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  Umwelt
 
CDU-Referent plädiert für Kernenergie - 29.6.2008
aber er hat keine Alternativen zum Erdöl

 

(th) Gut einen Monat nachdem Dr. Werner Zittel in seinem Vortrag an den Nürtinger Energietagen nach dem kürzlich erreichten Erdöl-Fördermaximum (Peak oil) das Ende des fossilen Energiezeitalters angekündigt hatte, lud die Nürtinger CDU Anfang Juni zu einem Vortrag, der sich unter dem Titel „Alternativen zum Öl“ dem gleichen Thema widmen sollte. Der Vorsitzende des CDU- Stadtverbandes,Thaddäus Kunzmann, deutete in seiner Begrüßung den Rahmen an, in dem die Diskussion stattfindet: Erdöl wird zum Heizen, zum Antrieb von Motoren und in der chemischen Industrie verwendet; zur Zeit werden täglich (!) weltweit 87 Millionen Barrel Öl verbraucht, 1/3 davon in den USA, 2,7 Millionen Barrel in Deutschland; bis heute sind 40 % des förderbaren Erdöls verbraucht.

Professor Dr. Alfred Voß vom Institut für Energiewírtschaft und rationelle Energieverwendung an der Universität Stuttgart vertrat zu Beginn seines Vortrags den Standpunkt, dass angesichts der noch bekannten Ölreserven nicht von einer Ressourcenknappheit gesprochen werden könne. Als gute Nachricht wies er auf die Meldung über die Entdeckung eines neuen Erdölfeldes mit 30 Gigabarrel Rohöl in Brasilien hin (was bei gleich bleibendem Verbrauch den Weltbedarf ca. 1 Jahr lang decken könnte). Stattdessen sieht er insbesondere Spekulationen an den Rohstoffbörsen als Ursache für den steigenden Ölpreis. Trotzdem ist es sinnvoll nach Alternativen zum Verbrauch von Erdöl zu suchen, sei es wegen der steigenden Preise (egal aus welchem Grund), sei es wegen der Versorgungssicherheit. Immerhin wird Erdöl überwiegend aus Ländern des Nahen Ostens eingeführt, deren Exportbereitschaft aus innen- oder außenpolitischen Gründen gefährdet werden könne.

Während in der Veranstaltungsankündigung auch auf die Bedeutung des Erdöls als Rohstoff für die chemische Industrie eingegangen wurde, beschäftigte sich Prof. Dr. Voß in seinem Vortrag überwiegend mit der Stromerzeugung, bei der Erdöl nach seinen Angaben im Jahr 2006 allerdings nur einen Anteil von ca. 5 % ausmachte. In diesem Bereich hält er die erneuerbaren Energieträger nicht für eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative. Während bei der konventionellen Stromerzeugung pro Kilowattstunde Kosten von etwa 0,03 € entstünden, läge dieser Wert bei Strom aus Windkraft, Sonnenenergie oder Biogas um ein Vielfaches höher. Stattdessen plädierte er entgegen dem gesetzlich vorgesehenen Atomausstieg für einen Ausbau der Kernenergie. In den von ihm gezeigten verschiedenen Szenarien des künftigen Primärenergieverbrauches wurde allerdings deutlich, dass die Kernenergie mit ihrem Risikopotenzial nicht das Erdöl, sondern die Steinkohle ersetzt und einen höheren Energieverbrauch ermöglicht.

Meine Meinung
Prof. Dr. Voss’ Vortrag ging am angekündigten Thema vorbei. Der Bau von neuen Kernkraftwerken bietet keine Alternative zum Ölverbrauch, da nur etwa 5 % unseres Stroms durch den Einsatz von Öl erzeugt werden. Mehr Atomkraftwerke würden daher unser allgemeines Lebensrisiko erhöhen, aber nicht den Preis für Benzin und Heizöl senken.

Thomas Hauptmann

Gegenposition
"Bin ich zur falschen Zeit am falschen Ort?", dachte ich am 5. Juni im Panorama-Saal der Stadthalle. Nach einigen doch interessanten Veranstaltungen der CDU zu aktuellen Energiethemen ging ich erwartungsvoll in die Veranstaltung. Andere kannten Prof. Voss vom Stuttgarter "Institut für Energiewirtschaft und rationelle Energieanwendung" wohl schon und sind gar nicht erst gekommen.

Doch was im Panorama-Saal geboten wurde, war schon beeindruckend: Eigentlich haben wir (zumindest in Deutschland) gar kein Energieproblem sondern nur ein politisches, denn an sich gibt es Energie im Überfluss, was ich als Verfechter der Erneuerbaren Energien grundsätzlich bestätigen muss. Doch nun kamen ein paar Beispiele, die mich am Sinn der Veranstaltung zweifeln ließen. Tatsächlich: Ich habe mehrfach überlegt, zu gehen.

