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  Umwelt
 
Überraschende Aussagen zur grünen Gentechnik - 27.6.2008
Für Begrünung der Wüste interessant - kein Mittel gegen den Hunger

 

(th) Nachdem sich die Reihe „Hochschule für alle“ bereits mit dem Thema beschäftigt hat und die Hochschule unter dem Eindruck der Feldbesetzung Anfang April ein Ende der Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf dem Hofgut Tachenhausen für die nächsten fünf Jahre verkündet hatte, lud der CDU-Stadtverband im Juni zu einer Podiumsdiskussion über „Chancen und Risiken der grünen Gentechnik“ ein.

Stadtverbandsvorsitzender Thaddäus Kunzmann verglich eingangs die Gentechnik mit der Erfindung des Automobils, dem Ausbau des Schienennetzes und dem Internet. Er erwartet ähnliche gesellschaftsgestaltende Effekte und fragt sich, wer uns das Recht gebe, uns einer grünen Gentechnik zu verweigern, die Menschen in schlecht versorgten Ländern vor dem Hungertod bewahren könnte. Sodann übernahm er die Moderation des breit besetzten Podiums.

Als erstes stellte Professor Andreas Schier, der die Versuche an der Hochschule leitete, die Risiken der grünen Gentechnik in Frage und die Möglichkeiten heraus. Es gebe bisher keine nachgewiesenen gesundheitlichen Schäden durch die zur Zeit kommerziell angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen. Die Gefahr von Auskreuzungen der eingeschleusten Eigenschaften sieht er als Risiko jeder Pflanzenzüchtung und nicht als Problem der Gentechnik. Er bezeichnete den Einsatz der Gentechnik zur Pflanzenzüchtung als wesentlich gezielter, als die in der konventionellen Züchtung eingesetzte radiaktive Bestrahlung um Mutationen auszulösen und sieht auch keinen qualitativen Unterschied zur der im Labor gelungenen Züchtung von Triticale aus den Getreidearten Roggen und Weizen. Für die Zukunft stellte er die Züchtung von trockenheits- oder salztoleranten Pflanzen in Aussicht, mit denen die nutzbare Anbaufläche auf der Erde ausgedehnt werden könne.

Matthias Strobel von Bioland erläuterte, dass im Ökolandbau Gentechnik nicht benötigt wird und nicht gewünscht ist. Da aber eine Koexistenz mit Gentech-Landwirtschaft ohne Auswirkungen auf den Ökolandbau nicht möglich ist, müssen sich auch dessen Verbände damit auseinandersetzen. Er befürchtet, dass die gentechnisch veränderten Pflanzen Schäden bewirken könnten, die im Labor nicht vorhergesehen wurden. Die bisherigen Entwicklungen der grünen Gentechnik mit herbizid- und insektenresistenten Pflanzen sieht er nicht als sinnvoll an. Mit geeigneten Fruchtfolgen könnten die gleichen Effekte erzielt werden. Wenn mit den von Professor Schier in Aussicht gestellten trockenheitstoleranten Mutanten hingegen künftig Wüsten begrünt werden könnten, sei das schon interessanter.

Dr. Beate Arman vom Landfrauenverband zweifelt angesichts von Erfahrungen in Amerika ebenfalls an einer funktionierenden Koexistenz von Gentech-Landwirtschaft und konventioneller Landwirtschaft. Als Teile des landwirtschaftlichen Sozialgefüges befürchten die Landfrauen auch die Folgen der Klärung von Haftungsfragen wenn Landwirte gegeneinander prozessieren. Die grundsätzlich zu begrüßende getrennte Verarbeitung von konventionellen und gentechnisch veränderten landwirtschaftlichen Produkten verursacht zudem zusätzliche Kosten. Nach ihrer Einschätzung können gentechnisch veränderte Pflanzen keinen Beitrag zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion in der dritten Welt leisten, da die dort verbreiteten Kleinerzeuger sich das teure Saatgut gar nicht leisten könnten.

