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  Kultur
 
Aus der Schatztruhe der jüdischen Erzählkultur - 24.5.2016
Revital Herzog war mit einem Erzählkonzert in der Alten Seegrasspinnerei zu Gast

  (to) Dass das Leben eine Ansammlung von Geschichten ist – ernsten und heiteren – diese Tatsache findet nicht zuletzt in der jüdischen Kultur ihren Ausdruck: Die Tradition, Geschichten zu erzählen und ihnen zuzuhören, ist in dieser nämlich sehr stark ausgeprägt.

Kürzlichg war dies in der Alten Seegrasspinnerei zu erleben: Zu Gast war Revital Herzog, die heute in Reutlingen lebt, aber einer jüdischen Familie aus Israel entstammt. Schon ihr Großvater, der in Persien aufwuchs, erzählte auf Marktplätzen Geschichten aus „1001 Nacht“ – sehr frei, sollte man dazu sagen. Denn als die Enkelin nach diesen Geschichten in den Büchern suchte, fand sie keine einzige von denen darin, die ihr Großvater erzählt hat. Inspiriert zu ihrer Kunst wurde Herzog auch durch befreundete Beduinen der Halbinsel Sinai, deren Geschichten sie bei ihren Besuchen am Lagerfeuer häufig gelauscht hat.

Das Erzählkonzert „Komm an den Tisch unter den Mandelbaum“ in der Seegrasspinnerei widmete Herzog allerdings ihrem Onkel David Fruchtmann, ein Shoah-Überlebender aus Rumänien, der sich seine Lebensfreude und sein lustiges Wesen bis zu seinem Tod bewahrt hat.

Als dieser in Israel lebte, bemerkte er eines Tages die molligen Arme von Herzogs Tante, die in einem Liegestuhl lag: Augenblicklich verliebte sich David, der auch schon mal mit James Dean verglichen wurde, in die schönen Grübchen ihrer Hände und sprach sie sogleich an. Die ganze Nacht redeten sie daraufhin miteinander und in den frühen Morgenstunden vertraute er ihr an: „Ich wünsche mir, dass du die Mutter meiner Kinder wirst.“ Die Ehe war glücklich, von Kindern gesegnet und in dem Haus lag immer ein Lachen in der Luft: Die Liebe war deutlich zu spüren. Selbst mit seinem Tod erlaubte sich der Onkel noch einen Spaß: Er starb am 1. April.

Solche und andere Geschichten erzählte Herzog an dem kurzweiligen Abend, manche waren persönlicher Natur, andere entstammten dem reichen Schatz der jüdischen Tradition – so die über Baal Schem Tov, einem der Begründer des osteuropäischen Chassidismus: Als dessen Schüler mal im Dunkeln saßen und froren, brach der Rabbi Eiszapfen ab, brachte sie in den dunklen Raum und zündete sie an, woraufhin es nicht nur hell, sondern auch warm wurde. Dem Chassidismus fühlt sich Herzog, wie sie sagte, vor allem deshalb verbunden, weil er nicht nur Menschlichkeit und Aufrichtigkeit lehre, sondern auch Lebensfreude. In der freudigen Ekstase seien wir, so Herzog, Gott besonders nah.

Um zu zeigen, dass Juden auch über ihre Glaubensbrüder lachen können, gab Herzog folgende Geschichte zum Besten: Ein Jude, der ganz allein auf einer Insel lebte, hatte zwei große Synagogen errichtet. Als ein Seefahrer, der die Insel besuchte, ihn fragte, warum er gleich zwei Synagogen gebaut habe, antwortete dieser: „In die eine gehe ich regelmäßig zum Beten, in die andere gehe ich nie, die ist nämlich für die anderen.“  Das Herzog das letzte Wort verächtlich aussprach, ist scheint diese Geschichte so zu deuten sein, dass auch Juden, wenn sie ganz allein sind, nicht ohne Feindbilder leben können.

Revital Herzog bot einen zugleich unterhaltsamen und inspirierenden Abend, zwischen den Geschichten griff sie immer wieder zu ihrem Akkordeon und spielte Klezmer-Stücke und arabische Tänze aus Israel.

Auf dem Foto zu sehen: Revital Herzog
Fotografin: Julia Rieger


 


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