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  Kultur
 
Der Nürtinger Menschenrechtsweg - 9.8.2011
Amnesty International führte vor Ort zu den Menschenrechten

 

(si) "Es lebe die Freiheit!"
Mit diesem Aufruf vor der Seegrasspinnerei begann der Menschenrechtsweg durch Nürtingen, den die Nürtinger Gruppe von Amnesty International (AI) anlässlich des 50-jährigen Jubiläums erstellt hat. Die Idee dazu kam von Gertrud Rahlenbeck, die ganze Gruppe arbeitete bei der Ausarbeitung zusammen. An insgesamt 6 Stationen werden auf dem Weg die Belange der Menschenrechte eindringlich dargestellt.

An jeder Station stellt ein Mitglied von Amnesty einen Fall verletzter Menschenrechte in Nürtingen vor. Danach wurde die Verbindung zu einem ähnlichen Fall in einem anderen Teil der Welt gezogen, in dem Amnesty International meist erfolgreich für den Schutz der Menschenrechte aktiv wurde.

Ein Jahr lang arbeiteten die Gruppenmitglieder am Konzept und der Recherche für die einzelnen Fälle und Stationen. Der Nürtinger Menschenrechtsweg wurde so zum eindrucksvollen Plädoyer für den Einsatz für Menschenrechte weltweit und vor der eigenen Haustür. Er ist ein gelungenes Projekt, das die Stadt auch für alteingesessene Nürtinger in einem anderen Licht zeigt.

Der Menschenrechtsweg ist nicht als regelmäßige Veranstaltung geplant. Allerdings ist die Nürtinger AI-Gruppe auf Anfrage von Gruppen, z.B. Schulen, gerne bereit, diese Führung weiterhin anzubieten. Der Flyer und die vollständigen Unterlagen der Nürtinger Amnesty-Gruppe zum Weg und den Fällen, stehen hier zum Download und Ausdrucken bereit.

Der Weg:

Nach einer kurzen allgmeinen Einführung zur Arbeit von Amnesty International, die beim Kampf gegen Menschenrechtsverletzung auf "Schreibkräfte statt Streitkräfte" setzt, wurden die knapp 30 Teilnehmer zur 1. Station nur wenige Meter weiter geführt. Vor dem "Vorstadtcafé" in der Plochinger Straße ging es um den Fall des Nürtinger Lehrers Helmut Stotz. der als Lehramtsanwärter in den 70er-Jahren dem Radikalenerlass der damaligen Regierung zum Opfer fiel, weil er im Studium Migtlied der Kommunistischen Hochschulgruppe gewesen war und an Demonstrationen teilgenommen hatte. Er setzte sich erfolgreich gegen das Berufsverbot zur Wehr und wurde mit einem Jahr Verzögerung doch noch in den Schuldienst übernommen. In Sri Lanka wurde der Journalist J.S. Tissainayagam ("Tissa") auf der Grundlage eines Antiterrorgesetzes der Unterstützung einer terrorististischen Organisation angeklagt und verhaftet. Sein Verbrechen bestand darin, zwei regierungskritische Artikel geschrieben und Geld für die Zeitschrift gesammelt zu haben, in der sie veröffentlicht wurden. Mitglieder von AI halfen durch Briefe und Petitionen dafür, dass der öffentliche Druck stieg und Tissa schließlich freigelassen wurde.

Die zweite Station des Weges befand sich im Blockturm. Die Enge der 30 Teilnehmer, die sich im unteren Raum des Turms drängten, machte direkten Eindruck auf die Anwesenden und gab viel besser als jeder Vortrag eine Idee davon, wie sich Gefangene fühlen müssen, bei denen Platzmangel bzw. stundenlanges Stehen und Schlafenzug als Form der Folter angewendet wird. Und das obwohl der Blockturm, seit er bis ins 19. Jahrhundert als Gefängnis diente, deutlich komfortabler gemacht wurde. In Deutschland lässt das Grundgesetz Folter und Todesstrafe nicht mehr zu. Allerdings, so berichtete eine Teilnehmerin, sei in der Landesverfassung Hessens die Todesstrafe formal noch vorgesehen. Weltweit, so erfuhren die Anwesenden, ist Folter noch weit verbreitet, in 58 Staaten der Welt wird sogar noch die Todesstrafe vollstreckt. AI richtet sich in jedem Fall gegen Folter und Todesstrafe.

