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  Umwelt
 
Indigene kleinbäuerliche Landwirtschaft in Mexiko bedroht - 8.6.2008

 

Drei Angehörige mexikanischer Indianer von der Biodiversitäts-Konferenz in Bonn berichteten in der Alten Seegrasspinnerei.

Verseuchungen durch Genmais und sonstige Folgen von Intensivlandwirtschaft bedrohen im Mutterland des Mais die indigene kleinbäuerliche Landwirtschaft und indigene Kultur. Die Indigenos Aldo Gonzales, Juan Perez Luna und Antonio Lopez schilderten in der Alten Seegrasspinnerei eindrucksvoll wie ihre Landwirtschaft und Kultur in Mexiko durch die Auswirkungen der Globalisierung bedroht werden. Sie setzen sich für biologische Vielfalt ein ("Biodiversität"). Moderatorin war Heike Habermann, Wolfgang Seiss dolmetschte.

Aldo González (auf dem Foto mit Pferdeschwanz), Juan Pérez Luna (mit Schnurrbart) und Antonio Lopez vertreten Organisationen der Ethnie der Zapoteken der Bergregion der Sierra Juarez aus der Provinz Oaxaca, Mexico. In dieser Region wurde - erstmalig in Mexiko - die Verunreinigung lokaler Maissorten durch genveränderten Mais nachgewiesen. Die drei und ihre Organisationen wollen, dass die lokalen Dorfgemeinschaften eigenständig und nachhaltig ihre natürlichen Ressourcen (Wasser, Wälder, lokale Nutzpflanzensorten und Heilkräuter) nutzen können. Insbesondere setzen sie sich für den Erhalt lokaler Maissorten und den Kampf gegen Biopiraterie ein, sowie gegen die Patentierung von traditionellem Wissen und Heilpflanzen. Ihre Aktivitäten für die Rechte indigener Völker sind enorm und über Mexiko hinaus bekannt. Aldo Gonzalez setzt sich darüber hinaus für den Kampf um die Rechte indigener Gemeinschaften ein.

Gefahr Nummer Eins: Gentechnisch veränderter Mais
Eine der Hauptbedrohungen ist gentechnisch veränderter Mais. Mexiko ist das Mutterland dieses wichtigen Getreides, das als Grundnahrungsmittel oder als Viehfutter weltweit angebaut wird, seit Christoph Kolumbus ihn nach Europa gebracht hatte. Die Indianer dort domestizierten etwa 4700 vor Christus den Mais, der ursprünglich nur fingergroß war, und kultivieren seit langem tausende verschiedene Maissorten, die durch deren jahrhundertelange gezielte Auslese immer weiter entwickelt wurden und perfekt an ihre jeweiligen Standorte angepasst sind. Die verschiedenen Sorten werden auch für verschiedene Zwecke verwendet. Im Gegensatz zur industriellen Monokultur-Landwirtschaft ist in Mexiko eine Mischkultur mit Kürbis und Bohnen üblich, die den Boden fruchtbar erhält. Mittlerweile aber wurden schon in entlegenen Gebieten Verseuchungen der einheimischen Sorten mit transgenen - gentechnisch modifizierten - Maissorten  nachgewiesen. Aus verschiedenen Gründen gab es in Mexiko in letzter Zeit Probleme mit dem Maisanbau und Proteste gegen gestiegene Maispreise. Deswegen bot die mexikanische Regierung den Bauern ein Unterstützungsprogramm an: Die Bauern erhalten kostenlos ein Saatgutpaket zusammen mit "Pflanzenschutzmitteln" (Spritzgiften). Was die Pakete genau enthalten ist  bislang nicht bekannt Es steht zu befürchten, daß es sich um Genmais handelt. 120 Gemeinden haben sich nun wie die Zapoteken-Organsiationen zusammen geschlossen und diese "Hilfe" verweigert. Sie kämpfen darum, ihre in Jahrtausenden entwickelten, an die jeweiligen Gebiete angepassten Sorten zu erhalten und nicht durch gentechnisch veränderte Sorten verseuchen zu lassen. Und sie sind gegen Intensivanbau immer derselben Sorten.
Die drei Indianer- und Kleinbauern-Vertreter berichteten, dass es erschreckend ist, wie viele mißgebildete Maispflanzen und –kolben mittlerweile auf den Feldern gefunden werden, in der Regel waren das offensichtlich Pflanzen, die aus der Kreuzung mit einer GMO-Pflanze entstanden waren. Dies wurde auch durch Untersuchungen nachgewiesen. Inzwischen finden sich aber immer mehr deformierte Pflanzen, bei denen die durch Gentechnik veränderten Anteile mit bezahlbaren Analysemethoden nicht mehr nachzuweisen sind.
Vermutlich haben sich die Pflanzen nach mehreren Generationen so weiterverändert, daß sie auf die üblichen Gentests nicht mehr ansprechen. Es spricht vieles dafür, daß die Gentechnik, wie von vielen Kritikern befürchtet, außer Kontrolle gerät. Um das zu klären wäre viel Geld nötig, damit unabhängige Wissenschaftler Untersuchungen durchführen können. Doch wo gibt es Geld für Ureinwohner- und Kleinbauern-Organisationen? Und wo gibt es unabhängige Wissenschaftler?