1.) "Die Ölressourcen sind auf dem höchsten je bekannten Niveau und haben keinen Einfluss auf den Preis!"
Entscheidend für uns sind die Ölreserven (die wirtschaftlich abbaubaren Mengen), nicht die Ölressourcen (alle, auch unerreichbare Vorkommen). Seine Aussage ist damit schlichtweg irreführend.
Selbst die bisher überaus optimistische Internationale Energieagentur IAE machte am 9. Juli 2007 (!) weltweit Schlagzeilen, wonach sich "zunehmend deutlichere Verknappungstendenzen auf den internationalen Ölmärkten bemerkbar machen werden. Angesichts der hohen Nachfrage und der geringeren Fördermenge besteht schon ab 2010 die reelle Gefahr einer Ölknappheit" und räumt mittlerweile ein, dass wir Peak-Oil (die Förderspitze) überschritten haben. Trotz mehrfacher Bestätigung ist dies noch nicht bei allen angekommen.

2.) "Die Erneuerbaren Energien entlasten die Wirtschaft nicht, da weiterhin volle Regelenergie vorgehalten werden muss"
Voss will sagen: Weil jederzeit der gesamte Windstrom plus der gesamte Photovoltaik-Strom plus die gesamte Biogas-Verstromung in ganz Deutschland, also eigentlich alles jederzeit ausfallen kann, muss die Energiewirtschaft Reserverkraftwerke in gleicher Größe vorhalten. Dieses Szenario ist genauso abwegig wie der plötzliche Totalausfall aller konventionellen Kraftwerke. Praxistests haben genau das Gegenteil bewiesen: Mit Hilfe intelligenter Steuerung (ist doch eine unserer legendären Stärken!) lassen sich die bekannten Systeme aufeinander abstimmen, so dass aus der Kombination aller Quellen volle Versorgungssicherheit zu gewährleisten ist! Denn die brauchen wir!
Kurios ist nur, dass die großen vier Energiekonzerne oft genug die effizienten Windkraftanlagen abregeln (wegen "Netzüberlastung"!!), ihre eigenen Kohlekraftwerke aber auf vollen Touren laufen lassen...

3.) "Die Mär von der Kraftwärmekopplung, die gar nicht so effizient ist, wie sie immer dargestellt wird"
Natürlich ist die Kraftwärmekopplung - die gleichzeitige Erzeugung von Wärme + Strom mit einem Wirkungsgrad von über 90 % - nicht immer und überall nutzbar. Genauso wenig wie ich mit einem Ferrari einen 30to-Anhänger ziehen will. Doch warum nur, frag ich mich, ist die Förderung der Kraftwärmetechnologie einer der wichtigsten Bausteine der aktuellen energiepolitischen Gesetze unter der CDU-Kanzlerin im Juni 2008?! Weil es um die effiziente und nachhaltige Nutzung unserer Energieträger geht. Und da sollten irreführende Aussagen unterbleiben.

4.) "Einzig die umweltfreundliche Atomenergie hilft uns, die Energieprobleme zu lösen"
CO²-neutral ist sie ja, aber umweltfreundlich? Nun denn, der gesamte Atomabfall eines Jahres der deutschen Atomkraftwerke passe, so Voss, in 4 kleine "Mülltonnen", und die irgendwo anständig in Glas verpackt dauerhaft einzulagern, sei ja kein Problem …

Und so möchte ich meinen Beitrag mit einem Hinweis abschließen und jeden seine eigene Bewertung abgeben lassen:
Laut Voss sollen wir uns bezüglich der „unendlichen“ Erneuerbaren Energien nichts vormachen: Auch die Sonne höre in 4- 5 Milliarden Jahren auf zu scheinen. Dass die Öl-, Gas- und Uran-Vorräte, wie Voss zugibt, nur 20 bis 40 Jahre ausreichen, fällt da ja nicht ins Gewicht.

PS: Wer Voss' Lehrstuhl finanziert, habe ich nicht gefragt. Doch er ist Mitglied u. a. in der Gesellschaft für Energiewirtschaft und Energiepolitik (GEE) und dem Forum für Zukunftsenergien e. V.. Die Träger dieser Organisationen haben kein ehrliches Interesse an dezentralen Versorgungsstrukturen, an Erneuerbaren Energien (solange sie nicht die eigenen Taschen füllen) und an mehr Verbrauchermacht. Jeder mag sich selbst informieren.

Kai Damitz


 


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