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  Umwelt
 
Publlikumsansturm auf die Gentechnikdiskussion - 12.4.2008
"Hochschule für alle" von den Ereignissen überrollt

  (th)

Am Abend des 9. April 2008, an dem der Rektor der Hochschule für Umwelt und Wirtschaft Professor Dr. Werner Ziegler verkündet hatte, dass Professor Andreas Schier auf absehbare Zeit keine Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf den Flächen der Hochschule durchführen wird, nahm Professor Andreas Schier dennoch den seit langem angekündigten kritischen Dialog mit einem Fachkollegen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Hochschule für alle“ auf.

Der Rektor freute sich, so viele Besucher begrüßen zu können, dass der Raum sie gar nicht alle fassen konnte und einige in einen zweiten Raum ausweichen mussten, in den die Veranstaltung übertragen wurde. Dazu hatte wohl auch die Aufmerksamkeit beigetragen, die durch die „Feldbesucher“, die das Versuchsfeld seit dem vergangenen Freitag besetzen, auf das Thema gelenkt wurde

Professor Andreas Schier bezeichnete sein Eingangsstatement, in dem er die Ergebnisse seiner Versuche in den Jahren 1996 bis 2007 darstellte, angesichts der aktuellen Situation als ein Resümee seiner Arbeit in diesem Bereich. Grundsätzlich hält er die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft angesichts von globalen Zuwachsraten von jährlich um die 10 % für eine nicht mehr aufhaltbare „Welle, die über die Welt rollt“. Seine Versuche mit Herbizid-resistenten Zuckerrüben hatten das Ziel mit weniger Herbizideinsatz als im konventionellen Anbau die gleichen Erträge zu erzielen, was auf gepflügten Feldern auch funktionierte, auf gemulchten Feldern, auf denen der Boden mit Pflanzenresten bedeckt ist hingegen nicht. Hingegen hätten gerade die gemulchten Felder bei den Versuchen eine höhere Anzahl und Vielfalt von Nutzinsekten in der Mulchschicht ergeben. Versuche mit dem Monsanto-Mais MON 810, der das Gift des Bazillus thuringensis (Bt) gegen den Maiszünsler produziert, hätten einerseits die Wirksamkeit gegen den Schädling belegt und auch den geringeren Befall mit Schimmelpilzen, die durch die Beschädigungen, die der Maiszünsler verursacht in die Pflanze gelangen und die Ernte durch giftige Mycotoxine beeinträchtigen. Der Bt-Mais könne auch dem in Europa eingeschleppten Maiswurzelbohrer Paroli bieten. Für die Zukunft sieht er Möglichkeiten der Gentechnik in der Erzeugung von trockenheitsresistenten Pflanzen, die den Folgen des Klimawandels besser gewachsen sind.

Die Gegenposition vertrat Dr. Christian Schüler vom Fachgebiet ökologischer Land- und Pflanzenbau an der Universität Kassel, der übrigens ebenso wie Professor Andreas Schier über Räuber-Beute-Verhältnisse bei Pflanzenschädlingen promoviert hat. Er ging auf ökologische und gesundheitliche Risiken ein und wies darauf hin, dass die Gentechnik noch nicht wirklich weltweit verbreitet sei, sondern über 90 % der Anbauflächen auf dem amerikanischen Doppelkontinent lägen und die Gentechnik im Rest der Welt entsprechend gering verbreitet ist. Beim Anbau von Bt-Mais bestehe die Gefahr der Auskreuzung des eingebauten Gens auf andere Pflanzen und die Schädigung auch von anderen Insekten, wie Schmetterlinge, sowie andererseits der Entwicklung von Resistenzen durch die permanente Anwesenheit des Bt-Giftes in den Pflanzen. Um der Resistenzentwicklung entgegenzuwirken ist in den USA, wo transgene Pflanzen in der Landwirtschaft allgemein verbreitet sind, bereits der Anbau von 20 bis 50 % nicht-transgener Pflanzen vorgeschrieben. Bei Raps, dessen Pollen besonders weit verbreitet werden und dessen Samen lange im Boden keimfähig überdauern können, haben die Erfahrungen aus Nordamerika, wo praktisch kein gentechnikfreier Anbau mehr möglich ist, in Europa zu der Erkenntnis geführt, dass ein Nebeneinander von gentechnisch verändertem und gentechnikfreiem Raps nicht möglich ist und Bayer den Zulassungsantrag für eine gentechnisch veränderte Rapssorte zurückgezogen hat. Die durch die eingeschleusten Gene erzeugten Proteine können neue Allergien auslösen und haben bei Mäusen zu Veränderungen im Blutbild, veränderten Leberwerten und verringertem Nierengewicht geführt. Der Maiszünsler könne auch durch geregelte Fruchtfolge an Stelle von Monokulturen, geeignete Sortenwahl, Erntetechnik und Bodenbearbeitung bekämpft werden. Auch durch konventionelle Pflanzenzüchtung sei bereits eine Maissorte entstanden, die dem Maiswurzelbohrer widerstehen könne.