Dr. Eckhard Benner von der baden-württembergischen Verbraucherzentrale sieht noch keinen Markt für gentechnisch veränderte Konsumgüter, da es noch keine entsprechend gekennzeichneten Produkte gibt. Daher gibt es auch noch keine spezielle Werbung, sondern die Öffentlichkeitsarbeit der Produzenten zielt rauf die grundsätzliche Akzeptanz einerseits durch Forschungsförderung und allgemeine Unternehmensbewerbung, andererseits mit Drohszenarien durch Hinweise zum Beispiel auf Arbeitsplatzrisiken, Abwanderung wissenschaftlichen Potenzials und Vorbereitung auf künftige Risiken. Aber wie sieht die Wahlfreiheit der Verbraucher aus, wenn es einmal Produkte gibt, die als gentechnisch verändert gekennzeichnet sind? Auf Grund von Schwellenwerten (› 0,9 %) und der Ausnahme von Tierfuttermitteln kann man sich nicht sicher sein, dass nicht gekennzeichnete Produkte tatsächlich gentechnikfrei sind. Er wies auch darauf hin, dass zwar in der Gastronomie die Verwendung von gentechnisch veränderten Produkten gekennzeichnet werden muss, aber nicht in Kantinen, wo verarbeitete Produkte nicht gekennzeichnet werden müssen. Bei einer Ausweitung des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen werden seiner Ansicht nach die Koexistenzabstände von 150 bzw. 300 m zu konventionell bzw. biologisch bewirtschafteten Flächen problematisch werden. Außerdem werden dann die wenigen Saatgutunternehmen, die gentechnisch verändertes Saatgut anbieten, an Macht gewinnen, die sie ausnutzen werden. Insgesamt befürchtet Dr. Benner, dass sich der Markt mit gentechnisch veränderten landwirtschaftlichen Produkten nicht gemäß den Verbraucherinteressen entwickeln wird.

Kathrin Mendler, die kürzlich für ihr Engagement an der Hochschule ausgezeichnet wurde, stellte die Position der Landwirtschaft studierenden dar. Immerhin hatten innerhalb von zwei Stunden 160 von ca. 260 Studierenden einen Brief unterschrieben, mit der das Ende der Versuche auf Tachenhausen kritisiert wurde. Sie hob die praxisorientierten Vorlesungen an der Hochschule hervor und die interessanten Vergleiche, die der Anbau von gentechnisch veränderten, konventionellen wie auch biologisch angebauten Pflanzen ermöglichten. Die Feldbesetzung stieß bei den Studierenden auch wegen der als Kollateralschaden in Kauf genommenen Bodenverdichtung durch die Besetzung des lehmigen Feldes bei nassem Wetter auf Kritik.

Professor Andreas Schier gab zu, Probleme zu haben angesichts der kritischen Äußerungen an sich zu halten. Er bezeichnete den biologischen Anbau als Nischenproduktion. Für den Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen spreche auch die Zukunftsforderung nach Energieeffizienz, weil dadurch Treibstoff, Düngemittel und Pflanzenschutzmittel, die alle aus Erdöl gewonnen werden, eingespart werden könnten.

In der folgenden Diskussion stellte Matthias Strobel klar, dass Ökolandbau in Deutschland und vergleichbaren landwirtschaftlichen Regionen zwar 20 bis 40 % geringere Erträge erwirtschaftet, in weiten anderen Teilen der Welt aber durchaus vergleichbare und zudem stabilere Erträge bringt. Um die Effizienz der landwirtschaftlichen Produktion zu steigern sei es auch möglich und langfristig notwendig den Fleischkonsum zu reduzieren, anstatt ihn auf der ganzen Welt auf mitteleuropäisches Niveau zu steigern. Um den gleichen Nährwert in Fleisch wie in Getreide zu erzeugen sind immerhin ein Vielfaches an Fläche, Energie, Dünger, Pflanzenschutzmittel und Wasser erforderlich. Außerdem werden zahlreiche Lebensmittel, die bei uns produziert werden, nicht verbraucht, sondern vernichtet, wie im Film „We feed the world“ gezeigt wurde. Dr. Beate Arman ergänzte, dass auch ohne Gentechnik in den vergangenen Jahrzehnten die Efffizienz in der Landwirtschaft immens gesteigert wurde. Matthias Strobel stellte auch richtig, dass entgegen einer Aussage von Professor Andreas Schier der größte Teil der aus gentechnisch verändertem Saatgut gewonnen Produkte nicht für den menschlichen Verzehr, sondern als Futtermittel genutzt wird. Man kann also nicht sagen, dass anderswo die Gentechnik allgemein akzeptiert wird.

Auf den Hinweis aus dem Publikum, dass Wissenschaftler von BASF meinen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen nicht das Hungerproblem in der Welt lösen könnten, räumte Professor Andreas Schier ein, dass kein vernünftiger Mensch das Gegenteil behaupten würde. Allerdings hatte Thaddäus Kunzmann in seinem Eingangsstatement genau dieses Argument angeführt und auch Professor Schier selbst hatte bei anderen Gelegenheit diese Möglichkeit angedeutet.

Aus dem Publikum wurden die Kritiker aufgefordert, doch mal deutlich zu sagen, wovor sie beim Einsatz der grünen Gentechnik Angst haben, wie der größte anzunehmende Unfall aussehen könnte. Matthias Strobel nannte daraufhin unvorhergesehene Gesundheitsschäden, das Saatgutmonopol weniger Konzerne, die irreversible Ausbreitung der veränderten Gene und die Auskreuzung der gentechnisch erzeugten Veränderungen in die Wildflora. Dr. Beate Arman ergänzte ihre Befürchtung, dass Bauern sich gegenseitig vor Gericht wegen Haftungsfragen verklagen.


 


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