Gefahr Nummer Zwei: Intensivlandwirtschaft und "Flurbereinigung"
Ein weiteres Problem für die Bauern ist die Erhaltung ihres Ackerlandes. Die Regierung fördert kompromisslos die Intensivlandwirtschaft. Mit Prämien versucht sie, die Kleinbauern aus ihren Gebieten zu locken und umzusiedeln, damit riesige Anbauflächen entstehen können. Wenn die Prämien nicht helfen, wenn die Bauern auf ihrem angestammten Land bleiben wollen, werden sie sogar mit Gewalt vertrieben.

Gefahr Nummer Drei: vermeintliche Besserwisser und Biopiraterie
Dies alles sind "Globalisierungsfolgen". Eine weiter Folge ist, dass immer wieder sogenannte Entwicklungshelfer kommen, die vordergründig den Bauern erklären sollen, wie sie die Artenvielfalt erhalten sollen (was diese allerdings seit ewigen Zeiten bereits tun). Diese "Helfer" verlassen die Gegend alsbald wieder mit vielen an Informationen, die sich gut verkaufen und nutzen lassen. Die indigenen Völker wollen selbst über die natürlichen Ressourcen ihres Landes bestimmen, was aber durch die Biodiversitätsabkommen eher noch erschwert wird.

Gefahr Nummer Vier: Einrichtung von Biospärenreservaten
Die Regierung plant die Einrichtung von Biosphärenreservaten, ohne dass die dort lebenden Menschen an der Entscheidungsfindung beteiligt werden. Die indigenen Völker leben in Gebieten mit großer Artenvielfalt, weil es ihnen gelungen ist, diese Vielfalt über Jahrtausende zu bewahren. Nun sollen sie die Region verlassen und die Regierung zahlt für Umsiedlungswillige Geld oder bietet ihnen Land in anderen Regionen an. Lopez berichtete aber auch von gewaltsamen Übergriffen, bei denen Menschen gegen ihren Willen abgeholt und inhaftiert worden seien.

Forderung: Biodiversität nicht nur erhalten, sondern auch wieder herstellen
Bei der Artenschutzkonferenz in Bonn, an der die drei Referenten beteiligt waren, war eine ihrer Forderungen an die Regierungen, die Biodiversität nicht nur zu erhalten, wo sie noch vorhanden ist, was natürlich am billigsten ist, sondern dort wieder herzustellen, wo sie zerstört wurde.

Die drei waren jedenfalls hocherfreut, daß sie auch in Nichtentwicklungsländern Mitstreiter gegen unwillkommenen Genmais und Raubbau an der Natur gefunden haben. Es war für beide Seiten ein sehr interessanter Abend.

Lothar Ross


 


 


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