Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Kurznachrichten
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Foto der Woche
EssBar
LesBar

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Reisen
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Was kochsch du?
Gabi Zapf (Roman)
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Sport
 
Manneskraft auf weiblichem Territorium - 23.8.2006
Bauch Beine Po

 

(Spongo) Donnerstag 18 Uhr, mein erstes Mal: Ich werde sofort als Fremdling entlarvt. Nein,  entlarvt ist zu sanft ausgedrückt. Ich werde präsentiert. Wie Frischfleisch werde ich als Beute vor die Löwen geworfen. "Ah, wir haben heute Männer da!" Um mich herum sind circa 25 Frauen im Alter von 25 bis 50 Jahren. Ganz vorne steht unsere Fitnesstrainerin Yvonne, die mit klischeehaft guter Laune Kommandos gibt.

Ich tue es allen Kursteilnehmern gleich und hole mir Matte und Hanteln. Die leichten Hanteln sind begehrt. Ich wurde vorgewarnt und grabsche schnell nach einem Paar der Leichten. Doch eine Stimme erschreckt mich von rechts: "Die sind ja wohl was für Babys!" Eingeschüchtert von dieser Frau tausche ich die leichten Hanteln in dreimal schwerere. Ich stelle mich ganz nach hinten. Eine gute Entscheidung. Die Musik läuft schon. "Und los! Steptouch. Eins, zwei, drei, vier! Und double!" Um mich herum bewegen sich 20 Frauen in Legginshosen im Takt zur Musik, als hätten sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht. Als würden sie in einem immer gleichen Trott diese Bewegung ausführen. Und einer passt nicht ins Bild. Der Pulk nach links, ich nach rechts. Ich schaue panisch um mich, bin ich der einzige, der nicht versteht, um was es geht? Ich probiere mir die Schrittfolge einzuprägen, versuche einzusteigen.
Was redet diese Frau mit der hohen, übermotivierten Stimme da vorne? Steptouch? Double? Ich wäre froh wenn ich ‚single' könnte! Falsches Bein, Bein wechseln, aus dem Takt. "So und von vorne!" Zum Steptouch mit Double sind jetzt noch die Hacken, die Arme und ein  Vor- und Zurücklaufen als Variation dazugekommen. Ich scheitere weiterhin an Steptouch mit Double-Single Variation.
Ich kann nicht tanzen! Wann hört das endlich auf? Okay, konzentrier dich auf den Takt! Was, welches Bein? Wieder falsches Bein! Ich bin drin - für vier Takte. Warum müssen die Schritte die ganze Zeit wechseln? Wann gibt es endlich etwas für die Kraft? Tanzen kann ich nicht!

Meine Stoßgebete werden bald erwidert: "Den Hintern tief! Die Waden senkrecht zum Boden. Und mit dem Hintern hoch und runter. Eins, zwei, drei, vier. Und acht Schnelle. Vier noch! Könnt ihr noch? Die letzten vier!"
Sklaventreiberin! Gott, bin ich der Einzige, der nicht mehr kann? Diese Übung kenne ich aus dem Fußballtraining. Wäre ich jetzt dort statt hier: ich würde mich fallen lassen, da kann man sich nicht blamieren. Aber hier: 20 Frauen, die sich jeden Moment umdrehen, ja, die nur darauf warten, dass ich entkräftet zu Boden gehe und sie in einem Kreis um mich stehend mit den Fingern auf mich zeigen können und den Mann auslachen, der ihr Hausfrauen-Programm nicht durchhält. Die letzten vier! Die letzten vier? Wie oft will sie das noch sagen? "Und halten! Für die Bikinis, Mädels! Und für die Badehosen! Yvonnes Blick trifft mich. Es gibt keine Stelle an meinem Körper, an der ich gerade nicht schwitze und mein Gesicht muss aussehen, als hätte ich einen Stachel im Hintern. Und dann diese ich-schaue-ob-du-schlapp-machst-Observation. "Vier Kurze! Vier, drei, zwei, eins!"
Kollaps erlöse mich von den Schmerzen, denn dein ist die Kraft und die Erholung, in Ewigkeit. Amen!
Die Erlösung kommt: "Ganz langsam nach oben". Es ist 18:20 Uhr. Noch 40 Minuten und meine Oberschenkel fühlen sich an wie Butter. Meine überdimensionierten Hanteln, die diese Frau mir aufgezwungen hat, kamen noch nicht mal zum Einsatz. 