In der anschließenden, von Professorin Dr. Carola Pekrun moderierten, Podiumsdiskussion machte Dr. Christian Schüler deutlich, dass er in schädlingsresistenten transgenen Pflanzen, bei deren Anbau keine Insektizide eingesetzt werden müssten, auch keinen Vorteil für die Biolandwirtschaft sieht, da die Effekte nicht ausreichend belegbar seien und die Verbraucher gerade bei Bioprodukten keine Gentechnik wünschen. In Anbauvergleichen sei ein stark unterschiedlicher Bt-Toxin-Gehalt an verschiedenen Standorten festgestellt worden, was es unmöglich mache Risiken auf andere Insekten oder bei der Verfütterung der Pflanzen abzuschätzen. Bei der Schädlingsbekämpfung plädiert er dafür, die ackerbaulichen Fähigkeiten zu nutzen, dann sei der Einsatz von Gentechnik nicht erforderlich.

Die Entwicklung von Resistenzen bei den Schädlingen sieht Professor Andreas Schier als klassischen Fall der Koevolution. Die von Dr. Schüler empfohlenen ackerbaulichen Maßnahmen gegen den Maiszünsler würden in niederschlagsarmen Gegenden in den neuen Bundesländern , in denen der Maiszünsler verstärkt auftritt, schlecht funktionieren, da eine intensive Bearbeitung den Boden austrocknet.

Auf Fragen aus dem Publikum erklärte Professor Andreas Schier, dass es keine Untersuchungen gebe, wie viel Bt-Toxin auf einem Hektar Bt-Mais von den Pflanzen produziert werde im Vergleich zur Ausbringung von Bt-Insektizid im konventionellen Anbau. Allerdings sei Bt-Toxin für den menschlichen Organismus auch nicht schädlich, sondern nur für bestimmte Insekten. Dr. Schüler wies allerdings darauf hin, dass beim Einsatz von Bt-Insektizid das Gift sich erst im Körper der Insekten entwickelt, während es beim Bt-Mais in den Pflanzen direkt produziert wird.
Neuartige Proteine, die Allergien auslösen kommen, würden auch bei konventionellen Züchtungen entstehen. Professor Andreas Schier sieht bei gentechnisch veränderten Pflanzen einen Vorteil darin, dass ihr Allergiepotenzial vor der Zulassung untersucht wird, was bei konventionellen Züchtungen nicht der Fall ist. Dr Schüler kritisierte, dass bei diesen Untersuchungen nur das durch das veränderte Gen produzierte Protein untersucht würde, nicht aber Veränderungen anderer Proteine, die durch Nachbarschaftseffekte entstehen.

Pünktlich nach eineinhalb Stunden beendete Professorin Carola Pekrun die Diskussion, die anschließend noch bei Butterbrezeln und Getränken, auf dem Hof der Hochschule, in mancher Kneipe und auf dem Weg nach Hause fortgesetzt wurde.


 


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