Der dritte Halt auf dem Menschenrechtsweg wurde auf dem Schlossberg gemacht. Es ging dabei um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die viele Jahre in Nürtingen lebende Herzoginwitwe Ursula von Württemberg war in der Stadt sehr beliebt. Als 1634 die Kaiserlichen Truppen in Nürtingen einfielen, schlugen und vewundeten sie die Herzogin und zogen sie schließlich über die Leichname der toten Bürger durch die Straßen, bis ein Nürtinger beherzt eingriff und befreite. Im Verlauf des Krieges ging es vielen nicht anders und es wuchs schließlich eine Generation heran, die nichts Anderes kannte als Krieg und rohe Gewalt. In Ländern wie Ruanda oder dem Kongo geht es heute noch nicht viel anders zu als damals in Deutschland, auch wenn es heute oft mehr um Bodenschätze geht. AI setzt sich dafür ein, dass Kriegsverbrechen und Massenvergewaltigungen nicht ungestraft bleiben, sorgt für Öffentlichkeit und übt so Druck auf die Machthaber aus.

Die vierte Station führte die Teilnehmer vor die Kreissparkasse, Strohgasse 1. Dort lebte bis in die 1930er-Jahre die Nürtingerin Anna Frank, die ein Herrenbekleidungsgeschäft führte. Ihre Familie war gut in die Stadtgemeinschaft integriert. Dies änderte sich mit den Nürnberger Gesetzen drastisch. Plötzlich wurde ihre Familie als Juden ausgegrenzt, diskriminiert und schließlich deportiert. Sie starb in einem Sammellager, weil man ihr die dringend benötigte ärztliche Hilfe verweigerte. Die Organisatoren der Führung zogen dabei eine Verbindung zu anderen Gruppen, die aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder sozialer Stellung ausgegrenzt werden, oder weil sie sich lokal für den Schutz der Menschenrechte einsetzen, wie z.B. die "Women of Zimbabwe". In diesen Fällen unterstützt AI, indem man hilft, Öffentlichkeit gegen Rechtlosigkeit zu setzen.

Am Bahnhof befand sich die vorletzte Station des Weges, bei dessen Bau die Mutter des als nächstes vorgestellten Nürtingers Zeugin war. Otto Umfrid (geb. 1857) war schon früh von pazifistischen Ideen geprägt und erkennt die Verbindung zwischen sozialen Fragen und Frieden. Er setzt sich aktiv für soziale Gerechtigkeit ein und für die Verbindung zwischen den Völkern. Er ist als "Friedenshetzer" verschrieen, wird während des 1. Weltkriegs mit Schreibverbot belegt. Der Theologe wird für seinen Einsatz von einigen Seiten, auch Kollegen, angegriffen. Er wird aber auch 1913 für den Friedensnobelpreis nominiert, dessen Verleihung durch den Ausbruch des 1. Weltkriegs verhindert wird. Analog dazu wird der Fall von Myroslav Marynowich vorgestellt. 1977 wird er in der Ukraine wegen Mitbegründung der Menschenrechtsorganisation "Helsinki Watch" zu 7 Jahren Arbeitslager verurteilt. AI setzte sich für seine Freilassung ein. Dies führte dazu, dass Marynowich, inzwischen wieder auf freiem Fuß, sich daraufhin umso engagierter für Menschenrechte und die Rechte politischer Gefangener eintrat.

Nach gut eineinhalb Stunden führte der Menschenrechtsweg an seinen Ausgangspunkt in der Seegrasspinnerei zurück. Dort wartete auf die Teilnehmer noch die Geschichte eines weiteren Nürtingers, einem Beispiel, welchen Unterschied ein einzelner machen kann. Auf dem Gelände der Seegrasspinnerei befand sich während des 2. Weltkriegs das Fabrikgelände der Firma Alex Linder, inkl. lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Als Werksinspektor der Firma war August Richter auch für die Betreuung der Zwangsarbeiter zuständig. Dabei setzte er sich stark für die Verbesserung ihrere Lebensumstände ein, bewirtschaftete mit ihnen gemeinsam einen Gemüsegarten, um die Lebensmittelversorgung zu sichern. Vor allem aber begegnete er den Gefangenen stets mit Respekt, was dazu führte dass nach dem Einmarsch der Alliierten die französischen Kriegsgefangenen sich revanchierten und für August Richter und den Schutz der Firma Alex Linder einsetzten.


 


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