNESCO übergibt. Die lässt den Antrag prüfen und dann gibt es vielleicht irgendwann eine Urkundenübergabe.

STTZ Gibt es bereits eine räumliche oder inhaltliche Abgrenzung, was dazugehören soll?
PS In Baden-Württemberg könnten 5.000 bis 10.000 ha mit zugeordneten Pufferzonen als Weltkulturerbe ausgewiesen werden - also 5 - 10 % des gesamten Bestandes, die besonders wertvoll, besonders kernig sind, wo überwiegend Hochstammbäume sind, wo das Wegesystem und der Siedlungszusammenhang noch so gegeben sind, wie sie mal gedacht waren. Das ist so meine Idee, aber im Einzelnen muss das von Fachleuten definiert werden. Das traue ich mir nicht zu. Daher gibt es den Freundeskreis Weltkulturerbe Streuobstlandschaft Europa, ein loser Zusammenschluss von ca. 30 Personen, von denen ein Drittel aus dem wissenschaftlichen Bereich kommen, ein Drittel sind Praktiker und der Rest sind Kulturinteressierte.

STTZ Die Aufgabe der Initiative ist also nicht, den Antrag zu formulieren, sondern den Prozess anzustoßen, dass das Land sich dieser Aufgabe stellt und die notwendigen Grundlagen erarbeitet, einen Antrag stellt und mit anderen Ländern kooperiert?
PS Genau. Es muss eine Art Aufsatz geschrieben werden, in dem dieses Teile von Europa umfassende Projekt in der Grundzügen skizziert wird, der der entsprechenden Stelle des Landes Baden-Württemberg in diesem Herbst vorgelegt werden sollte. Das Land müsste das dann prüfen - das müsste sicherlich auch zwischen den Regierungspartnern diskutiert werden - und setzt dann hoffentlich das Verfahren und das damit zusammenhängende Forschungsprojekt in Gang. Ziel wäre zunächst, den baden-württembergischen Antrag auf die deutsche Tentativliste zu bringen. Mein Part ist es, die Vision vom Weltkulturerbe in Form der „Proklamation für die Streuobstlandschaften Europas“ in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich hab sowas ja nicht gelernt – Kampagne machen. Aber ich habe ohne jede Scheu große Tiere angesprochen, wie die Direktorin des UNESCO-Welterbezentrums, Frau Mechthild Rössler, oder Klaus Kinkel, den ehemaligen Außenminister.
Ich habe mir auch Gedanken gemacht, wie man dieses komplexe Wissen zusammenführen kann. Man muss in den beteiligten Ländern eine kulturhistorische Arbeit schreiben, die versucht, den Zeitraum von 2000 Jahren zu beschreiben. Das ist ein großer Zeitraum, man hat mehrere Länder, man muss sich in dieses UNESCO-Verfahren einklinken und die gemeinsamen Eigenschaften herausarbeiten. Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Streuobstbau in Tschechien, England, Frankreich, Baden-Württemberg/Deutschland, sondern er hat gemeinsame Merkmale sowohl vom zeitlichen Ablauf, von der Technologie, von den natürlichen Grundlagen und von soziologischen Aspekten her. Das sind etwa ein halbes Dutzend großer Wissensgebiete, die Aussagen zu den Grundlagen treffen müssen. Die verschiedenen Wissensgebiete in den verschiedenen Ländern sollten weitgehend das gleiche Grundmuster verwenden, so dass die Wissenschaftler ohne große Schwierigkeiten miteinander kooperieren können und dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammen kommen kann. Ich betrachte das wie einen Wurm mit verschiedenen Segmenten, die Querschnittsuntersuchungen zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung darstellen, in denen beschrieben wird, was sagt die Geologie, was sagt die Biologie, was sagt die Sozialwissenschaft, was sagt die Wirtschaftswissenschaft (in dem Modell werden die beteiligten Wissenschaften durch die verschiedenen Farben der einzelnen Elemente repräsentiert). So entsteht ein kulturlandschaftlicher Wissenswurm, der auch eine Entwicklung der verschiedenen Wissensaspekte durch die Zeit darstellt. Wenn dieses Modell der Wissensorganisation von den Tschechen, den Deutschen, den Österreichern, den Engländern etc. berücksichtigt würde, käme da eine gewisse Ordnung rein. Aus den verschiedenen regionalen Wissenswürmern entstehen schließlich Wissenssäulen, auf denen der gemeinsame Antrag für die UNESCO ruht.
Das ist mein Beitrag: der Anstoß, die ersten Kontakte und der Nürtinger Wissenswurm