Sie wusste doch, dass sie mit ihrem Spruch meinen männlichen Ehrgeiz wecken wird. Und nachher wird sie einen triumphierenden Blick in mein schmerzverzerrtes Gesicht werfen und ohne etwas zu sagen sprechen: "Sie her, ich bin 45 Jahre alt. Ich habe leichte Hanteln. Ich triumphiere. Und du Würstchen schaffst es nicht, deine Hanteln zu stemmen? Hast du etwa die schweren genommen?"
Durch die große Fensterfront kann man auf einen Bolzplatz schauen. Einige Jungs kicken auf ein Tor. "Und jetzt die Hanteln nach oben. Eins, zwei, drei, vier!" Ich bin froh, dass meine Beine nicht mehr tun müssen, als mich zu halten. Meine Arme sind noch frisch. "Die Arme hoch, die Schultern bleiben unten!" Hinter Yvonne öffnet sich die Türe. Ein Mann in Sportradler und engem Shirt joggt leichtfüßig durch die Reihen und platziert sich genau in der Mitte.

So ein Verrückter! Weiß er denn nicht, dass er in wenigen Sekunden sich wünschen wird, im Boden zu versinken? Spätestens dann,  wenn er eine Schrittfolge gepaart mit einer Handbewegung durchführen soll? Doch vielleicht ist er meine Rettung. Er steht in der Mitte, ich ganz hinten. Er wird die hämischen Blicke schon auf sich ziehen! "Und Steptouch. Wir nehmen die Arme mit. Nach vorn und zurück. Alles klar? Ich höre nichts! Sagt, ja Yvonne!" Gebannt fällt mein Blick auf ‚Athleticus'. Mit einer Selbstverständlichkeit steigt er in den Takt ein und scheint in einer Symbiose mit der weiblichen Spezies in den Bewegungen seines durchtrainierten Körpers zu versinken.

Dieses Schwein! Kein Beistand, nein! Demütigung!
Yvonnes Blick trifft mich. "Ja, auch die Männer. Die Arme richtig nach oben!"
Ja, Salz in die Wunde.
"Linkes Bein, rechter Arm!" Mein letztes Aufbäumen, volle Konzentration: Ich bin im Takt.
Welch Hochgefühl! Seht her, ich trotze Athleticus. Ich bin im Takt! Ich suche die Hantel-Frau. Ha! Sieh her, ich habe die schweren Hanteln!
Diese Übung ziehe ich durch, jetzt muss es aufwärts gehen. "Wir legen die Hanteln bei Seite. Liegestütze!" Mein Blick fällt auf Athleticus. Er federt nieder und spannt seinen Körper zu einem Brett. Schon vor dem Kommando legt er los. Meine Arme sind geschwächt. "Zehn Stück. Zusammen: Eins, zwei, drei, vier..."
Ja, für die Badehose! Zehn Stützen für ein Hallelujah! Fünf, sechs, sieben und aaaach - Aus.

Mein Körper geht zu Boden wie ein nasser Sack.
Oh mein Gott! Gleich stehen sie um mich und Athleticus mittendrin. Er wird sprechen: ‚Du hast versagt, Julius Lumpus! Ertrage nun die Strafe! Steptouch, zugleich. Und Double! Und Single!'
Ich will schreien, doch mir fehlt die Luft! Ich drehe meinen Kopf und ich bin nicht umringt. 20 erschöpfte Frauen liegen auf ihren Matten, doch einer pumpt noch: Athleticus. Die Hantelfrau hat mich entdeckt. Schnell gehe ich wieder in Stellung. Doch bei dieser Übung lassen mich die Frauen nicht alleine. "Und noch mal zehn. Kommt Mädels!" Athleticus macht die Pause durch. Doch der homogene Frauenpulk verwandelt sich in ein Komplex aus quietschenden Gelenken, ächzenden Knochen und hechelnden Atmen.
Ich bin nicht allein!
Nach sechs Lügestützen schmeiße ich mich genüsslich nieder. Wer ist schon Athleticus? "Und wir machen uns ganz klein und atmen tief durch!"
Hechel, hechel, hechel.
Es ist 18:50. Yvonne wechselt die CD. Der schnelle Rhythmus wechselt in langsames Chartgedudel. Cooldown!
Geschafft.

Matthias Eberspächer, aus SPONGO, Schülerzeitung des HöGy, Nr. 35, mit freundlicher Genehmigung


 


Anzeigen




Impressum
© 2004-2017 Nürtinger STATTzeitung