STTZ Geht es um Anerkennung für die Schaffung und den Erhalt der Kulturlandschaft, den Schutz vor Veränderungen und/oder Unterstützung für die weitere Bewirtschaftung?
PS Erstens ist es eine Würdigung der kulturellen Leistung von all denen, die bisher daran gearbeitet haben. Schutzbestimmungen bestehen in Bezug auf Streuobst in unserer Landschaft zuhauf und es geht weniger darum zusätzliche Schutzbestimmungen zu erlassen. In den meisten Fällen geht es nur darum, dass der Staat stärker darauf achtet, dass die Schutzbestimmungen tatsächlich eingehalten werden. Beim Erhalt des Kulturerbes muss auch die Dynamik dieser Landschaft erhalten bleiben, die zum Kulturgut dazugehört. Da kann es sein, dass sich ehemals gute Obstbaumlagen verändern und keine guten Lagen mehr sind. Wenn zum Beispiel der Wald, der daneben wächst inzwischen 30 m hoch ist, dann hat die Streuobstwiese durch die Beschattung eine schlechte Lage. Die UNESCO will kein Museum, sondern ein Nutzungskonzept, das einen längerfristigen Erhalt gewährleistet. Die UNESCO fordert als integralen Bestandteil des Antragsformulars einen sehr gediegenen Managementplan, der auch in einem nachgeordneten Monitoringverfahren überprüft wird.
Zum Streuobstanbau gehören auch sehr moderne Entwicklungen. In London gibt es zum Beispiel verschiedenen Community Orchards auf Brachflächen, die von 100en von Mitgliedern bewirtschaftet werden, oder in Berlin – Tempelhof. Sowas kann man auch im Zusammenhang mit dem Weltkulturerbe sehen. Die Streuobstlandschaft gehört nicht nur zur Vergangenheit und muss so erhalten werden, sondern ist auch eine Entwicklung in die Zukunft.

STTZ Welche Unterstützung ist mit der Anerkennung als Weltkulturerbe verbunden?
PS Mit dem Antrag und der Anerkennung geht der Staat einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag mit der UNESCO als Unterabteilung der UNO ein, in dem der Staat die materielle Verantwortung für den Erhalt dieses Kulturgutes übernimmt.
In Baden-Württemberg entpuppt sich die Kleinräumigkeit mit kleinen Parzellen, die lange Zeit ein großer Vorteil war - wo jeder zusieht, dass es auf seinem Stück ja nicht schlechter aussieht als in der Nachbarschaft - jetzt mehr und mehr als Nachteil. Die Familien sind mehr verteilt, die Erben wohnen vielleicht in Bremen und schaffen bei Airbus aber die Obstwiese ist in Altdorf. Und viele von den Privatleuten wollen oder können die Stückle nicht mehr bewirtschaften. Das heißt die Stückle, die oft in Landschaftsschutzgebieten liegen, wo es eine Verpflichtung gibt, sie zu pflegen, müssen irgendwie in eine Pflege überführt werden. Die Stückle müssen dann entweder verkauft werden oder die Leute vom Landschaftspflegeverband müssen die Möglichkeit bekommen, mit ihren Geräten darüber zu gehen. Wo die Besitzverhältnisse unklar sind oder sich keiner bereitfindet, die Grundstücke zu bewirtschaften, könnten die Flächen in eine Art treuhänderischen Besitz überführt werden.

STTZ Das heißt, die Entscheidung die Streuobstlandschaft als Weltkulturerbe ausweisen zu lassen zieht für die jeweiligen Staaten eine finanzielle Verpflichtung nach sich?
PS Das bedeutet eine finanzielle Verpflichtung, hat aber auch einen gewerblichen Nutzen. Diese Flächen müssten auch entsprechend gepflegt werden, was durch die Besitzer selber oder Landschaftspflegeverbände geleistet würde, und es muss ein ordentliches Konzept der Verwertung entwickelt werden. Wenn man guten Saft hat – biologisch sind Streuobstwiesen sowieso – und aus den vielen kleinen Saftinitiativen eine größere, regionale Saftinitiative wird, die dann entsprechende Qualität, Preise und Mengen bringen kann, entsteht auch ein erhöhter gewerblicher Nutzen. Erste Verarbeiter, die auf Qualität setzen, zahlen inzwischen 20 bis 30 € pro Doppelzentner, was meilenweit entfernt ist von 5 – 10 € pro Doppelzentner, die auf dem allgemeinen Saftmarkt bezahlt werden. Das würde durch das Weltkulturerbeprojekt noch gefördert werden und überregional Aufmerksamkeit finden - so wie bei den Franzosen mit ihrem Calvados. Außerdem müssen die Wege und Hänge teilweise saniert werden und Pflanzungen müssen gemacht werden. Das hat alles ein großes gewerbewirtschaftliches Potenzial. Das wäre ganz im Sinne des Herzogs Karl Eugen, der bei uns im 18. Jahrhundert den Streuobstanbau als Gewerbeförderungsprogramm forciert hat. Die Leute sollten was zu essen und zu trinken haben, sollten ihre Viecher raus treiben und auch die Wagner und die Küfer brauchten Geschäft. Daher ist das Weltkulturerbe Streuobstlandschaft Europas erstens ökologisch wichtig,  zweitens ein ökonomisches Projekt und außerdem ein Bildungsprojekt.

STTZ Mit welchem Zeitraum rechnen Sie bis zur Ernennung der Streuobstlandschaften zum Weltkulturerbe ?
PS Ich habe mir 15 Jahre vorgestellt. An meinem 75. Geburtstag möchte ich in der Zeitung lesen, dass die Urkunde übergeben wurde. Das ist insofern realistisch als die nächste deutsche Tentativliste nicht vor dem Jahr 2020 aufgestellt wird und dann schließen sich noch umfangreiche Prüfungen an.


 


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